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Norddeutschland Sind unsere Kinder im Norden wirklich Bewegungsmuffel?
Nachrichten Norddeutschland Sind unsere Kinder im Norden wirklich Bewegungsmuffel?
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13:28 23.11.2019
Kinder und Jugendliche bewegen sich doch: Hier Leonard Brunner auf dem Rad und Bruno Sikorski (beide 13). Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Vier von fünf Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren bewegen sich nicht einmal eine Stunde pro Tag. Deutschland liegt mit knapp 84 Prozent Bewegungsmuffeln bei Jungen und Mädchen sogar über dem weltweiten Schnitt von 81 Prozent. Das fand die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) in einer Studie heraus.

Zu lange in der Schule?

„Es stimmt, dass sich viele Kinder und Jugendliche zu wenig bewegen“, schätzt Pito Bernet, Geschäftsführer des Lübecker Jugendringes und Vertreter des Turn- und Sportbundes Lübeck. Ganz so dramatisch, wie die WHO es deutschlandweit zusammenfasst, sieht er die Situation jedoch nicht. „Etwa die Hälfte der Kinder und Jugendlichen macht in irgendeiner Form Sport. Weniger wird es vor allem ab einem Alter von 14, 15 Jahren. Das sieht man besonders beim Fußball.“ Schuld habe nicht zuletzt die Schule, glaubt Bernet. „Sie dehnt sich immer weiter in den Nachmittag aus.“ Die Schüler stünden so mehr unter Druck, hätten weniger Zeit für Sport. „Es gibt auch zu wenig Sportunterricht in der Schule.“

Wenigstens mit dem Rad zur Schule

Der Mangel an Bewegung, weiß der Lübecker Kinderarzt Sven Gutsche, sei nicht gesund. „Bewegung stärkt das Herz-Kreislauf-System, regt den Knochen-Stoffwechsel an und baut Bindegewebe und Muskeln auf. Sie verbessert auch das Immunsystem.“ Kinder, die sich viel bewegten, hätten grundsätzlich eine bessere Körperspannung. „Das führt auch zu einer besseren Grob- und Feinmotorik. Wer eine schlaffe Körperhaltung hat, ist nicht aufmerksam.“ Eine halbe Stunde Sport täglich sei das Minimum, meint Gutsche. „Wer 15 Minuten mit dem Rad zur Schule fährt und 15 Minuten wieder zurück, tut schon mehr als die meisten.“

Vielfältige Möglichkeiten im Verein

Sportvereine bieten Möglichkeiten zur Betätigung – und es muss nicht immer Fußball sein: Trix Langhans bietet bei Lübeck 1876 Circus-Turnen für Kinder und Jugendliche an. „Wer nicht viel Kraft hat, ist vielleicht superleicht und kann in einer Turner-Pyramide oben stehen. Oder ist in der Lage, Jonglieren zu lernen.“ Es gebe viele Entfaltungsmöglichkeiten, vom Seiltanzen bis zum Trapezturnen. Dinge, die man sich vorher vielleicht nicht zutraute, seien lernbar, sagt Langhans. „Wichtig ist, nicht gleich aufzugeben – auch das müssen viele Kinder und Jugendliche erst lernen.“ Handys und Tablets seien heute oft wichtiger als Bewegung, stellt sie fest. „Viele Kinder müssen nicht zu Fuß gehen und brauchen kein Rad. Sie werden gefahren.“

Draußen, so oft es geht

Leonard Brunner und Bruno Sikorski (beide 13) aus Lübeck können so etwas nicht nachvollziehen. Sie sind jeden Tag draußen, „wenn nicht gerade total schlimmes Wetter ist“, sagt Bruno. „Also wenn die Sonne scheint und jemand bleibt drinnen, das kann ich nicht verstehen.“ Beide spielen regelmäßig Fußball beim JFV Hanse Lübeck. Gerade sind sie mit ihren BMX- und Geländerädern auf der Skate-Anlage am Lübecker Klughafen. Bruno hat nicht den Eindruck, dass viele Jugendliche sich zu wenig bewegen. „Wir gehen alle viel raus, auch die anderen aus meiner klasse. Wir verabreden uns ja dazu.“

Diese Kinder und Jugendlichen aus Lübeck treiben gerne Sport.

Trainieren mit Freunden

Bei der Lübecker Rudergesellschaft trainieren Maximilian Giering (16), Lennart Gundlach (15), Paul Saage (14) und Moritz Heckmann (15) fünf bis siebenmal pro Woche. Immer wieder üben sie gemeinsam am Rudergerät. Sie haben sportlich ehrgeizige Ziele, wollen in die Landes-Mannschaft oder an der Deutschen Meisterschaft teilnehmen. Manchmal begegne man Gleichaltrigen, die übergewichtig seien oder wenig Kondition hätten. „Aber da sagt man dann nicht unbedingt gleich was“, meint Paul Saage. „Das muss doch jeder selbst wissen, wie viel Sport er machen möchte.“ Für ihn ist wichtig, dass er mit Freunden gemeinsam im Verein ist.

Ballett statt Smartphones und Tablets

In der Lübecker Ballettschule Anne Katrin Klaus sind es vor allem Mädchen ab fünf Jahren aufwärts, die das Tanzen lernen wollen. „Viele werden im Auto hergefahren, dann bewegen sie sich eine Stunde“, sagt Lehrerin Juliane Czeschka. Wenn es der einzige Sport sei, einmal in der Woche, sei das sicher nicht genug. „Der Wechsel zwischen Ausgelassenheit und Konzentration, das müssen die Heranwachsenden über den Körper lernen. Das tun sie heute aus den bekannten Gründen – Smartphones und Tablets – nicht genug. Auf diese Weise seien äußere Einflüsse zu stark. „Das Fokussieren auf das eigene Innere fehlt. Aber es ist die Grundlage für alles Geistige.“

„Man muss die Kinder zur Bewegung motivieren“, sagt Karola Sulewski, Jugend-Trainerin bei 1876 Lübeck. Sie tue das durch Spiele und Aufwärm-Training. „Unsere Kinder hier bewegen sich viel. Weil wir sie auch fordern.“

„Die Ergebnisse verdeutlichen erneut, wie wichtig die Bewegungsförderung gerade bei Kindern und Jugendlichen ist“, urteilt Christian Kohl, Sprecher des Kieler Gesundheitsministeriums. Die Landesregierung erstelle derzeit den Zukunftsplan „Sportland Schleswig-Holstein“, der Bewegung weiter stärken solle. „Aber auch Eltern sind in ihrer Vorbildfunktion besonders gefragt.“

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Von Marcus Stöcklin