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Norddeutschland AKW Brunsbüttel: Durchgerostete Atommüll-Fässer laufen bereits aus
Nachrichten Norddeutschland AKW Brunsbüttel: Durchgerostete Atommüll-Fässer laufen bereits aus
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23:29 20.08.2014
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Brunsbüttel/Kiel

Im Atomkeller des stillgelegten Kernkraftwerks Brunsbüttel (Kreis Dithmarschen) sind zehn weitere durchgerostete Fässer mit Atommüll entdeckt worden. Aus mindestens einem Fass ist bereits mittelradioaktives Material ausgelaufen. Das teilte Vattenfall gestern mit. Die Kieler Landespolitik reagiert auf den desaströsen Zustand des Atommülllagers mit großer Sorge.

Kommentar zum Thema: Ein Skandal!

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Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) reißt der Geduldsfaden. Der Betreiber des Kernkraftwerks beklagt seinerseits, dass die Kavernen nie für eine längerfristige Aufbewahrung vorgesehen waren.

Neben Korrosionsbefunden und Lackschäden sind bei Untersuchungen in den unterirdischen Depots auch breiige Ablagerungen am Fassmantel gefunden worden. Zwei Fässer stehen im Lagergestell nicht gerade. Der Deckel eines Fasses ist nicht fest mit dem Spannring verbunden. Zudem stellten die Experten bei der Inspektion in Kaverne 2 fest, dass sich auf einer Folie am Kavernenboden Feuchtigkeit angesammelt hat.

Es handelt sich dabei nach ersten Analysen um aus den Fässern ausgetretenes Verdampferkonzentrat, ein Betriebsabfall des Kraftwerks, der mittelradioaktiv strahlt. Bei einer radiologischen Messung wurden Mengen von Cäsium 137 festgestellt. Das sei eine neue Dimension, sagt Habeck. Eine Gefährdung für die Bevölkerung und das Personal des Kernkraftwerks sei aber nicht gegeben, versichert Vattenfall.

„Die Ergebnisse der Untersuchungen in den Kavernen sind zweifelsohne erschreckend“, sagt Oliver Kumbartzky (FDP). Betreiber und Atomaufsicht seien aufgefordert, die Sicherheit der Bevölkerung und der Umwelt zu gewährleisten. Die Situation sei „deutlich schlimmer als bislang befürchtet“, erklärt Angelika Beer (Piraten).

Mit dem aktuellen Bergungskonzept von Vattenfall ließen sich die maroden Fässer nicht sichern. Beer will wissen, ob es dabei um schlampiges oder fahrlässiges Handeln der Verantwortlichen gehe. Die Abgeordnete fordert die Kieler Landesregierung auf, Vattenfall durch ausgewiesene Fachleute „eng zu begleiten“.

In der zuletzt untersuchten Kaverne lagern 118 Fässer, darunter 46 Altfässer, die von 1983 bis 1985 eingelagert wurden. Von insgesamt 631 Fässern sind bislang 131 inspiziert, 28 davon sind auffällig.

Die Atomaufsicht im Energiewendeministerium teilt seit gestern die Ansicht, dass das von Vattenfall entwickelte Konzept zur Bergung der Rostfässer – ein Einsacken der Behälter – nicht ausreicht. Der bisherige Plan sei nicht mehr verlässlich. Nach Einschätzung der Behörde lässt sich mindestens eines der nun inspizierten Fässer nicht mehr anheben.

Minister Habeck: „Wir können nicht länger abwarten. Die Fässer müssen schnellst möglich geborgen werden.“ Das Bundesumweltministerium ist eingeschaltet. Habeck verlangt, dass der Bund bundesweit alle Fässer in vorläufigen AKW-Lagerstätten überprüft.