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Medien & TV Kommentar zu Sarah Connors Song „Vincent“: Regt euch nicht so auf!
Nachrichten Medien & TV Kommentar zu Sarah Connors Song „Vincent“: Regt euch nicht so auf!
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10:22 07.06.2019
Sarah Connor eckt mit ihrem Song an. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
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Hannover

Provokant soll sie sein, mit PR kalkulieren, unnötig mit anzüglichen Andeutungen um sich schmeißen – die Rede ist nicht von Madonna oder Lady Gaga. Sondern von der harmlosen Wohlfühl-Sängerin Sarah Connor. Der Stein des Anstoßes: gleich die erste Zeile ihres neuen Songs „Vincent“. „Vincent kriegt kein’ hoch, wenn er an Mädchen denkt“, begleitet von sanftem Gitarrengeplänkel. Jetzt wollen ein paar Radiosender (u. a. Radio Antenne Bayern, Hitradio Antenne 1 in Stuttgart und der Berliner Familiensender Radio Teddy) den Song nicht spielen – oder diese ach so-anrüchige Zeile am Anfang oder am Ende einfach sanft ausblenden. Wie eingepackt in Zuckerwatte.

Kinder müssen irgendwann aufgeklärt werden

Regt euch nicht so auf, ihr Programmdirektoren. Denn eigentlich schwimmt das Lied voll im weichen Poprausch. Da wird an Hochzeit gedacht, die Herzen zerbrechen und ein Mädchen im Song ist jetzt bei TinderTinder ist im Übrigen nicht das Problem der Radiodirektoren. Diese Dating-App, die viele fürs Kennenlernen, manche aber gerne für den schnellen Sex gebrauchen. Das Hochkriegen, also die Erektion sei das Problem, so argumentiert beispielsweise Ina Tenz, Programmchefin von Antenne Bayern. Nicht – und das betonen die zögerlichen Radiosender allesamt – die Homosexualität sei das Problem, sondern die Beschreibung der Erektion. Sie wollten, dass Familien mit ihren Kindern frühstücken könnten, ohne ihn erklären zu müssen, was „keinen hochkriegen“ bedeutet, heißt es zur Begründung aus Stuttgart.

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Warum nicht? Kinder müssen irgendwann aufgeklärt werden. Und das vor der Pubertät. Und die Zeit vor der Pubertät ist dann eben die Kindheit. Ist das also so schlimm?

Andere Lieder werden mit einem Achselzucken hingenommen

Und im ernst: Es ist nicht der erste Song von Sarah Connor, der von Sexualität handelt. Nur ist er diesmal eben auf Deutsch. Da gab es zum Beispiel: „Let’s get back to bed, boy“. Ein Lied darüber, wie ein frisch verliebtes Paar den ganzen Tag Sex hat und nicht aus dem Bett will. Eine Kostprobe in der deutschen Übersetzung, das Lied war im Original auf Englisch: „Also lass es uns angehen, lass es uns miteinander angehen. Ja, komm schon, gib es mir, Baby.“ Auch wenn der Text auf Englisch war, hat spätestens das Musikvideo bei MTV oder Viva am Nachmittag alle Unklarheiten beseitigt.

Über Sexualität wird schon in Kindergärten und in Grundschulen gesprochen – Sarah Connors „Vincent“ ist da eigentlich 30 bis 40 Jahre zu spät, um für Aufregung zu sorgen. Eigentlich. Oder es ist so, wie der Schwulenverband vermutet: Dass der Umgang mit Homosexualität verkrampft ist, dass es sehr wohl darum geht, dass in dem Song ein Schwuler beim Anblick von Mädchen keinen hochkriegt. Denn Beispiele für explizite Textzeilen, ob auf Deutsch oder Englisch, bei heterosexueller Liebe gibt es zuhauf. Warum sind ähnlich eindeutige Passagen wie etwa aus Songs von Ofenbach & Nick Waterhouse, Robin Thicke oder Capital Bra auf dem Schulweg in Ordnung, die Erektion eines Homosexuellen aber nicht? Darüber, liebe Radiosender, solltet ihr dann noch einmal nachdenken.

Von Geraldine Oetken /RND