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Norddeutschland 30 Meter länger: So wächst die „Peter Pan“
Nachrichten Norddeutschland 30 Meter länger: So wächst die „Peter Pan“
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15:46 28.01.2018
Das abgetrennte Heck der Fähre liegt vor dem Dock V der Werft in Bremerhaven. Es soll gleich an das davor liegende Vorderteil des Schiffes andocken. Quelle: Neelsen
Bremerhaven

Peter Pan trägt ein grünes Hütchen. Übermütig springt er in die Höhe. In leuchtenden Farben abgebildet auf einer weißen Schiffswand, die sich hoch über die roten Ziegelgebäude der Werft German Dry Docks in Bremerhaven erhebt. Doch Peter Pan, die Symbolfigur auf dem Heck der gleichnamigen TT-Line-Fähre, springt ins Leere: Der Rest des Schiffes neben ihm ist abgetrennt.

„Wir haben die Fähre aufgesägt und das Mittelschiff um 30 Meter verlängert“, erklärt Jan Seeman (52), technischer Leiter der Fährlinie. Das Heck liegt separat, ebenso die rote Nase des Bugs, der sogenannte „Bugwulst“. „Der ist schmaler geworden, um den veränderten Strömungseigenschaften des Schiffes besser gerecht zu werden.“

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Während das Heck im Wasser schwimmt, liegt der Hauptteil der Fähre mit dem Bug und dem neuen Mittelschiff im Trockendock. Gerüstarbeiter turnen darauf herum, sie scheinen frei in der Luft zu schweben. Schweißgeräte versprühen feuerroten Funkenregen. Ein blauer Kran fährt mit schrillen Warngeräuschen an der Kaikante entlang. Im Wasser haben drei Schlepper Position bezogen. Sie sollen das Heck der Fähre mit der Peter-Pan-Figur darauf zum Dock schleppen, damit es mit dem Mittelteil verbunden werden kann.

Das Einschwimmen wird Millimeterarbeit. „Das Heck ist mit Luftsäcken abgestützt, hinten haben wir eine alte Barge quer angeschweißt“, sagt Seemann. Die Barge, ein eiserner Hohlkörper, der einem Frachtkahn ähnelt, soll die Stabilität des 6500 Tonnen schweren Achterschiffs sicherstellen und die Schwimmfähigkeit gewährleisten. „Das Heck darf nicht umkippen“, verdeutlicht Seemann. „Das wäre der Supergau.“

24 Stunden, rund um die Uhr, arbeiten 850 Leute im Schichtdienst an der Fähre. Der Umbau ist ein Mammutprojekt. Seit Ende Dezember ist die „Peter Pan“ in Bremerhaven eingedockt. Zuvor pendelte das 2001 gebaute Schiff regelmäßig zwischen Lübeck-Travemünde und Trelleborg. Und schon im März soll es wieder seinen Dienst tun – dann deutlich länger und mit 25 Prozent mehr Ladekapazität. „Statt 130 Lkw können wir dann 180 mitnehmen“, führt Seemann aus. „Der Frachtverkehr hat zugenommen“, begründet er, „Skandinavien und Osteuropa haben sich wirtschaftlich stark entwickelt.“


Die Bauzeit müsse daher möglichst kurz sein. „Wir müssen so schnell wie möglich wieder an den Markt. Stillstand kostet Geld.“ So habe sich die Reederei zu der ungewöhnlichen Operation entschlossen, die Fähre zu verlängern. Dies gehe schneller als ein Neubau und sei – mit Kosten in zweistelliger Millionenhöhe – deutlich billiger. Das Schiff wurde unterhalb des Oberdecks mit einem 90-Grad-Schnitt getrennt, das neue Mittelteil eingepasst. Seemann: „Das hat es bei einem Schiff dieser Größenordnung noch nie gegeben.“

