AOK im Norden: So lässt sich Diabetes bekämpfen
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Norddeutschland So lässt sich Diabetes bekämpfen
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19:47 06.11.2019
Eine Frau misst mit einem Blutzuckermessgerät ihren Blutzuckerspiegel. Quelle: dpa
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Kiel.

Diabetes ist eine der großen Volkskrankheiten. Zurzeit sind in Deutschland 7,1 Millionen Menschen daran erkrankt, das sind 8,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. „In Schleswig-Holstein liegt die Zahl mit 211 000 Erkrankten bei 7,3 Prozent, also deutlich unter dem Bundesschnitt“, erklärte Tom Ackermann, Vorstandschef der AOK Nordwest, am Mittwoch bei der Vorstellung des AOK-Gesundheitsatlas Diabetes Typ 2 in Kiel. Die Datenbasis bilden die Abrechnungsdaten der AOK-Versicherten. Das Wissenschaftliche Institut der AOK hat daraus mit Hilfe neuer Berechnungsverfahren zusammen mit der Universität Trier erstmals die Diabetes-Häufigkeit für die elf Kreise und vier kreisfreien Städte im nördlichsten Bundesland errechnet und dargestellt.

Diabetes Quelle: Jochen Wenzel

Kiel schneidet am besten ab

Dabei zeigt sich: Zwischen den Städten und Regionen im nördlichsten Bundesland gibt es deutliche Unterschiede. Am besten schnitt Kiel ab, hier haben 6,1 Prozent der Einwohner einen diagnostizierten Typ-2-Diabetes, in Neumünster dagegen 8,3 Prozent. Gut schneidet der Kreis Stormarn mit 6,33 Prozent ab, gefolgt vom Kreis Segeberg (6,77) und vom Kreis Herzogtum Lauenburg (6,83). Der Kreis Ostholstein liegt mit 7,53 Prozent über dem Landesschnitt (7,3), Lübeck hat mit 7,72 Prozent den dritthöchsten Wert im Land.

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Hauptfaktoren Alter und Übergewicht

Von den 211 000 Erkrankten in Schleswig-Holstein sind mehr als die Hälfte älter als 70 Jahre, Männer sind stärker betroffen als Frauen. „Die Ursachen für Diabetes Typ 2 sind vielschichtig und nicht bis in alle Details aufgeklärt“, sagt Ackermann. Auch genetische Faktoren spielten eine Rolle. Klar sei aber, dass viele Typ-2-Diabetiker übergewichtig sind, sich zu wenig bewegen, sich zu ungesund ernähren und zu viel Zucker zu sich nehmen. Auch Stress, Schlafmangel und Rauchen gehören zu den Risikofaktoren. In Schleswig-Holstein ist die Zahl der Übergewichtigen in Neumünster und dem Kreis Dithmarschen am höchsten, Lübeck liegt bei dieser Skala im hinteren Mittelfeld.

Hohe Behandlungskosten

„Bei Diabetes-Patienten entstehen doppelt so hohe Kosten wie bei Versicherten ohne diese Erkrankung“, erklärte Ackermann. Die Krankenkassen haben mit hohen Behandlungskosten für Typ-2-Diabetiker zu tun. Bundesweit liegen sie pro Jahr laut Statistischem Bundesamt bei 7,4 Milliarden Euro, rechnet man die Kosten für Folgeerkrankungen hinzu, beläuft sich der Wert auf 16 Milliarden Euro pro Jahr – grob heruntergerechnet auf Schleswig-Holstein wären das etwa 550 Millionen Euro.

Häufig Folgeerkrankungen

„Wenn wir nichts tun, wird sich die Zahl der Erkrankten in den kommenden 20 Jahren um 50 Prozent erhöhen“, sagte Ackermann. Von jetzt 7,1 Millionen Erkrankten könnte die Zahl auf bis zu zwölf Millionen Menschen ansteigen. „Die Lebensqualität der Betroffenen ist oft erheblich eingeschränkt. Häufig treten Nierenschädigungen, Erblindungen oder Amputationen als diabetesbedingte Komplikationen auf“, erklärt Ackermann. Folgeerkrankungen wie Herzinfarkte und Schlaganfälle könnten dazu führen, dass Patienten frühzeitig versterben. Diabetiker haben statistisch gesehen eine um sechs Jahre geringere Lebenserwartung.

