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10:28 11.10.2019
Greta Thunberg hat innerhalb eines Jahres das Engagement für den Klimaschutz verändert. Nun trauen ihr manche zu, den Friedensnobelpreis zu gewinnen. Quelle: imago images/Bildbyran
Berlin

Michail Gorbatschow. Nelson Mandela. Barack Obama. Und nun Greta Thunberg? Die schwedische Klima-Aktivistin könnte heute als Friedensnobelpreisträgerin präsentiert werden. Es wäre die Krönung einer fast unglaublichen Geschichte. Der Geschichte einer 16-Jährigen, die binnen eines Jahres von der einsamen Schulschwänzerin fürs Klima zur Ikone für Millionen Menschen geworden ist. Die Menschen auf der ganzen Welt inspiriert, freitags für eine schärfere Klimapolitik auf die Straßen zu gehen.

Greta Thunberg trägt Angst und Wut der jungen Generation in die Welt. Eine 16-Jährige, die mit gelber Regenjacke, Strickmütze und ihrem Plakat „Skolstrejk för Klimatet“ vor dem schwedischen Parlament saß und wenige Monate später zur eindrucksvollen Rednerin vor den Mächtigen dieser Welt geworden ist. "Wie könnt ihr es wagen?" und "Ich will, dass ihr in Panik geratet" - so klingt die anklagende Rhetorik der Greta Thunberg. Nur: Ist ein Aufruf zur Panik preiswürdig?

Greta Thunberg: Befürworter für Friedensnobelpreis

Menschen, die gern in der Nobel-Jury säßen, gibt es viele. Greta-Anhänger wie Carola Rackete, selbst Aktivistin, schreiben ihr zu, etwas geschafft zu haben, „was viele vor ihr nicht geschafft haben, nämlich eine weltweite Bewegung zum Klimaschutz zu schaffen“. „Greta hätte den Friedensnobelpreis sicher verdient“, sagte die niedersächsische Schiffskapitänin, die durch ihre Flüchtlingsrettung mit der „Sea Watch 3“ auf dem Mittelmeer bekannt wurde, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die 270.000 Fridays-for-Future-Demonstranten, die vor wenigen Wochen in Berlin vor dem Brandenburger Tor demonstrierten, hätten wohl auch nichts gegen eine Friedensnobelpreis-Trägerin Thunberg. Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme und Mitbegründer von „Scientists for Future“, fällt nach eigenem Bekunden niemand anderes ein, der den Preis verdient hätte.

Auf der anderen Seite sind nicht wenige Skeptiker. So wie Paul Ziemiak, Generalsekretär der CDU. Er verspottete Thunberg für ihre Kritik am deutschen Kohleausstieg: "Arme Greta", schrieb er auf Twitter und nutzte noch dazu ein Emoji mit einem Affen, der seine Augen zuhält. Viele Skeptiker fragen: Ist ihre Angst nicht unpolitisch, gar naiv? Für die Skeptiker ist Thunberg bestenfalls ein Opfer: ein womöglich leidenschaftlich engagiertes, aber vom Medienrummel und dem Druck der Eltern doch überfordertes Mädchen, hinter dem ein ganzer Stab an Werbestrategen, politischen Einflüsterern und professionellen Klimaschutz-Lobbyisten stecken muss. Anders sei Thunbergs sagenhafter Aufstieg ja nicht zu erklären – und deshalb habe sie auch den Preis nicht verdient.

Eltern von Greta Thunberg im Fokus

Die Vorwürfe treffen auch Gretas Eltern. Mal werden sie als Fanatiker hingestellt, die ihr Kind zum Klima-Aktivismus gedrillt haben; mal gehe es ihnen um Promotion für die eigene Karriere, mal um Geld von unbekannten Dritten. Die Familie kontert: Vielmehr hat Greta ihre Eltern überzeugt, nicht umgekehrt.

Greta kommt nicht gerade aus einer Familie von Klima-Aktivisten. Ihr Vater, Svante Thunberg, sagte etwa dem Deutschlandfunk: „Ich liebte Autos, Reisen, Essen, Kleidung war mir total wichtig.“ Ihre Mutter, Malena Ernman, war schon vor Greta berühmt – vor zehn Jahren trat sie für Schweden beim Eurovision Song Contest in Moskau an. Für ihre Karriere als Opernsängerin reiste sie um die ganze Welt. Dann kam der Bruch in die Familie.

Fliegen sei das absolut Schlimmste. Ein Satz, der von Greta Thunberg heute nicht ungewöhnlich klingt. Aber er fiel schon 2016 – zwei Jahre bevor sie der Weltöffentlichkeit bekannt werden sollte. Sie weigerte sich dem Klima zu Liebe, mit in den Urlaub zu fliegen. Als ihr Vater und ihre Schwester zurückkehrten, erklärte sie: „Ihr habt gerade einen C02-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht, das entspreche der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.“ Von dort an hatte der Vater beschlossen, am Boden zu bleiben. Und auch die Mutter gab fortan das Fliegen auf, opferte ihre Karriere. Die Entscheidungen hätten Greta glücklich gemacht. So steht es in der Biographie der Familie.

