Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Alles Schrott: Endstation für Dieselautos
Nachrichten Norddeutschland Alles Schrott: Endstation für Dieselautos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:10 17.03.2018
Ole Helbach vor gestapelten Schrottautos. Um einige gut erhaltene Diesel-Fahrzeuge tut es ihm leid. Quelle: Fotos: Felix König
Anzeige
Norderstedt

„Manchmal ist es wirklich schade.“ Ole Helbach (53) von Kiesow Autorecycling tut es selbst in der Seele weh. Er steht vor einem alten 123er Mercedes Typ 300 D, Baujahr 1980. Der orangefarbene Lack ist noch gut erhalten, der Tacho zeigt 185000 Kilometer an. „Für so einen Diesel ist das nicht viel“, merkt Helbach an. „Der läuft.“ Doch es hilft nichts: Der Mercedes muss in den Schrott. Ein Autohaus hat ihn abgeliefert. Der letzte Besitzer hat dort eine Prämie erhalten, weil er sich einen Neuwagen gekauft und den alten dagelassen hat. „Die alten Diesel sollen von der Straße“, meint Helbach. „Das ist ja der Sinn der Sache.“

Bei einem der größten Autoverschrotter Deutschlands in Norderstedt (Kreis Segeberg) stapeln sich derzeit die Diesel. Die als Stinker verschrienen Autos werden ausgeschlachtet. Obwohl viele noch gut in Schuss sind – und noch gar nicht so alt.

Verkauft werden darf das Auto nur noch in Einzelteilen. „Dafür bürgen wir“, sagt der Schrotthändler. Das Gleiche gilt für den fast neu aussehenden roten Audi A 4 8k von 2008. Nur 151389 Kilometer auf der Uhr, aber ein Turbodiesel – sein Todesurteil. Dem großen Land Rover von 2004, dem Ford S-Max und dem schicken silbernen Volvo XC 90 mit den grauen Ledersitzen geht es nicht besser. Selbst die sonst so begehrten VW-Busse landen bei Kiesow auf dem Schrott – nur weil sie Diesel sind. „Hier, der metallicgrüne Multivan, den finde ich toll“, sagt Helbach. „Der hatte eine Campingausstattung.“

Anzeige

Hatte. Denn alle Autos, die hier landen, werden ausgeschlachtet. Mitarbeiter Dieter Rohde (46) macht sich gerade an einem schwarzen Audi A 6 4f TDI mit Sechs-Zylinder-V-Motor zu schaffen. Er legt Entfeuchtungskissen in das Fahrzeuginnere, klemmt die Batterie ab. Der erste Schritt. Bis es ans Eingemachte geht, wird es etwas dauern, denn der Hof ist voll. 600 Autos warten auf Entsorgung.

Die nächste Station ist die Werkstatt. Dort steht Nils Konrad (26) vor einem Ford Mondeo. „Wir schrauben die Räder ab, die Airbags, den Unterfahrschutz“, erklärt er. Außerdem wird das Auto trockengelegt. „Die Flüssigkeiten müssen abgelassen werden. Benzin, Öl, Kühlwasser und so weiter.“ Neben der Hebebühne stapeln sich in einem Metallcontainer Scheinwerfer, auf Paletten stehen Motoren, daneben sind Autositze und Kühlerhauben aufgereiht.

Auch vor der Halle werden Autos zerlegt. 30 Mitarbeiter beschäftigt der Autoverwerter, momentan haben sie alle Hände voll zu tun. „Normalerweise bekommen wir 4000 Autos im Jahr zur Verschrottung“, sagt Ole Helbach. „Dieses Jahr sind es wohl 1000 mehr.“

Kein Wunder: Bis zu 5000 Euro bekommen VW-Kunden bei manchen Autohändlern für einen alten Golf, für einen T 6 Multivan bis zu 15000 Euro, sagt Helbach. Besonders viele VW- und Audi-Kunden kämen zu ihm. Mercedes sei nicht ganz so großzügig. Trotzdem: „Einer brachte uns eine E-Klasse“, erinnert sich der Autoverwerter. „Der hatte in Leipzig in der Innenstadt in einer dieselfreien Zone geparkt und musste eine Strafe zahlen. Das hat ihn so geärgert, dass er den Wagen loswerden wollte. Dafür hat er sich ein Elektroauto gekauft. Ganz radikal.“

Nicht nur Helbach, auch Kunden wundern sich trotzdem, welche Werte einfach auf dem Schrott landen. „Mit Umweltschutz hat das oft nichts zu tun“, findet der Geschäftsmann. So sieht es auch Kunde Niko Schwante (23), der Teile für einen Golf II sucht. „Etwas Funktionierendes wegwerfen“, das will dem gelernten Kfz-Mechatroniker nicht in den Kopf. „Wie viel Energie geht drauf beim Bau eines neuen Autos?“, fragt er sich. Bei Elektroautos gebe es zudem viele ungelöste Probleme. „So viel Lithium für die Batterien wie gebraucht würde, wenn alle umsteigen würden, ist auf dem Weltmarkt gar nicht vorhanden.“

Sein Freund David Schmidt (24) zuckt die Achseln. Er fährt einen alten Audi A 5 TDI. „Den hab ich für wenig Geld gekauft, er läuft wie ’ne Eins und braucht nur fünf Liter.“ Für den Umschüler das ideale Fahrzeug. „Den hier abzugeben, das wäre ein Jammer.“

Von Marcus Stöcklin