"Containern": Auf Nahrungssuche im Müllcontainer
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Norddeutschland "Containern": Auf Nahrungssuche im Müllcontainer
Nachrichten Norddeutschland "Containern": Auf Nahrungssuche im Müllcontainer
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18:25 04.06.2019
Ein „Lebensmittelretter“ sucht im Container nach Backwaren.
Ein „Lebensmittelretter“ sucht im Container nach Backwaren. Quelle: Patrick Sinkel/ddp
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Lübeck

Nachts, ein Supermarkt in einem Gewerbegebiet: Mit Stirnlampen und Rucksäcken bewaffnet betreten die „Lebensmittelretter“, wie sie sich nennen, das Gelände. Ihr Ziel sind die Müllcontainer an der Rückseite des Gebäudes. Kopfüber, mit den Beinen in der Luft, beugen sie sich tief in den grünen Behälter. Sie suchen nach Lebensmitteln, die der Einzelhändler entsorgt hat, obwohl sie noch genießbar sind. Containern, Dumpstern oder Mülltauchen nennen sie ihre Schatzsuche.

In Deutschland werden jährlich etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Mit 61 Prozent machen dabei die Privathaushalte den größten Teil aus. Im Durchschnitt wirft jeder pro Jahr 81,6 Kilogramm Nahrung weg. Das entspreche etwa 235 Euro, heißt es von Greenpeace. Für fünf Prozent sorgt der Handel. Das sind etwa 550 000 Tonnen.

Das Containern beginnt, wenn es dunkel ist und der Markt geschlossen. „Wir treffen uns meistens spontan und lieber in kleinen Gruppen“, sagt Thorben W. (29) — damit sie nicht so schnell gesehen werden, denn legal ist die Suche nicht. Das Risiko, erwischt zu werden, gehöre aber dazu.

Nicht selten fischen die Mülltaucher Rationen für mehrere Tage aus den Tonnen hinter den Supermärkten — Obst, Gemüse und Milchprodukte. „Ich spare durch das Containern monatlich bis zu 200 Euro“, sagt Thorben W.. „Am schönsten finde ich es, wenn man Lebensmittel findet, die man sonst nicht oft kauft, weil sie teuer sind.“ Er sei durch eine Freundin zum Containern gekommen. „Mich hatte die Neugier gepackt“, erzählt Containerin Rosa D. (35) aus Kiel. Auch Abenteuerlust spiele eine Rolle. Es habe ein wenig gedauert, bis sie ihre Scheu ablegen konnte.

Der Einzelhandel warnt vor der Nahrungssuche im Container: „Wir können keine Verantwortung für die Lebensmittel übernehmen“, sagt Thomas Bonrath, Pressesprecher von Rewe. Was sich in den Behältern befindet, dürfe nicht mehr an Verbraucher weitergegeben werden. Manchmal sei nicht sichtbar, ob Lebensmittel mit Schimmel in Kontakt waren. Ähnlich argumentiert Caren Schulze von Edeka Nord: „In den Containern werden verdorbene und unverkäuflich versehrte Lebensmittel wie offene Joghurts oder solche Produkte, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, entsorgt“, sagt sie.

Das nächtliches Tauchen nach Essen „erfüllt den Tatbestand des Diebstahls. Der Müll in den Containern gehört dem Entsorger“, sagt Julia Engewald von der Polizeidirektion Lübeck. Wenn die Müll-Bereiche nicht frei zugänglich sind, sei das Betreten des Geländes Hausfriedensbruch. Anzeigen seien aber selten. „Mit der Polizei hatte ich bisher noch keine Probleme“, berichtet Thorben W., für den das Containern ein persönlicher Protest gegen die Wegwerfgesellschaft sei.

„Das erfüllt den Tatbestand des Diebstahls.“
Julia Engewald,
Polizeidirektion Lübeck

Philip Schülermann