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Norddeutschland Motorische Defizite bei Kindern nehmen zu
Nachrichten Norddeutschland Motorische Defizite bei Kindern nehmen zu
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22:18 17.11.2018
Spielen im Gegensatz zu vielen Kindern jeden Tag im Wald: Lykka (5) zieht Marlon (4) mit einem Seil. Quelle: Lutz Roessler
Lübeck

Kalter Wind schlägt Vater Michael Stender und seinen Töchtern Marlene (7) und Johanna (11) entgegen, als sie mit dem Fahrrad über die Klughafenbrücke zum Einkaufen Richtung Innenstadt fahren. Im Winter ist das eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen sie gemeinsam draußen unterwegs sind. „Es wird schon so früh dunkel, da kommen wir kaum vor die Tür“, erzählt Michael Stender. Weil die Eltern berufstätig sind, fehle sowieso oft die Zeit für gemeinsame Bewegung. Immerhin: Tochter Johanna ist an diesem Tag mit dem Einrad zur Schule gefahren.

Familie Stender ist vergleichsweise aktiv. Das ist nicht bei allen so. Zu wenig Zeit, zu viel am Bildschirm, schlechtes Wetter – die Ursachen sind vielfältig, wieso der Bewegungsmangel bei Kindern rasant zunimmt. Bei einer im Juli veröffentlichten Befragung der AOK kam heraus, dass für ein Drittel der Eltern regelmäßige Bewegung mit den Kindern nicht zum Familienalltag dazugehört. Alarmierend: Nur jedes zehnte Kind bewegt sich ausreichend am Tag. Die Weltgesundheitsorganisation und das Gesundheitsministerium empfehlen eine Stunde Aktivität am Tag. Im Schnitt sind Kinder aber nur an 3,6 Tagen pro Woche aktiv.

Der Bewegungsmangel bei Kindern nimmt zu. Wie können Familien trotz wenig Zeit Aktivitäten in den Alltag integrieren? Wie werden Kinder überhaupt motiviert?

Das hat fatale Folgen. Laut einer Krankenkassen-Studie haben bereits bei den 6- bis 10-Jährigen motorische Entwicklungsstörungen zwischen 2006 und 2016 um 63 Prozent zugenommen. Auch in jüngeren Jahren gibt es schon Probleme. „Bei Vorsorgeuntersuchungen gibt es ganz eindeutig mehr Fälle mit motorischen Defiziten“, sagt auch der Lübecker Kinderarzt Thomas Parlowsky.

Martin Hänel von der Kaufmännischen Krankenkasse erklärt: „Neben mangelnder Fitness, Haltungsschäden, motorischen Defiziten und Übergewicht können zum Beispiel auch Bluthochdruck und Diabetes auftreten.“ Wenig Bewegung führe zu einer geringen Durchblutung des Gehirns, wodurch Kinder sich beim Lernen weniger konzentriert und leistungsfähig seien.

Die Stubenhocker-Generation: Immer mehr Kinder klagen über Rückenprobleme und motorische Defizite

Ekkehard Rawohl, Fachleiter Sport an der Europaschule in Timmendorfer Strand, beobachtet im Sportunterricht, wie sich die Motorik seiner Schüler verschlechtert. „In einer Klasse mit 20 Schülern bekommen noch zwei bis drei eine Vorwärtsrolle hin“, berichtet der 51-Jährige. Schon in jungen Jahren klagten viele über Rückenbeschwerden. „Die Haltungsschäden nehmen zu, weil die meisten zu viel am Computer rumhängen.“ Sporttrainer Lukas Janko (24), Mitbegründer der Akrobatikgruppe „Concrete 3“, ist aufgefallen, dass viele Kinder kein Rad mehr schlagen können. Er empfiehlt, so früh wie möglich Sport zu treiben und Bewegungsabläufe zu erlernen. „Wenn die Pubertät einsetzt, ist der Zug so gut wie abgefahren.“

Früher seien Kinder zum Spielen mehr draußen als drinnen gewesen, sagt Gesine Goltz vom Verein Schutzgemeinschaft Wald. „Heute ist das genau umgekehrt.“ Sie kenne viele Kinder, die beispielsweise noch nie im Wald waren. Dabei sei gerade der Wald der perfekte Ort für unorganisierte Bewegung, für das spielerische Entdecken.

