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Norddeutschland Autobahn-Deckel in Hamburg-Stellingen: Die Anwohner genießen die Ruhe
Nachrichten Norddeutschland Autobahn-Deckel in Hamburg-Stellingen: Die Anwohner genießen die Ruhe
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06:00 26.05.2019
Jahrelang hat er mit seiner Bürgerinitiative dafür gekämpft: Ernst Günther Josefowsky lebt direkt neben der A 7 in Stellingen, die seit ein paar Wochen durch einen Lärmschutztunnel verläuft. Quelle: Hannes Lintschnig
Hamburg

An eine Zeit ohne Lärm kann er sich nicht erinnern. Ernst Günther Josefowsky sitzt in seinem Wohnzimmer auf einer Couch und schaut aus dem Fenster. Er hat sein ganzes Leben mit diesem ewigen Rauschen, diesem beständigen Krach gelebt, wenn er die Fenster öffnete oder im Garten saß. Josefowsky wohnt im Imbekstieg im Hamburger Stadtteil Stellingen – direkt neben der A7. Dort wurde er in den 60er Jahren geboren. Und dort lebt er heute noch, keine 20 Meter von der Autobahn entfernt. „Ruhe war eigentlich nur dann, wenn sich der Verkehr gestaut hat. Oder an autofreien Sonntagen, da haben wir immer auf der Autobahn gespielt“, sagt der 56-Jährige mit einem milden, liebevollen Gesicht. „Dieser allgegenwärtige Lärm ist nicht schön, aber man gewöhnt sich an alles.“

Auf einmal ist es ruhig

Seit einigen Wochen muss sich Ernst Günther Josefowsky an etwas ganz Neues gewöhnen: Stille. Kein „Autobahnblues“ mehr, wie er es nennt, dafür Vogelgezwitscher. Seit Mitte April herrscht Ruhe vor seinem Haus. Der Verkehr rollt seitdem unter einem Lärmschutzdeckel, dem „Stellinger Deckel“. Über einen etwa 900 Meter langen Abschnitt der A 7 wurde ein Tunnel gebaut, der den Lärm der täglich etwa 150 000 Autos verschluckt. Lkw und Autos verschwinden zwischen der Kieler Straße und der Güterumgehungsbahn in einer Betonhülle – und die Anwohner haben ihre Ruhe. „Man hört echt nichts, gar nichts“, sagt Josefowsky etwas ungläubig. Er steht direkt über der Autobahn auf der Behelfsbrücke im Wördemanns Weg, ein Katzensprung von seiner Wohnung entfernt. „Normalerweise kann man hier sein eigenes Wort nicht verstehen. Und jetzt: nichts. Herrlich!“

Der Deckel in Zahlen

300 Millionen Euro kostet der Bau des Lärmschutztunnels über der A 7 im Bereich Stellingen. Den Großteil der Baukosten, 87 Prozent, übernimmt die Bundesrepublik Deutschland.

893 Meter lang ist der Stellinger Deckel.

165 000 Fahrzeuge pro Tag werden bis zum Jahr 2025 auf dem A-7-Abschnitt von Verkehrsexperten erwartet

3,9 Hektar groß ist die Parkanlage, die auf dem Stellinger Deckel geplant ist. Dazu kommt eine 1,4 Hektar große Fläche für Kleingärten.

60 000 Kubikmeter Stahlbeton wurden im Stellinger Deckel verarbeitet.

2,7 Kilometer Flüsterasphalt erhält die Fahrbahn der A 7 außerhalb des Tunnels zwischen Volkspark und Stellingen.

Ernst Günther Josefowsky freut sich nicht nur über die Ruhe, er ist auch ein bisschen stolz darauf. Schließlich hat er viele Jahre für diese Ruhe gekämpft. Er hat eine Bürgerinitiative gegründet, die „Initiative Stellinger Deckel“. Das war 2005, damals sollte die A 7 von sechs auf acht Spuren erweitert werden. Für Josefowsky und seine Mitstreiter war schon zu dieser Zeit klar, dass der Lärm und die Feinstaubbelastung für die Anwohner ohne einen Autobahndeckel nicht mehr zu ertragen wären. „Höhere Lärmschutzwände hätten nichts gebracht. Aber die Politik sah das damals anders. Wir wurden ausgelacht für unsere Idee, einen Deckel zu bauen. Der sei zu teuer und nicht realisierbar, wurde uns gesagt“, so Josefowsky. Aber die Anwohner und Pendler, die sich in der Bürgerinitiative organisiert hatten, blieben hartnäckig. „Wir werden gegen alle Planungen und Baumaßnahmen, die eine Autobahnerweiterung ohne Deckel vorantreiben, mit allen legalen Mitteln kämpfen“, heißt es auf der Webseite der Initiative.