Eltern erzählen schonungslos von Greta Thunbergs Krankheit

Thunbergs Eltern haben sie vergangenes Jahr geschrieben. „Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima“ dreht sich weniger um Gretas Glück als um ihre Erkrankungen – und die ihrer Schwester. Die Eltern erzählen schonungslos von Gretas Depressionen, Essstörungen und der Odyssee bis zur Diagnose der Krankheit Asperger.

Nach der Veröffentlichung wird der Vorwurf laut, das Buch sei Teil der PR-Strategie der Familie Thunberg und der Veröffentlichungstermin passend zum Start von Gretas Streik gewählt, um die Einnahmen zu steigern. In der deutschen Übersetzung kontern die Verfasser: Das Geld aus dem Buchverkauf gehe an Greenpeace, WWF und weitere Organisationen. Dies sei die Entscheidung der beiden Kinder gewesen.

Auch der Vorwurf, Thunbergs Vater habe mit seinen Firmen von der Bekanntheit seiner Tochter profitiert, gilt mindestens für 2018 als widerlegt. Thunbergs Firmen haben in den vergangenen Jahren nicht mehr Gewinne gemacht als zuvor, eine der beiden sogar keinen Umsatz. Auch gegenüber dem Deutschlandfunk versucht Svante Thunberg im März, manche Vorwürfe über vermeintliche Geldgeber zu entkräften. Er bezahle alles selbst – unter anderem Bahnfahrkarten und Mietwagen für die vielen Termine.

Dass Gretas Reise über Europa hinaus führt, haben die Eltern damals wohl nicht vermutet. Von Gretas Obsession mit dem Klima und ihrer Unnachgiebigkeit wussten sie aber umso mehr. Sie habe angefangen nachzuzählen, wie oft die größten Zeitungen auf ihren Nachrichtenseiten über Umwelt und Klima berichteten. „Greta ist jemand, die nichts aus dem Auge verliert, was sie wichtig findet“, sagt die Mutter.

Dass Greta auf Drängen ihrer Eltern gestreikt habe, hat sie deshalb nach wiederholten Vorwürfen zurückgewiesen. Im Gegenteil, hätten diese sie bei ihrem Schulstreik anfangs nicht unterstützt. Mittlerweile sieht das gleichwohl anders aus – ihr Vater ist ihr Manager. Aber Gretas Aufstieg zum ständigen Medienereignis und ihr professioneller Umgang mit öffentlichen Auftritten und Aktionen sind wohl nicht allein mit der Unterstützung aufopferungsbereiter Eltern zu schaffen.

RND - Flurfest: Hätte Greta Thunberg den Friedensnobelpreis verdient?

Hat ein Schwede Greta Thunberg entdeckt?

Dass Thunbergs zunächst einsamer Schulstreik der Öffentlichkeit derart schnell bekannt wurde, hat viel mit dem Unternehmer Ingmar Rentzhog zu tun. Der Schwede, jung, adrett gekleidet, gegeltes Haar, behauptet von sich selbst, der Entdecker von Greta Thunberg zu sein.

Rentzhog ist der Gründer von „We don’t have time“, einem Netzwerk für Klima- und Umweltprojekte. Am Tag von Thunbergs erstem Schulstreik im August 2018 sei er ebenfalls vor dem Schwedischen Reichstag aufgetaucht und habe Fotos von Thunberg und ihrem Pappschild über das Netz verbreitet. „Ich habe Greta dann auch mit einer Menge geholfen und dazu auch mein Kontaktnetzwerk verwendet“, sagte er der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet. Rentzhog hat Thunberg schließlich auch den Platz bei ihrer ersten Klimakonferenz in Kattowitz im November 2018 verschafft.

Thunbergs Auftritt in Polen ist auch die Geburtsstunde von Fridays for Future in Deutschland. "Als es vorbei war, ging ich zu Greta und bot ihr meine Unterstützung an", schreibt Luisa Neubauer, das deutsche Gesicht der Bewegung, in ihrem Buch "Vom Ende der Klimakrise", das kommende Woche erscheint. "Sie schien mir eine der wenigen auf dieser Konferenz zu sein, die den ganzen Wahnsinn überhaupt wahrnehmen. Am Freitag derselben Woche streikte ich das erste Mal für das Klima."

Thunberg kappt draht zur Organisation

Trotz des Zugangs zur Konferenz scheint Thunberg Rentzhog hingegen nicht als ihren Erfinder oder Entdecker zu sehen. Vielmehr hat Rentzhog wohl selbst versucht, von Thunbergs späterer Bekanntheit zu profitieren. Er habe ihren Namen zur Werbung genutzt, um Investoren anzulocken, schreibt die schwedische Zeitung.

Wahr ist demnach, dass Greta Thunberg zwar selbst für das Unternehmen als Jugendbotschafterin aktiv war. Svante Thunberg, Gretas Vater, dementierte jedoch, dass die Familie etwas von der Werbung mit Gretas Person gewusst habe. Greta selbst hat daraufhin ihren Draht zur Organisation gekappt.

