Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Arztpraxen: Kassen kritisieren starre Öffnungszeiten
Nachrichten Norddeutschland Arztpraxen: Kassen kritisieren starre Öffnungszeiten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:00 08.10.2019
Ärzte sollten Sprechstunden auch auf Sonnabende ausweiten, fordern die Kassen. Quelle: dpa-Zentralbild
Berlin/Lübeck

Die gesetzlichen Krankenkassen haben die Ärzte aufgefordert, die Sprechstunden flexibler zu gestalten und Behandlungen per Videoübertragung zu ermöglichen. „Die Versicherten dürfen zu Recht erwarten, dass sich die Öffnungszeiten der Praxen nach ihren Bedürfnissen richten“, sagte das neue Vorstandsmitglied im Kassen-Spitzenverband, Stefanie Stoff-Ahnis, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

„In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lebenswirklichkeit vieler Menschen komplett geändert: Sie kaufen online ein, arbeiten mobil und 24/7 ist in vielen Branchen selbstverständlicher Servicestandard geworden“, betonte sie. Die niedergelassenen Ärzte hätten sich darauf aber nicht eingestellt. „Die Praxen sind Mittwoch- und Freitagnachmittag oder am frühen Abend fast alle gleichzeitig geschlossen, am Sonnabend sowieso“, kritisierte Stoff-Ahnis. „Die Ärzteschaft ist dringend gefordert, mit der Zeit zu gehen und über mehr Flexibilität und Koordination untereinander die Versorgung der Patienten zu verbessern“, forderte sie.

KVSH: Schlechtes Signal

„Flexible Öffnungszeiten in Arztpraxen sind grundsätzlich richtig, da sie den Patientinnen und Patienten zugute kommen. Allerdings müssen solche Öffnungszeiten für das Personal auch leistbar sein“, sagt Max Keldenich, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Kiel, auf LN-Anfrage. Ärzte im Norden sehen den Vorstoß äußerst kritisch. „Die Forderungen der Krankenkassen sind ein denkbar schlechtes Signal an den ärztlichen Nachwuchs in Zeiten, in denen sich ein Ärztemangel abzeichnet“, sagt Delf Kröger, Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH).

Im Schnitt mehr als 50 Stunden

Niedergelassene Ärzte müssten nach den neuen gesetzlichen Regelungen 25 Mindestsprechstunden in der Woche anbieten. Hinzu kämen unter anderem Bereitschaftsdienste, belegärztliche Tätigkeiten, ambulante Operationen, Gutachten und Atteste, die Beantwortung immer zahlreicherer Anfragen von Krankenkassen und des MDK und vieles mehr. „Die Durchschnittsarbeitszeit von Haus- und Fachärzten liegt deshalb heute schon bei mehr als 50 Stunden in der Woche“, sagt Kröger. „Wer neben Bereitschaftsdiensten am Wochenende auch zusätzliche Praxisöffnungszeiten am Abend oder am Sonnabend fordert, verkennt die Leistung, die die 5500 Ärzte und Psychotherapeuten in Schleswig-Holstein Tag für Tag für ihre Patienten erbringen und sorgt dafür, dass die Tätigkeit in den Praxen immer unattraktiver wird.“

Es gibt schon Abendtermine

Flexible Öffnungszeiten würden an vielen Stellen von Praxen und Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) bereits umgesetzt, sagt Stephan Göhrmann, Sprecher der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Der Mittwochnachmittag stehe mittlerweile oft für die Vergabe von Terminen zur Verfügung, ebenso Sonnabendvormittage. Und es werden Abendsprechstunden angeboten. „Darüber hinaus decken allgemeinmedizinische und kinderärztliche Anlaufpraxen der KVSH in dringenden Fällen die Zeiten außerhalb der regulären Sprechzeiten ab“, sagt Göhrmann.

