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Norddeutschland Mehr Corona-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein
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Bereits 3100 Corona-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen in Schleswig-Holstein

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20:00 26.03.2021
Weil bei Kindern eine Corona-Infektion oft symptomlos verläuft, steigen durch die Selbsttests die Fallzahlen an.
Weil bei Kindern eine Corona-Infektion oft symptomlos verläuft, steigen durch die Selbsttests die Fallzahlen an. Quelle: Matthias Bein/dpa
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Lübeck

Während anfangs vor allem die Gefahr einer Corona-Infektion für alte Menschen im Fokus stand, steigen inzwischen die Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen. Am Donnerstag wurde der erste Todesfall in dieser Altersgruppe in Schleswig-Holstein bekannt. In Stormarn ist ein vierjähriges Kind an dem Virus gestorben.

„Auch bei den Unter-15-Jährigen steigt die Inzidenz seit Mitte Februar sehr rasant an“, warnt das Robert Koch-Institut (RKI). Nach wie vor verläuft eine Corona-Infektion bei Kindern jedoch meist mit milden oder sogar ganz ohne Symptome. Schwere Verläufe bleiben die Ausnahme und betreffen meist Jugendliche oder Kinder mit Vorerkrankungen, sagt der Dresdner Kinderarzt Jakob Armann.

Am Lübecker UKSH mussten bisher zehn Kinder im Alter zwischen einem und zwölf Jahren stationär behandelt werden, sagt der Leiter der dortigen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Prof. Egbert Herting. „Kinder benötigen sehr viel seltener eine Behandlung auf einer Intensivstation oder eine Beatmung, aber ganz vereinzelt kommen leider auch ähnlich schwere Verläufe wie im Erwachsenenalter vor“, sagt Herting.

Die meisten Fälle in der Altersgruppe der 11- bis 19-Jährigen

In Schleswig-Holstein haben sich nach Angaben des Kieler Gesundheitsministeriums in den ersten elf Wochen dieses Jahres insgesamt 3165 Kinder und Jugendliche mit Corona infiziert. 596 von ihnen sind 0 bis 4 Jahre alt, 789 sind 5 bis 10 Jahre alt und 1780 sind 11 bis 19 Jahre alt. Insgesamt 40 dieser mit Corona infizierte Kinder oder Jugendlichen mussten laut Gesundheitsministerium im Krankenhaus behandelt werden.

PIMS tritt Wochen nach der Corona-Erkrankung auf

Für Unruhe sorgt derzeit eine Folgeerkrankung, die zwei bis vier Wochen nach der Corona-Infektion auftritt: PIMS steht für Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome und ist eine lebensbedrohliche Entzündungserkrankung verschiedener Organe bei Kindern. Das Krankheitsbild erinnert an das Kawasaki-Syndrom, das allerdings nur bei Säuglingen und Kleinkindern auftritt. „PIMS ist eine Art Überreaktion des Immunsystems“, erklärt Prof. Herting. Kinder und Jugendliche mit PIMS müssen häufig intensiv-medizinisch überwacht werden, die Erkrankung ist laut Herting aber gut behandelbar.

Bisher 245 PIMS-Fälle in ganz Deutschland

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) führt ein Melderegister und hat seit dem Start am 27. Mai 2020 in Deutschland 245 Kinder und Jugendliche mit PIMS (Stand: 21. März) gezählt. Das Syndrom trifft damit nicht mal einen von 1000 Infektionsfällen bei jungen Menschen. Etwa sieben Prozent der PIMS-Patienten leiden laut Melderegister unter Folgeschäden.

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„PIMS ist eine bedrohliche aber sehr seltene und in den meisten Fälle komplett heilbare Erkrankung“, betont Herting. Die meisten Corona-infizierten Kinder hätte die gleichen Symptome wie bei jedem anderen Infekt. „Laut Schätzungen macht ein Kind bis zu seiner Einschulung über 500 unterschiedliche Virus-Kontakte durch, die meisten davon unbemerkt“, sagt Herting. Viele Corona-Infektionen würden bei Kindern symptomarm verlaufen und häufig eher zufällig entdeckt. Mehr Tests in Kitas und Schulen würden daher auch zwangsläufig steigende Fallzahlen bedeuten.

Risiko für schwere Verläufe ebenfalls steigend

Auch der Lübecker Virologe Prof. Jan Rupp betont: „Was wir aktuell sehen ist, dass bei den steigenden Fallzahlen auch mehr Kinder und Jugendliche positiv getestet werden, ebenso Erwachsene bis 60 Jahre. Damit steigt natürlich potenziell erst einmal das Risiko in diesen Altersgruppen auch für schwere Verläufe, im Verhältnis aber in deutlich geringerer Anzahl als bei den über 80-Jährigen.“

Auch unter Jüngeren britische Mutante vorherrschend

Rupp erwartet, dass sich mit der jetzt in Deutschland vorherrschenden Variante B.1.1.7 auch mehr Jüngere infizieren werden. „Aber das zeigt nur einmal mehr, dass prinzipiell ohne ausreichende Impfungen alle in den kommenden Wochen Sorge tragen müssen dass es nicht weiter zu stark steigenden Inzidenzen kommt.“

Eine neuere Studie aus England zeige für 55- bis 69-Jährige eine etwa 60 Prozent höhere Mortalität durch B.1.1.7. Solche Daten liegen laut Rupp für Kinder und Jugendliche aufgrund der glücklicherweise bislang sehr niedrigen Fallzahlen bei Kindern allerdings noch nicht vor.

Von Grit Petersen