Jahrelanger Kampf war erfolgreich

Das haben sie gemacht. Am Ende waren sie erfolgreich. Auch wenn es viel Kraft gekostet und das Miteinander der Anwohner im Imbekstieg oft auf die Probe gestellt hat. Viele sind weggezogen und haben ihre Häuser verkauft. Einen handfesten Streit zwischen den Anwohnern gab es bei dem Vorschlag, die ungeraden, direkt an der Autobahn gelegenen Hausnummern im Imbekstieg einfach abzureißen. „Einige waren dafür, andere sind bei der Deckelvariante geblieben. Zum Glück konnten wir uns einigen“, sagt Josefowsky. „Ich bin stolz auf unsere Arbeit. Und ich bin stolz darauf, dass die nächste Generation im Imbekstieg ohne Autolärm aufwachsen kann.“

Nicht nur in Stellingen können künftige Generationen nun ohne Lärm aufwachsen, auch in anderen Hamburger Stadtteilen freuen sich Anwohner, dass die A 7 überdeckelt wird. Nördlich von Stellingen verläuft ein Teil des Autobahnabschnitts in Schnelsen bereits seit Sommer des vergangenen Jahres durch einen Tunnel, komplett fertiggestellt werden soll der mehr als 500 Meter lange Deckel in Schnelsen Ende dieses Jahres. In Altona soll ein mehr als zwei Kilometer langer Autobahndeckel die östlichen und westlichen Bereiche von Othmarschen und Bahrenfeld verbinden. Der „Altonaer Deckel“ ist das längste der drei Bauwerke, 2020 soll mit dem Bau begonnen werden und etwa sechs Jahre dauern. In Stellingen ist mit der Eröffnung der ersten Tunnelröhre ein wichtiger Schritt gemacht. Bis zur Fertigstellung der zweiten Röhre Ende 2020 werden sich die Autofahrer den Tunnel mit dem Gegenverkehr noch teilen müssen.

Ein Naherholungsgebiet über der Autobahn

Grund für den Ausbau der A 7 auf sechs beziehungsweise acht Fahrspuren sind Verkehrsprognosen, die einen Anstieg des Verkehrsaufkommens auf täglich 165 000 Fahrzeuge innerhalb der nächsten zehn Jahre vorhersagen. „Der Ausbau der A 7 ist zwingend erforderlich, um den Fernverkehr nicht zum Erliegen zu bringen und die Mobilität der Hamburger zu gewährleisten“, heißt es von der Stadt Hamburg. Mit den drei Deckeln, innovativem Flüsterasphalt und modernen Lärmschutzwänden soll den Anwohnern mehr Lebensqualität garantiert werden. „Im Hamburger Westen entsteht ein europaweit zukunftsweisendes Lärmschutzprojekt.“

Zukunftsweisend, denn der Autobahndeckel in Stellingen soll den Stadtteil nicht nur ruhiger, sondern auch grüner machen. Auf den Tunneldächern entstehen Grünflächen, Parks, Radwege, Spielplätze, Kleingärten und Marktplätze. Eine 3,9 Hektar große Parkanlage ist auf dem Betontunnel vorgesehen, ein „Naherholungsgebiet über der Autobahn“, wie es sich die Planer vorstellen. Zudem soll der begrünte Tunnel eine integrative Wirkung für den Stadtteil haben. Bisher liegen aufgrund der Autobahn und der Bahntrassen in Stellingen einige Wohngebiete sehr isoliert. Durch den neuen Tunnel soll der Stadtteil wieder zusammenwachsen.

„Ich habe Risse ohne Ende in meinem Haus“

„Na ja, das ist wohl eher ein Traum der Planer“, sagt ein Anwohner des Imbekstiegs, der gerade einen Spaziergang über die provisorische Autobahnbrücke im Wördemanns Weg macht „die Grafiken sind schon ziemlich geschönt.“ Er wohnt in einer der ungeraden Hausnummern, also erste Reihe zur A 7. Sein Haus hat er vor Jahren an die städtische Wohnungsbaugesellschaft Saga verkauft und wohnt seitdem zur Miete. Das hohe Verkehrsaufkommen und die vielen Bauarbeiten hätten die Bausubstanz der Häuser in Mitleidenschaft gezogen. „Ich habe Risse ohne Ende in meinem Haus. Die Physiotherapie-Praxis am Anfang der Straße ist schon in einen Container umgezogen, weil das Gebäude abgesackt ist“, sagt er.

