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Norddeutschland Auschwitz: 93-Jähriger vor Gericht
Nachrichten Norddeutschland Auschwitz: 93-Jähriger vor Gericht
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11:55 21.04.2015
Häftlinge in einer Baracke im KZ Auschwitz-Birkenau — hier ein Foto nach der Befreiung durch die Alliierten. Bis 1945 starben in den Lagern von Auschwitz mindestens 1,1 Millionen Menschen. Quelle: dpa
Lüneburg

70 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur muss sich der frühere SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg verantworten. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was wird Oskar Gröning vorgeworfen?

Gröning soll in Auschwitz-Birkenau geholfen haben, das von den eingetroffenen Häftlingen zurückgelassene Gepäck wegzuschaffen. „Damit sollten die Spuren der Massentötung für nachfolgende Häftlinge verwischt werden“, so die Staatsanwaltschaft Hannover. Der „Buchhalter von Auschwitz“ habe die aus dem Gepäck genommenen Banknoten gezählt und an die SS weitergeleitet.

Ihm sei dabei bewusst gewesen, dass die als „nicht arbeitsfähig“ eingestuften Häftlinge unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet würden. So habe er dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Tötungsgeschehen unterstützt. Aus rechtlichen Gründen wurde die Anklage auf die sogenannte Ungarn-Aktion im Sommer 1944 beschränkt, bei der 300 000 Menschen ermordet worden.

Warum findet der Prozess erst jetzt statt?

Die Justiz besteht seit 2011 nicht mehr darauf, eine direkte Beteiligung an den Morden nachzuweisen. „Im Zuge der Bearbeitung des Falles Demjanjuk hat die Zentrale Stelle die Beihilfe zum Mord im Konzentrationslager Auschwitz neu definiert“, erklärt Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. „Für uns reicht die Tätigkeit eines Aufsehers in diesem Lager für die Annahme von Beihilfe zum Mord aus, ohne dass der betreffenden Person eine unmittelbare Beteiligung an einem konkreten Tötungsdelikt nachgewiesen werden muss.“ John Demjanjuk wurde 2011 wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Warum sind die Staatsanwaltschaft Hannover und das Landgericht Lüneburg zuständig?

Das hängt mit Grönings Wohnort zusammen, den die Behörden aber nicht öffentlich gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft Hannover ist in Niedersachsen für die Verfolgung von NS-Verbrechen verantwortlich.

Was sagen die Nebenkläger?

Den Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen geht es nicht in erster Linie um das Strafmaß. „Den Überlebenden geht es um eine sehr späte Gerechtigkeit, die sie von der deutschen Justiz erwarten“, sagt Rechtsanwalt Thomas Walther. „Gröning selbst hat ein wesentliches Element dieser Gerechtigkeit in seinen Händen: Die Wahrheit.“ Jeder Angeklagte habe die Möglichkeit zu schweigen, er habe aber auch die Chance zu sprechen. Tatsächlich will Gröning aussagen, wie sein Anwalt angekündigt hat.

Welche Strafe erwartet Gröning im Falle einer Verurteilung?

Mord verjährt in Deutschland nicht und wird mit einer lebenslangen Haftstrafe geahndet. „Bei Beihilfe zu Mord tritt nach dem heute geltenden Strafgesetzbuch an die Stelle von lebenslang eine Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren“, sagt die Sprecherin des Landgerichts. Sollte Gröning verurteilt werden, so müsste die Staatsanwaltschaft prüfen, ob er wegen seines Alters und seines gesundheitlichen Zustandes haftfähig ist.

Dunkle Vergangenheit
Im Dorf Gnevkow nördlich von Neubrandenburg lebt Rentner Hubert Z. (94). Weil er als SS-Sanitäter in Auschwitz war, wird Anklage gegen ihn erhoben — wegen Beihilfe zum Mord in 3681 Fällen. Niemand im Dorf hatte zuvor von der dunklen Vergangenheit des Nachbarn gewusst. Er war den Ermittlern zufolge vom 15. August bis zum 14. September 1944 als SS-Unterscharführer in die SS-Sanitätsdienststaffel Auschwitz-Birkenau abkommandiert. Verteidiger Peter-Michael Diestel hält die Anschuldigungen für unbegründet. Einen Prozesstermin gibt es noch nicht. Unklar ist, ob Hubert Z. überhaupt verhandlungsfähig ist.

LN