Zwang nicht richtig

Das Gesundheits- und Sozialministerium unterstütze das Hauptziel des Terminservice- und Versorgungsgesetzes, nämlich den Zugang zur ambulanten ärztlichen Versorgung angemessen und flächendeckend sicherzustellen, sagt Sprecher Keldenich. „Allerdings ist die zwangsweise Ausweitung der Sprechstunden nicht der richtige Weg. Die von Schleswig-Holstein seit langem geforderte Entbudgetierung insbesondere der haus- und fachärztlichen Grundversorgung würde dem berechtigten Interesse der Versicherten an angemessener und flächendeckender Sicherstellung der Versorgung deutlich wirkungsvoller dienen“, sagt er

Mehr Videosprechstunden

Kassenvorstand Stoff-Ahnis verlangte zudem einen „Modernisierungsschub“ in den Praxen. „Im Zeitalter der Online-Kommunikation erwarten die Versicherten, dass ihnen auch online per Videosprechstunde geholfen wird“, sagte sie. Derzeit betrachteten die Ärzte das eher als Zusatzleistung oder Sonderservice, was aber falsch sei. „Die Videosprechstunde muss Alltag werden“, verlangte Stoff-Ahnis. „Ich gehe davon aus , dass in fünf Jahren jede fünfte ambulante Behandlung per Videosprechstunde erfolgt“, sagte sie. „Einer Ausweitung der Videosprechstunden stehen wir sehr offen gegenüber – auch in enger Abstimmung mit dem Landesministerium für Gesundheit“, sagt Stephan Göhrmann von der Ärztekammer. Die medizinischen Fälle müssten sich natürlich dafür eignen und die technischen Voraussetzungen erfüllt sein. Die Videosprechstunden müssten in den Arbeitstag integriert werden. „Letztendlich bleibt eine ,Arztminute’ eine ,Arztminute’: Durch angebotene Videosprechstunden wird sich die Anzahl behandelnder Ärzte nicht verändern“, sagt Göhrmann.

Mehr Zeit für Patienten?

„Grundsätzlich sehen wir telemedizinischen Möglichkeiten wie Videosprechstunden Potenziale für die Versorgung, gerade im ländlichen Raum“, sagt KVSH-Sprecher Delf Kröger. „Diese können in Zukunft eine sinnvolle Ergänzung sein. Für den Patienten kann die Videosprechstunde bequemer sein, Arztzeit wird damit nicht eingespart.“ Das Ministerium befürwortet den Aufbau der Videosprechstunden. „Durch die Videosprechstunde können die Ärztinnen und Ärzte entlastet werden. Allerdings können Videosprechstunden den so wichtigen Kontakt mit den Patientinnen und Patienten nicht vollständig ersetzen“, sagt Keldenich. Die Videosprechstunde solle im Gegenteil ein Instrument sein, damit die Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten haben.

Lesen Sie auch: Ab 2020 – Arzttermine können per App gebucht werden

und: 40 Euro Strafe für Arzttermin-Schwänzer?

Von Tim Szent-Ivanyi und Christian Risch

Ein Großbrand in einer Druckerei beschert vielen Hamburgern eine unruhige Nacht. Die Feuerwehr warnt die Bewohner mehrerer Stadtteile vor einer riesigen Rauchwolke. Über Stunden finden die Flammen immer neue Nahrung in dem Gebäude.

08.10.2019

Das Vorgehen der Bundesregierung in der Klimapolitik stößt auf harte Kritik aus Schleswig-Holstein. „Die Bundesregierung gibt den Ländern ganze zwei Werktage für eine Stellungnahme zu ihrem Klimaschutzgesetz, nachdem sie selbst monatelang geschlafen hat“, sagte Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) am Montag.

07.10.2019

Die Bundespolizei hat einen mutmaßlichen Schwarzfahrer festgenommen, der von bundesweit 13 Staatsanwaltschaften gesucht wurde - auch in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern.

07.10.2019