Um die „Peter Pan“ im Fährverkehr während der Werftliegezeit zu ersetzen, wurde zudem die „Patria Seaways“ gechartert. Einfach ausfallen dürfe die Fährverbindung nicht. Dazu sei die Konkurrenz zu groß. „Nicht nur durch die anderer Schiffe“, erklärt Seemann. „Konkurrenz sind auch die Brücken, die es dem Lastverkehr ermöglichen, den Landweg zu nehmen.“ Den Fehmarnbelttunnel fürchte die Reederei weniger. Travemünde-Trelleborg werde die kürzere Verbindung bleiben. „Im übrigen bedienen wir mehr die östlich gelegenen Routen.“

Außer von Travemünde werde Trelleborg vor allem von Rostock und Swinemünde aus angelaufen.

„Fährschiffe wird es weiter geben“, ist der schwedische Kapitän der „Peter Pan“, Hans Winqvist (55), überzeugt. Er freut sich auf bald drei Autodecks und deutlich mehr Lademeter. Die Umbauarbeiten seien „voll im Zeitplan“.

Gerüstarbeiter versetzen auf dem Rumpf derweil in Windeseile verzinkte Bauteile, damit auch nach der Verbindung mit dem Heck alles gut zugänglich bleibt. „Wir sind hier zu zwölft“, sagt Henning Theiß (46) von der Gerüstbaufirma Bassenberg und Schwarting in Rodenkirchen bei Bremen. Theiß trägt Sicherheitsgurt und Höhenretter. Eine Bergsteigerausbildung habe er nicht, lacht er, auch wenn der Job manchmal halsbrecherische Kletterkünste zu verlangen scheine. „Das lernt man so in der Ausbildung. Aber schwindelfrei sollte man schon sein.“

Drei Decks tiefer wird fleißig geschweißt. Dobrih Yordanov (37) und Orhan Hyuseinov (44) von der Bremerhavener Firma Benli Industrie-Service bereiten eine Naht vor, damit das Heck angeschweißt werden kann.

Damit werde allerdings nicht vor Montag begonnen werden können, meint Detlef Nünke (53), der Leiter der Projektabteilung der Werft. „Wenn das Hinterteil im Dock auf den Pallen liegt, müssen diese Stützen erstmal demontiert werden. Das dauert zwei Tage.“

Auch im Innenbereich des Schiffes wird gearbeitet. Die Böden und Möbel, Treppenhäuser und Flure sind mit Folie geschützt. In den Gängen sind die Deckenverkleidungen abgenommen. „Stromkabel, Belüftungsrohre und Wasserleitungen sind freigelegt, damit sie verlängert werden können“, sagt Nünke.

Das Bord-Restaurant ist dunkel, blaue Folien verdecken die Fenster. Dieter Morgenthal (59) und sein Kollege Herbert Jung (59) von der German Dry Docks installieren eine Baubeleuchtung. „Hier laufen ständig Arbeiter durch zu den Decks“, erklären sie. „Damit niemand stolpert, muss Licht da sein.“

Doch das Eindocken des Achterschiffs, das zunächst für den Nachmittag geplant war, verzögert sich. Die Schlepper liegen auf dem Wasser, nichts geschieht. Es wird 18 Uhr, 20 Uhr. „Im Wellenkanal des Hinterschiffs ist eine Schweißnaht undicht“, erfährt Seemann. „Da ist alles voll Wasser gelaufen.“ Die Geräte müssen geborgen, das Wasser abgepumpt, die Schweißnaht repariert werden.

Erst am nächsten Morgen gegen 9.30 Uhr ist es dann so weit: Das Dock ist erneut geflutet, das Heck schwimmt ein. Die Schlepper bringen es heran, dann wird es mit elektrischen Winden dicht angezogen. Es ist ein nebliger Vormittag. „Die Bedingungen sind nicht ideal“, stellt Nünke fest. Doch drei Stunden später ist es vollbracht – und die „Peter Pan“ zu einem großen Schiff zusammengewachsen.

Von Marcus Stöcklin