Auch wenn nun die erste Tunnelröhre in Betrieb gegangen ist: Gemütlich im Garten sitzen mit einem Ausblick ins Grüne kann er immer noch nicht. Denn während der anstehenden Bauarbeiten wurden acht Meter hohe Lärmschutzwände aufgestellt, die seinen Garten von der Baustelle trennen. „Wenn sie fertig sind, schaue ich auf eine Betonwand. Und die Leute, die auf dem begrünten Tunnel spazieren gehen, können mir ins Schlafzimmer schauen. Von Zusammenwachsen kann keine Rede sein. Aber es ist ruhig“, sagt der Mann, der vor ein paar Tagen zum ersten Mal mit offenem Fenster schlafen konnte. „Einen Tod muss man eben sterben. Und dass es hier endlich mal etwas grüner wird, ist toll.“

Früher war es hier schon einmal grün

Wieder grün, müsste es eigentlich heißen. Schließlich lag der Imbekstieg nicht immer an einer lauten Straße. „Als ich das Haus in den 50ern gekauft habe, wurde das Wohngebiet als ‚Siedlung im Grünen‘ angepriesen“, sagt Irmgard Josefowsky, die Mutter von Ernst Günther Josefowsky. „Damals war da, wo heute die Autobahn ist, eine große Wiese. Am Ende der Straße gab es Schrebergärten, und hinter meinem Haus war ein Acker“, sagt die 91-Jährige. Dann wurde eine Umgehungsstraße gebaut, die Anfang der 70er zur Autobahn wurde. „Wir waren entsetzt, aber wir konnten nichts dagegen machen. Erst war die Straße nur vierspurig, dann wurden es sechs Spuren. Schlimm! Es rauschte und donnerte immerzu“, sagt Josefowsky, die seit etwa 30 Jahren nicht mehr im Imbekstieg lebt.

Das kann sich ihr Sohn Ernst Günther nicht vorstellen. Für ihn war immer klar, dass er im Imbekstieg wohnen bleibt. „Hier wurde ich geboren, hier bin ich aufgewachsen. Ich will hier nicht weg“, sagt er. Und jetzt, wo der Tunnel den Autolärm verschluckt und bald ein Park entsteht, ist es vielleicht ein bisschen so wie damals, als hier noch Menschen in einer „Siedlung im Grünen“ gelebt haben. Irmgard Josefowsky: „Wenn ich meinen Sohn besuche, dann ist es fast wie früher. Herrlich ruhig! Nur der Fluglärm ist noch da, aber den gab es immer schon. Da muss man sich eben dran gewöhnen.“

„Ein Deckel ist der Idealfall“

Verkehrsminister Dr. Bernd Buchholz spricht über moderne Verkehrsplanung und die Bedeutung von Lärmschutz:


Wie wichtig ist Lärmschutz bei der Planung und dem Bau neuer Straßen?

Lärmschutz spielt eine immer bedeutendere Rolle. Das steigende Umweltbewusstsein in der Bevölkerung, neue technische Entwicklungen und Erkenntnisse haben in den letzten Jahren zu deutlichen Verbesserungen beim Lärmschutz geführt.

 
Welche technischen Möglichkeiten gibt es?

Unsere Ingenieure unterscheiden bei der Planung von Lärmschutzmaßnahmen grundsätzlich zwischen aktivem und passivem Lärmschutz. Vorrang hat dabei der aktive Lärmschutz in Form von Wällen, Wänden oder lärmmindernden Fahrbahnbelägen. Bei passivem Lärmschutz reden wir etwa über den Einbau von Schallschutzfenstern. Die Wahl richtet sich meist nach dem Verhältnis zwischen Kosten und Schutzzweck und nach den örtlichen Gegebenheiten.


 

An welchen Streckenabschnitten in Schleswig-Holstein werden Lärmschutzmaßnahmen gebaut?

Aktive und passive Lärmschutzmaßnahmen, die nicht im Zusammenhang mit Neubauprojekten stehen, sind unter anderem im Bereich Lübeck an der Autobahn A 1, an der A 21 im Bereich Nütschau und an der Bundesstraße 75 im Bereich Lübeck-Kücknitz in Planung.


Wird es bald auch einen "Schleswig-Holsteiner Deckel" geben?

Die Deckelung von Lärmquellen ist für Anwohner sicherlich der Idealfall. Hamburg ist damit den schwierigen Anforderungen eines Stadtstaats in einer wachsenden Metropolregion nachgekommen. Straßenplanerische Entscheidungen sind allerdings immer vor dem Hintergrund der Schutzbedürftigkeit und der Wirtschaftlichkeit zu treffen. Deckelungen in Schleswig-Holstein können somit allenfalls in Extremsituationen zum Einsatz kommen.

Hannes Lintschnig

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