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Norddeutschland AKW-Abriss: Der Müll soll auch nach Lübeck
Nachrichten Norddeutschland AKW-Abriss: Der Müll soll auch nach Lübeck
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15:46 10.09.2019
Die Deponie in Lübeck-Niemark (hier die Halle der Mechanisch-Biologischen Abfallbehandlungsanlage) ist ein Kandidat für die Lagerung des AKW-Schutts. Quelle: 54° / Felix Koenig
Lübeck/Kiel

Als Standorte kommen nach einem neuen Gutachten, das Energieminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am Montag in Kiel veröffentlich hat, nur noch die Deponien Lübeck-Niemark, Johannistal in Gremersdorf (Kreis Ostholstein), Wiershop (Kreis Herzogtum Lauenburg) und Harrislee (Kreis Schleswig-Flensburg) in Betracht. Großenaspe und Damsdorf/Tensfeld im Kreis Segeberg sowie Schönwohld im Kreis Rendsburg-Eckernförde wurden ausgeklammert, weil sie in ein bis zwei Jahren voll sein werden und die in nächster Zeit aufzunehmenden Dämmmaterialien aus bautechnischen Gründen nicht deponieren können.

Material wird „freigemessen“

„Es handelt sich um nichtradioaktives Material“, erklärte Albrecht. „Es ist im Grunde genommen Abfall wie jeder andere.“ Das Material wird an den AKW-Standorten „freigemessen“. Es muss dafür von der Umgebungsstrahlung abgeschirmt werden, erläuterte Atomaufsichtsleiter Jan Backmann.

Jeder Mensch „strahlt“

Kontaminiertes Material wird aus der strahlenschutzrechtlichen Überwachung entlassen, wenn es die Grenze von 10 Mikrosievert (Maßeinheit verschiedener gewichteter Strahlendosen) nicht überschreitet. Zum Vergleich: Jeder Mensch „strahlt“ laut Kieler Ministerium mit durchschnittlich 300 Mikrosievert im Jahr, weil er radioaktive Stoffe einatmet oder mit Nahrungsmitteln aufnimmt. Wer täglich zwei Paranüsse isst, steigert seinen „Jahreswert“ an körpereigener Strahlung laut Bundesamt für Strahlenschutz um bis zu 160 Mikrosievert. Jeder Deutsche ist im Schnitt 2100 Mikrosievert im Jahr ausgesetzt.

Experten sind uneins

Die Lagerung des AKW-Schrotts ist allerdings umstritten, Experten sind sich uneins über die Risiken und Gefahren. Unter anderem der Deutsche Ärztetag sprach sich 2017 gegen die Freigabe von strahlenden Abfällen beim Abriss von Atomkraftwerken aus. Auch der BUND lehnt grundsätzlich jegliche Freigaberegelungen, wie sie in der Strahlenschutzverordnung vorgesehen sind, ab. Hintergrund sind Sorgen vor einer Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung durch zum Beispiel kontaminiertes Grundwasser. Auf der anderen Seite hatte die Bundesärztekammer im vergangenen Jahr eine Freigabe des Mülls wiederum als „aus medizinischer Sicht verantwortbar“ bezeichnet.

Lübeck wäre bereit

Lübecks zuständiger Senator Ludger Hinsen (CDU) sagte: „Wir werden uns dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe nicht verschließen. Wir wären aber froh, wenn die Last am Ende auf mehrere Schultern verteilt wird.“ Aktuell ist noch unklar, ob die Deponien sich den freigegebenen AKW-Schrott auch aufteilen können, oder ob er komplett auf einer Anlage landet. Laut Hinsen ist bisher noch kein AKW-Betreiber an die Stadt herangetreten, weder über Mengen noch über Preise und Konditionen sei deshalb verhandelt worden. „Was immer wir dann aber machen werden: Die Sicherheit der Bürger und der Mitarbeiter in Niemark hat oberste Priorität“, so Hinsen. So werde definitiv auch nur freigemessener Müll nach Lübeck kommen – und die Stadt werde vor Ort noch einmal zusätzliche Eingangskontrollen vornehmen. „Und wir würden uns vorbehalten, Stoffe, die dann nicht zu einhundert Prozent sicher sind, abzuweisen“, sagte Hinsen.

Widerstand in Gremersdorf

In Gremersdorf fühlt sich Bürgermeister Henning Pries (CDU) dagegen zunächst weiter an eine Stellungnahme der Gemeindevertretung aus dem Jahr 2016 gebunden: „Damals haben wir beschlossen, dass wir einer Annahme von Material aus kerntechnischen Anlagen nicht zustimmen.“ Pries findet es „schade, dass es sich offensichtlich nicht geändert hat, dass man nur bestehende Deponien für die Entsorgung in Betracht zieht.“ Laut Bürgermeister hätte die Landesregierung auch über Entsorgungsmöglichkeiten in der Nähe der abzubauenden Anlagen nachdenken können, weil die Akzeptanz dort vielleicht höher ist. „Das Land hat uns Gespräche angeboten, die wir nicht ablehnen werden. Wir werden dann prüfen müssen, ob sich die Umstände vielleicht geändert haben“, so Pries. Wenn der Müll tatsächlich unbedenklich sein, werde es Aufgabe des Landes sein, dies allen Beteiligten nahezubringen, um möglichen Schaden von den Deponiestandorten abzuwenden.

Dialog in Wiershop

Auch im Kreis Herzogtum Lauenburg soll über das neue Gutachten zunächst diskutiert werden. „Wir haben einen regionalen Gesprächskreis mit allen Beteiligten der sich zweimal jährlich trifft – und an dessen Weisung fühlen wir uns gebunden“, sagte der Chef der Deponie Wiershop Thomas Buhck. Dort werde sich jetzt abgestimmt, wie weiter vorgegangen werden soll. Grundsätzlich sei die Anlage generell für den Müll geeignet, auch Kapazitätsprobleme gebe es nicht. Allerdings würde seine Deponie nur nicht-wiederverwertbares Material aufnehmen.

Land hat Ultima Ratio

Umweltminister Albrecht sagte: „Uns ist es wichtig, weiter mit allen Beteiligten in einem konstruktiven Austausch zu bleiben.“ Sollten die Betreiber keine Lösung finden, hätte das Land als Ultima Ratio die Möglichkeit, auf Basis des Kreislaufwirtschaftsgesetzes Zuweisungen vorzunehmen. Er habe aber nicht den Eindruck, „dass alle sagen: Bei uns auf keinen Fall“, sagte Albrecht.

Von Jan Wulf

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