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Norddeutschland 18 Monate in Warteposition: Seeleute hängen in Lübeck fest
Nachrichten Norddeutschland 18 Monate in Warteposition: Seeleute hängen in Lübeck fest
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08:08 25.06.2015
An Bord der „Hanna“ unterhält sich Katharina Bretschneider mit dem philippinischen Koch Sal Delfino (44). Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Kapitän Anatolij Muravjov (59) aus Litauen hält mit fünf Mann die Stellung an Bord. Dreimal konnte er schon nach Hause fahren. „Ich bin seit 37 Jahren verheiratet und inzwischen zweifacher Großvater. Die Familie ist sehr wichtig“, erzählt Muravjov. Mit Mails und via Internet-Telefon hält er den Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern.

Andere Besatzungsmitglieder sind neun Monate lang an Bord. „Sie haben nie frei. Ein Schiff ruht nie“, erklärt Katharina Bretschneider (29), Leiterin der Lübecker Seemannsmission. Zudem gebe es auf dem Meer keine Kommunikationsmöglichkeiten. „Die Menschen sind von ihren Familien total abgeschnitten.“ In Seemannskreisen wird ein Schiff oft als „schwimmendes Gefängnis“ bezeichnet. „Das ist ganz schön hart“, so Bretschneider, die ausgebildete Sozialpädagogin und Diakonin ist.

Zusammen mit 15 Ehrenamtlern arbeitet sie in der Seemannsmission am Lehmannkai 2 in Lübeck-Herrenwyk, im ersten Stock eines Bürogebäudes. Sie sind an sechs Tagen pro Woche ansprechbar. Seeleute finden dort Internetzugang, Gesprächspartner, dazu verschiedene Snacks und Getränke sowie Hilfe aller Art. Als Sal Delfino (44), philippinischer Koch auf der „Hanna“, die Augen schmerzten, wandte er sich an die Seemannsmission, die ihm einen Arzt vermittelte.

Manche hätten auch familiäre Probleme, erzählt Bretschneider. Wenn beispielsweise der Bruder gestorben ist, fließen auch schon mal die Tränen. Ein anderes Mal berichtete ein Filipino, dass seine Frau schwanger sei. Er aber konnte die Schwangerschaft und die ersten Wochen seines Kindes gar nicht miterleben. „Viele schätzen es sehr, wenn sie mit jemandem sprechen können, der nicht zur Crew gehört“, sagt die Diakonin. An vier Abenden in der Woche gibt es den „Seaman‘s Club“ — Gelegenheit zum Gespräch, zum Dart- oder Billardspielen. „2014 war unser Rekordjahr. Wir hatten 991 Gäste“, berichtet Bretschneider. Die meisten sind Filipinos, gefolgt von Russen und Ukrainern. Auch Seeleute aus Polen und von Kiribati machen in Lübeck fest. „Wir kennen die Schiffe, die hierher kommen.“ Deutsche Seeleute seien nur noch sehr wenig unterwegs. „Sie sind geschätzt, aber teuer.“ Frauen sind ebenso selten. „Wenn mal eine Seefrau hier ist, halten wir das sofort im Foto fest“, sagt Bretschneider.

„Die Globalisierung wird auf dem Rücken der Seeleute ausgetragen“, beklagt die Deutsche Seemannsmission zum heutigen Tag des Seemanns. Kaffee, Schokolade, Papier, Handytechnik — alles kommt übers Meer zu uns. Nach Angaben der Seemannsmission werden 90 Prozent aller Güter weltweit durch Schiffe transportiert. „Der Zeitdruck wird immer größer, die Gehälter aber steigen nicht in gleichem Maße“, heißt es in einer Mitteilung.

Rund 415 Euro bekommt eine Reinigungs- oder Restaurantkraft auf einem Kreuzfahrtschiff bei nicht-europäischem Management für eine Sieben-Tage-Woche, berichtet Heike Proske, Generalsekretärin der Deutschen Seemannsmission in Bremen. Ebenso schlecht bezahlt sei ein indonesischer Oiler, ein Junge für alles, auf einem Containerschiff unter nicht-europäischer Flagge. „Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Seeleute für unser Leben eine Rolle spielen — auch wenn wir ihnen nicht begegnen“, erklärt Proske.

Zusätzlich würden Seeleute immer häufiger für die Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer missbraucht, kritisiert die Seemannsmission. Sie stünden dabei im Spannungsfeld zwischen ihrem Gewissen und ihrer Reederei, für die jede Stunde mehr Fahrtzeit viel Geld kostet. Die Seemannsmission fordert die EU auf, die Seefahrt gerade in dem Bereich zu entlasten.

Seelsorge am Seemann
Die Deutsche Seemannsmission mit ihrer Zentrale in Bremen gehört zu den ältesten Arbeitszweigen der Evangelischen Kirche in Deutschland. Seit über 125 Jahren leistet die Organisation auf Schiffen, in Seemanns-Clubs und -Heimen auf mehreren Kontinenten Seelsorge und Sozialarbeit an Seeleuten aus aller Welt. Dies geschieht unabhängig von Herkunft und Religion. Derzeit sind bei der Seemannsmission 700 Haupt- und Ehrenamtliche rund um den Globus aktiv. Sie hat im Ausland ein Netz von 16 Stationen, in Deutschland gibt es 16 Standorte.

Julia Paulat

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