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Medien & TV So geht die Spannung beim Entführungsdrama im „Tatort: Ausgezählt“ aus Luzern verloren
Nachrichten Medien & TV So geht die Spannung beim Entführungsdrama im „Tatort: Ausgezählt“ aus Luzern verloren
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11:45 11.06.2019
Livebild vom Entführungsopfer: Delia Mayer als Liz Ritschard und Stefan Gubser als Reto Flückiger im Polizeirevier. Quelle: ARD Degeto/SRF / Daniel Winkler
Luzern

In Luzern haben sie Angst, dass die Welt sie für possierlich hält, für zu weich, zu reich und nicht mal in der Lage, einen Mord mit Blut und Niedertracht ins Bild zu rücken. Darum verstecken sie partout die Schönheit ihrer Stadt, wenn sie mal wieder dran sind mit dem „Tatort“ – sie stecken ihren Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) in eine dunkle Outdoorjacke und geben der Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) eine Hemmung mit, keine schwere, vielleicht ist das auch nur Empfindsamkeit. Das reicht, um der Effizienz des Landes ein bisschen Sand ins Getriebe zu streuen.

Es geht darum, der Schweiz den satten Wohlstand in den Krimis auszutreiben, deshalb gibt es in der neue Folge „Ausgezählt“ gleich einen schnörkellosen Abstieg in die Unterwelt: Schon in den ersten Bildern hauen sich zwei junge Frauen auf die Nase. Boxring, schlechte Luft, schmierige Kerle schauen zu – doppelt so alt wie die Frauen, seelisch dreimal so kaputt, wenn man dem feisten Grinsen glauben darf.

In Luzerner „Tatort“ wird die Boxwelt von solarbraunen Typen regiert

Eine der Frauen stirbt beim Kampf, Herzstillstand, die Folge vom Doping. Die Siegerin Martina Oberholzer (Tabea Buser) möchte raus aus der Szene, sie will auspacken, alles erzählen über die Welt der Aufputschmittel und Präparate. Doch so einfach geht das nicht, weil die Boxwelt, wenigstens die kleine Blase in Luzern, von solarbraunen Typen regiert wird. Sven Brügger (Urs Humbel) ist so einer, er hat sich die Manieren weggekokst und jede Form von Empathie. Brügger sperrt Martina in einen Luftschutzkeller. Martina ist gefangen, sie soll sich ihren Bossen beugen. Und weiterboxen. Beobachtet wird sie von einer kleinen Kamera.

Brügger wird ermordet, was moralisch wohl das kleinste Problem des „Tatorts“ ist, denn Typen wie er werden als Schmeißfliegen inszeniert (Drehbuch: Urs Bühler, Regie: Katalin Gödrös). Die Konsequenz aus diesem Mord indessen treibt den „Tatort“ an: In welchem Keller steckt Martina? Wie kann man sie befreien? Nur Brügger kannte die Adresse. Weil sie dopt, braucht Martina doppelt so viel Flüssigkeit wie ein normaler Körper. Bald wird die verdursten. Die Kommissare sehen sie über die Kamera, doch können nicht mit ihr reden. Martina weiß nicht, dass die Polizei sie sucht.

Countdown soll Spannung im „Tatort“ aus Luzern erzeugen – simuliert sie aber nur

Ein lupenreiner Countdown, die Uhr läuft runter, das Leben hängt am seidenen Faden. Klassischer Ansatz, um Spannung zu erzeugen. Besser, als sich in falschem Ehrgeiz zu verlaufen, was in Luzern durchaus schon vorgekommen ist.

Warum die Story trotzdem wächsern wirkt, unbeweglich und einen Hang ins Puppenstubenhafte zeigt? Das liegt zunächst an der Synchronisation, mit der die Luzerner Filme leben müssen. Weil sie auch in Deutschland verständlich sein sollen, werden sie auf Hochdeutsch nachbearbeitet, die Münder reden konsequent am Ton vorbei. Das ist eine Tragik, die man den Luzernern nicht anlasten kann, aus der sie aber nicht hinausfinden. So entsteht erneut eine Glätte, die sie hinter sich lassen wollten – nun erzeugt durch jene makellosen Stimmen, die wir aus amerikanischen Polizeiserien in deutscher Übersetzung kennen.

Heinz Oberholzer (Peter Jecklin), Onkel von Martina mit Job bei der Polizei, sagt, er habe Brügger erschossen – im Streit um die Frage, wo Martina steckt. Er soll undercover ins Gefängnis, um dort dem Doping-König Pius Küng (Pit-Arne Pietz) den Ort von Martinas Verließ zu entlocken, falls der überhaupt im Bilde ist, wo sie steckt.

Tatort“ aus Luzern ist auf den Spuren von „Derrick“

Leider fehlt dem Film das Werkzeug, Spannung wirklich zu erzählen und nicht allein zu simulieren. Oben läuft die Uhr, man sieht, wie lange ungefähr Martina durchhält ohne Wasser. Im Auto der Kommissare gibt es hektisch Funkverkehr, ernste Blicke überm Lenkrad, doch worum geht es? Niemandem ist das tatsächlich klar. „Was läuft hier?“ Immer wieder taucht die Frage auf in dieser Episode, die sich um Coolness müht, doch sie streckt sich vergeblich nach Lässigkeit.

Denn über dem Luzerner „Tatort“ hängt der Geist von „Derrick“. Damals dachte man, Dienst nach Vorschrift und ein Anzug von der Stange würden reichen, um das Kind zu schaukeln. Auch wenn es in Luzern die Outdoor-Jacke ist: Zu einem Verbrechen, das unter die Haut geht, sind sie in dieser Folge nicht imstande.

Von Lars Grote/RND

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