„Wir können die Diabetes-Epidemie nur wirksam bekämpfen, wenn es uns gelingt, die Menschen vor dem Auftreten einer Erkrankung zu schützen“, sagte Ackermann. Geeignet sei vor allem eine Änderung des Lebensstils: ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung und der Abbau von Übergewicht. Experten gingen davon aus, dass sich dadurch mehr als 50 Prozent der Diabetes-Erkrankungen verhindern ließen. Um das zu erreichen, helfe die AOK ihren Versicherten mit speziellen Angeboten im Rahmen ihres Kursprogramms ‚Gesund leben‘.

Neues AOK-Modellprojekt

Dass Schleswig-Holstein im Vergleich gut abschneide – nur in Hamburg gibt es weniger Erkrankte – zeige, „wie gut die Angebote zur Diabetesprävention in Schleswig-Holstein sind und bestärkt uns in unserem Weg, Maßnahmen mit unseren Partnern vor Ort passgenau auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten“, sagte Tom Ackermann. Ein gutes Beispiel dafür sei das neue AOK-Modellprojekt ‚ComanD‘ (Control and manage Diabetes), das in den nächsten Wochen flächendeckend in ganz Schleswig-Holstein eingeführt werden soll. Dabei lernen an Diabetes-Typ-2 erkrankte AOK-Versicherte, ihre Krankheit besser zu managen mit dem Ziel, dauerhaft sogar auf Antidiabetika zu verzichten.

40 000 Versicherte in Programm

Die AOK Nordwest engagiere sich seit Jahren für eine bessere und strukturierte medizinische Versorgung von Typ-2-Diabetikern in Schleswig-Holstein. So sei das Disease-Management-Programm (DMP) ‚AOK-Curaplan‘ für Diabetiker ein fester Bestandteil der Versorgung. Insgesamt haben sich derzeit über 40 000 AOK-Versicherte für dieses Programm entschieden. Die AOK Nordwest hat in Schleswig-Holstein etwa 700 000 Versicherte und damit einen Marktanteil von 30 Prozent. Bei 66 000 der AOK-Versicherten ist Diabetes Typ 2 diagnostiziert. Von einer Lebensmittelampel, die vor zu zuckerhaltigen Produkten warnt, erhofft sich Ackermann Erfolge. „Eine verständliche Ampel wird bei diesem Problem helfen.“

Land unterstützt Prävention

Auch viele Kinder und Jugendliche leiden an Diabetes. Die Kieler Landesregierung unterstützt präventive Maßnahmen in Kitas und Schulen, hier insbesondere die Qualitätssicherung der Gemeinschaftsverpflegung und die Ernährungsbildung, erklärt Christian Kohl, Sprecher des Gesundheitsministeriums. Ein besonderer Fokus liege auf dem Projekt „Die ersten 1000 Tage rund um die Geburt“ – ein bislang noch wenig beachteter Bereich. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die ersten 1000 Tagen – vom Beginn der Empfängnis bis zu Ende des zweiten Lebensjahres – lebenslange Effekte auf die gesundheitliche Disposition eines Menschen haben. Aus Mitteln des Innovationsfonds würden in Schleswig-Holstein zwei Projekte gefördert: Dimini (Diabetes mellitus – ich nicht!) – ein Programm zur Vorbeugung von Typ-2-Diabetes: Mittels eines Coachings wird die Gesundheitskompetenz von Personen mit erhöhtem Risiko für Typ-2-Diabetes gestärkt, und die Entstehung von Typ-2-Diabetes verzögert oder sogar verhindere.

Virtuelle Ambulanz

In der ViDiKi – der Virtuellen Diabetesambulanz für Kinder und Jugendliche des UKSH Campus Lübeck – werden Kinder und Jugendliche mit Hilfe der Telemedizin betreut. Das Besondere des Projektes ist die praktische Umsetzung von Telemedizin im Alltag von Familien mit einem diabeteserkrankten Kind. In Schleswig-Holstein sei zudem die AG Diabetes unter der Leitung von Prof. Dr. Morten Schütt aktiv und bringe Erkenntnisse und Impulse auch in der bundespolitische Debatte ein, sagte Kohl. Die AG mache sich stark für die Aufklärung und Prävention von Diabetes-Erkrankungen.

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Von Christian Risch

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