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Am Anfang stehen Bo Thorén und Kevin Anderson

Die Initialzündung für ihren Schulstreik kommt aus einer anderen Richtung. Durch die Teilnahme an einem Schreibwettbewerb zum Klimathema beim "Svenska Dagbladet" stieß sie auf Bo Thorén, der junge Klima-Aktivisten für seine Kampagne suchte.

Thorén gehört dem Umweltverband „Fossil Free Dalsland“ an und ist auch bei "Extinction Rebellion" beteiligt. Im Gegensatz zu Rentzhog scheint er nicht den medialen Auftritt zu suchen. Thunberg selbst erklärte, sie habe den Streik und weitere Ideen zunächst mit ihm und anderen Aktivisten diskutiert. Zudem stand Gretas Familie zu einem frühen Zeitpunkt in engem Kontakt zu dem bekannten britischen Klimaforscher Kevin Anderson.

Offenbar hatte auch der Kontakt zu Thorén weiter Bestand, wie sich Ende Oktober 2018 zeigte, als sie bei einer Veranstaltung von "Extinction Rebellion" in London auftrat. Die Aktivisten protestieren vornehmlich mit Mitteln zivilen Ungehorsams, die Thunberg selbst auch befürwortet. In den sozialen Netzwerken teilt sie die Straßen- und Brückenbesetzungen dieser Woche in Berlin, London und anderswo.

Weiterer Support und die Reise nach Amerika

Auf der Straße, im Fernsehstudio und bei anderen öffentlichen Auftritten ist Thunberg mittlerweile nicht allein: Helfer und PR-Profis schirmen sie ab und organisieren ihre Termine. Aus dem anfänglichen Unterstützerkreis ist ein breites Netzwerk mit professionalisiertem Management geworden.

Ein ganzes Team, nach eigenen Angaben freiwillige Helfer, schart sich um die 16-Jährige in Stockholm. Die Kommunikation auf ihrer Amerika-Reise übernimmt das amerikanische Klimaschutz-Unternehmen „Climate Nexus“, ein Partner des internationalen Kommunikationsnetzwerkes GSCC. Laut der schwedischen Boulevardzeitung "Expressen" arbeiten bei letzterer zwei Vollzeitkräfte an der Pressearbeit. Ein Mitarbeiter hat dies gegenüber der Zeitung so bestätigt: „Die Familie wird mit Hunderten von Anfragen aus aller Welt überschwemmt und hat uns deshalb um Hilfe gebeten. Aber wir helfen nur mit den rein praktischen Fragen.“

Climate Nexus weiß, wie es Thunberg geschickt auch für andere Projekte nutzen kann. Und andere Aktivisten wissen, welche Aufmerksamkeit ihnen durch sie zu Teil wird. So wie diese Woche in South Dakota. Thunberg besuchte das Indianerreservat Standing Rock und tritt in einer kleinen Schulturnhalle mit der ebenfalls 16-jährigen Tokata Iron Eyes, auf. Sie kämpft unter anderem gegen den Bau einer Öl-Pipeline, die die Trinkwasserversorgung des Stammes gefährden würde.

Auch bei ihren Reden erhält sie Unterstützung. Wie viel Thunberg selbst schreibt, ist letztlich schwer nachzuvollziehen. Seit sie eine solch große Zahl an Menschen erreiche, nehme sie allerdings Ratschläge - unter anderem von Wissenschaftlern - an, sagte sie im Februar. Dazu zählen der mit der Familie befreundete britische Forscher Kevin Anderson, der schwedische Forscher Johan Rockström und auch der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf, beide vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung, das Greta im Frühjahr besuchte.

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Wie stehen Greta Thunbergs Chancen für den Friedensnobelpreis?

Wie stehen bei all dem Rummel um ihre Person nun also die Chancen auf die Krönung dieser unglaublichen Geschichte? Bei den Londoner Buchmachern für Wetten auf den künftigen Nobelpreisträger liegt Thunberg jedenfalls in Führung. Beim Direktor des Osloer Instituts für Friedensforschung, Henrik Urdal, steht sie allerdings weniger hoch im Kurs. Jährlich veröffentlicht er eine Shortlist mit Namen aus dem Favoritenkreis. Ganz vorne sieht er unter anderem die weniger von den Medien getragene junge libysche Friedensaktivistin Hajer Sharief. Thunberg fehlt nicht etwa auf der Liste, weil Urdal ihr keine Chancen zuspricht, sondern vielmehr weil er keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen Klimawandel und bewaffnetem Konflikt sehe.

Falls sie den Preis wirklich bekommt, hätte Thunberg ein großes logistisches Problem: Anfang Dezember will sie bei der UN-Klimakonferenz in Chile auftreten. Die Preisverleihung ist am 10. Dezember in Oslo. Es gibt nur ein Verkehrsmittel, mit dem sie die 13.000 Kilometer rechtzeitig zurücklegen könnte.

Von Sebastian Stein/RND

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