Das sagt auch Pädagoge Martin Klitsch. Er betreut Kinder im Lübecker Waldkindergarten „Die Waldmäuse“. Der setzt bewusst darauf, Kinder so oft wie möglich draußen spielen zu lassen – auch bei Regen und niedrigen Temperaturen. „Im Gegensatz zu Erwachsenen schockt das die Kinder überhaupt nicht.“ Sie seien auch seltener krank als Stubenhocker, die kaum vor die Tür gehen.

Querfeldein durch den Wald: Schlechtes Wetter schadet der Bewegung im Freien nicht

Wer die Gruppe an einem klammen Regentag im November im Wald beobachtet, spürt das: Ausgestattet mit Regenhose und Gummistiefeln balancieren Lykka (5) und Marlon (4) über einen Baumstamm, Felix (5), Clemens (3) und Joris (5) machen eine Blätterschlacht. Alle sind gut drauf, keiner gelangweilt. Joris’ Mutter Solveig Dorsch ist froh, dass ihr Sohn im Kindergarten genug an die frische Luft kommt. Ihr „Großer“ bereite ihr mit seinen acht Jahren mehr Sorgen. „Es ist ein stetiger Kampf, ihn zum Fußballtraining zu bewegen“, berichtet die Mutter. Er wolle lieber am Computer spielen.

Experten empfehlen, Kinder bis sechs Jahre höchstens 30 Minuten am Tag Medien nutzen zu lassen, Sieben-bis Zehnjährige eine Stunde. Laut AOK-Studie hocken die meisten aber mehr vor dem Bildschirm, am Wochenende kommen rund 80 Prozent der Kinder über die empfohlene Zeitspanne. Wie also junge Menschen nach draußen bekommen?

Die Vorbildfunktion der Eltern: Mehr Dinge zu Fuß und mit dem Fahrrad erledigen

Es gehe weniger um Höchstleistungssport, sondern um mehr Bewegung im Alltag, sagt Sportlehrer Ekkehard Rawohl. Das umzusetzen sei unter anderem Aufgabe der Eltern. „Sie können darauf achten, ihre Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule fahren zu lassen.“ Kinderarzt Thomas Parlowsky appelliert an die Vorbildfunktion vom Mutter und Vater: „Wenn Kinder ihre Eltern dabei beobachten, wie sie nur auf den Bildschirm starren, wird ihnen keine Freude an der Bewegung vermittelt.“ Gemeinsam in den Sportverein oder zum Schwimmen gehen seien wichtig. Physiotherapeut Christoph Richter empfiehlt: „Gemeinsam rausgehen in die Natur, denn in der Drei-Zimmer-Wohnung ist nicht genug Platz.“

Akrobat Lukas Janko versucht, die verstärkte Mediennutzung der Kinder mit seinem Sportangebot zu verknüpfen. „Am besten erreiche ich Kinder heutzutage einfach über den Bildschirm.“ Deshalb entwickelt er gerade eine App, über die dann Push-Nachrichten zum Training direkt an die Kinder versendet werden.

Nicola Leuschner, Geschäftsführer vom Kinderschutzbund Lübeck, fordert mehr Spielmöglichkeiten für Kinder im Freien: „Vor allem in den Städten ist die Bewegungsfreiheit vieler Kinder minimiert.“ Die AOK-Studie betont, dass Kommunen Bewegung in Familien fördern können – beispielsweise mit guten Radwegen und Sportplätzen um die Ecke.

Wie Kommunen Familien fördern können

Viele Eltern bemängeln, dass in ihrem Wohnumfeld Schwimmbäder und Spielplätze entweder nicht vorhanden oder ungepflegt und unsaniert sind. Das geht aus einer Familienstudie der AOK vom Juli 2018 hervor, bei der 4896 Eltern mit Kindern im Alter von vier bis 14 Jahren befragt wurden.

Zu einem bewegungsfreundlichen Wohnumfeldgehörten laut Eltern geeignete Spielplätze und Parks, die Möglichkeit, Kinder ohne Aufsicht im Freien spielen zu lassen, gut erreichbare Sportplätze, Turnhallen und Schwimmbäder sowie eine attraktive Umgebung. Auch ein besseres Angebot an öffentlichem Personennahverkehr und Verkehrssicherheit für Fußgänger sei ein wichtiges Kriterium für mehr Anreize zum Bewegen.

Saskia Bücker

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