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Medien & TV Sensation an der Förde - Die Wahlsendungen im Schnell-Check
Nachrichten Medien & TV Sensation an der Förde - Die Wahlsendungen im Schnell-Check
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01:57 08.05.2017
Schleswig-Holstein wählt - und Deutschland schaut zu.
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Kiel

Wie seit vielen Jahren und Wahlen üblich, liegen die Demoskopen bei ihren Prognosen nach den Nachwahlbefragungen um 18 Uhr ziemlich genau am späteren Ergebnis: Das nimmt die Spannung schnell heraus – die aber baut sich wieder auf, weil schnell klar wird, dass es nur eine Gewissheit gibt: Die Küsten-Koalition, jene nordische Besonderheit eines Dreierbündnisses aus SPD, Grünen und der Minderheitenvertretung des SSW, hat ihre schon vorher sehr knappe Mehrheit klar verloren – alle drei Balken dieser Parteien weisen ins Minus, die von CDU und FDP klar ins Plus.

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Die jüngsten Umfragen hatten darauf hingewiesen, dass sich der Wind gedreht hatte: Entsprechend unkten die hinzugeladenen Experten, dass möglicherweise die Themenwahl über Wohl und Wehe im Prozente-Kampf entschieden haben könnte. Und dass die persönlichen Beliebtheitswerte einen weiteren Ausschlag gegeben haben könnten: Schon vor der 18-Uhr-Prognose erfuhr man bei Tagesschau24, dass Torsten Albig keinen Amtsbonus einfahren konnte und dass Robert Habeck der beliebteste Politiker im „echten Norden“ ist.

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Das NDR-Fernsehen wartete zwischendurch mit der Vorstellung des ersten mobilen Wahllokals auf, in dem man in der umgebauten Nasszelle des Wohnmobils hinter vorgezogenem Vorhang sein Kreuzchen machen konnte. Ob dies zur erhöhten Wahlbeteiligung betrug, scheint ungewiss: Nach eigenem Bekunden fand sich kein vorheriger Nichtwähler ein.

Ansonsten folgten die Wahl-übertragenden Sender ARD, ZDF und Dritte einem klassischen Procedere: Alle schalteten vor der ersten Prognose zu den jeweiligen Wahlpartys, zeigten dann kurz danach die jubelnden oder entgeisterten Party-People – am eindrücklichsten zeigte sich das Wahlergebnis in der ARD beim raschen Umschaltspiel zwischen SPD- und CDU-Feier. Jubelstimmung am Steg an der Förde, wo die CDU der Ankunft ihres neuen Heilsbringers entgegenfieberte, leere Blicke dort.

Erstaunlich rasch fanden sich die Spitzenkandidaten vor den Kameras ein: Ein von innen heraus strahlender Wolfgang Kubicki stellte bei ZDF-Anchorwoman Bettina Schausten gleich mal souverän klar, dass eine Ampelkoalition gar nicht gehe – jedenfalls nicht mit einem Ministerpräsidenten Torsten Albig. Da konnte man heraushören, dass der gewiefte Veteran ein solches Bündnis per se nicht grundsätzlich ausschloss – allerdings müsse das „Aufstiegsversprechen“ für die Menschen mal wieder im Vordergrund stehen, weniger die Gerechtigkeitsthematik. Immerhin war die soziale Mobilität nach oben dank wachsender Wirtschaft und ausgebautem Bildungssektor einst eine treibende Kraft auch bei der SPD, was Ende der 60er schon mal für eine sozialliberale Koalition sorgte. Ein Hintertürchen schien da einen Spalt breit zumindest offenzubleiben.

Nicht zum ersten Mal stand bei der Berichterstattung zur Schleswig-Holstein-Wahl nicht ständig die Schleswig-Holstein-Wahl im Mittelpunkt: Immer wieder richtete sich der Blick zum einen nach Frankreich, so das plötzlich Kanzleramtsminister Altmaier den Bildschirm füllte. Zum anderen natürlich auch gen Nordrhein-Westfalen, von wo CDU-Hardliner Jens Spahn Siegesgewissheit aus jeder Pore dampfte, während SPD-Generalsekretärin Katharine Barley eher im Defensiv-Modus agierte.

Da blieb sie auch in der obligatorischen Berliner Runde des ZDF, wo Moderator Elmar Theveßen gleich klarstellte: „Wir haben einen neuen Tisch, wir selbst sind aber nicht neu“ – was nicht ganz stimmte. Getreu der Richtlinie, nur Vertreter von Parteien einzuladen, die in Fraktionsstärke im Bundestag vertreten sind, fehlten Vertreter von FDP und AfD, was die Aussagekraft der Runde im Hinblick auf folgende Wahlen schmälerte; immerhin wurden sie in kurzen Einspielern eingeblendet. Erstaunlich: Sogar CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer gelang es, an sich zu halten und sich mit dem Verströmen bester Laune zu begnügen.

Das ganze Elend der SPD gestern war dagegen auf allen Kanälen sichtbar: In Berlin mühte sich ein angefasster Martin Schulz, jedes aufkommende Geraune über einen „Schulz-Defekt“ und einen entgeisten „Schulzzug“ aufzuhalten. Immerhin zeigte er gute Miene zum für seine SPD bösen Spiel. Und ein mehr als sauertöpfischer Ralf Stegner stand da in Kiel auf den Bühnen und vor den Mikrophonen neben einem sichtlich getroffenen Torsten Albig, der sich bemühte, die Fassung zu bewahren. ZDF-Experte Heinz-Rudolf Korte sprach da schon von einer „Sensation“ und war sich mit weiteren Experten einig, dass schon „ganz schön viel schiefgegangen“ sein müsse, wenn ein Titelverteidiger wie Albig gegen einen eben noch Unbekannten wie Daniel Günther sang- und klanglos untergehe. Dessen triumphale Ankunft bei der CDU-Wahlparty lief quasi synchron bei ARD und ZDF – was zeigt, dass der neue Mann jetzt voll im Fokus auch der Medien steht. Albigs Zukunft hingegen scheint nun mehr als fraglich.

Ob wirklich beide öffentlich-rechtlichen Kanäle so nah aneinander über das gleiche Ereignis berichten müssen, wenn sie sich dabei von den jeweiligen Interview-Panels bis zu den übertragenen Dankes- oder Trostreden der Protagonisten so wenig unterscheiden, die im munteren Wechselspiel mal auf diesem, mal auf jenem Kanal auftauchten und stereotype Interview-Antwortfloskeln von sich gaben, mag sich jeder selber fragen.

Ausgiebig informiert wurde man immerhin, auch auf den Spartensendern wie N-24, Phoenix und Tagesschau24, auch mit einer Fülle von statistischen Daten in hübschen grafischen Aufbereitungen. Beflissen reckten sich Mikrophone auch AfD-Vertretern entgegen – bloß nicht wieder der Voreingenommenheit geziehen werden, schien die Devise zu lauten.

Die Frage, wie es nun weitergeht im Land der Horizonte, konnten all die Diagramme, Balken und Torten aber auch nicht klären: „Da werden wir wohl diese Woche nicht mehr viel erleben“, fassten die jeweiligen Präsentatoren die Essenz des Abends zusammen. Nächsten Sonntag dann hören wir uns wieder, wenn in Nordrhein-Westfalen Siege erklärt, Verluste verkraftet und Koalitionsmöglichkeiten ausgelotet werden.

Michael Wittler

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