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Norddeutschland Covid-19: Was passiert, wenn ich als Infizierter in die Klinik muss?
Nachrichten Norddeutschland Covid-19: Was passiert, wenn ich als Infizierter in die Klinik muss?
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18:41 08.04.2020
Beatmung eines Patienten unter schützender Folie (bei dem Bild aus der Interdisziplinären Operativen Intensivstation handelt es sich um eine aktuelle Schulungssituation, im Bett liegt eine Puppe, kein Patient).
Beatmung eines Patienten unter schützender Folie (bei dem Bild aus der Interdisziplinären Operativen Intensivstation handelt es sich um eine aktuelle Schulungssituation, im Bett liegt eine Puppe, kein Patient). Quelle: UKSH
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Lübeck

Prof. Dr. Maria Deja, ist zweite stellvertretende Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin und Sektionsleiterin der Interdisziplinären Operative Intensivstation (IOI) am UKSH in Lübeck. Für die Lübecker Nachrichten erklärt sie im folgenden Text, wie Corona-Patienten auf der Intensivstation behandelt werden:

Der Arzt muss nicht aufgrund mangelnder Ressourcen bestimmen, wer zu retten ist

Angesichts der Pandemie müssen Triage-Situationen vermieden werden, in denen Ärzte im schwerwiegenden ethischen Konflikt zu entscheiden gezwungen wären, wer vorrangig intensivmedizinische Versorgung erhalten soll. Mit der medizintechnischen Aufrüstung des UKSH ist ein entscheidender Schritt getan, dass weder der Staat noch der einzelne Arzt aufgrund einer Knappheit medizinischer Ressourcen bestimmen muss, welches Leben zu retten ist.

UKSH rüstet Kapazitäten auf: Zahl der Intensivbetten mehr als verdoppelt

Bei der Stabilisierung intensivmedizinischer Kapazitäten im bundesweiten Gesundheitssystem geht Schleswig-Holstein auch deshalb mit gutem Beispiel voran: Bis Mitte April rüstet das UKSH seine intensivmedizinischen Kapazitäten campusübergreifend von 172 auf 362 Intensivbetten um 110 Prozent auf. Allein am Campus Lübeck steigt die Zahl von 82 auf 183 Intensivbetten. Unser Ziel ist, bestmöglich auf den bevorstehenden Anstieg von Covid-19-Patienten vorbereitet zu sein. Gelänge es allen 33 deutschen Universitätsklinika, jeweils 180 Intensivbetten zu schaffen, stünden allein in den deutschen Unikliniken 5940 Intensivbetten bereit. Zum Vergleich: In ganz Italien stehen rund 5000 Intensivbetten zur Verfügung.

Mehr als 40 Millionen Euro in die intensivmedizinische Ausstattung investiert

Durch die Neubauten im August 2019 in Kiel und im November 2019 in Lübeck ist das UKSH als einziger medizinischer Maximalversorger des Landes infrastrukturell hervorragend aufgestellt. Mehr als 40 Millionen Euro sind an intensivmedizinischer Ausstattung investiert worden, so dass sich die Intensiveinheiten und -systeme jetzt auf dem modernsten Stand der Technik befinden. Derzeit werden an beiden Standorten sechs Stationen personell und medizintechnisch aufgerüstet, um die Behandlung von Intensivpatienten zu gewährleisten.

UKSH steuert Verteilung der Covid-19-Patienten mit einem Stufensystem

Das zusätzliche Anschaffungsvolumen für Medizintechnik beträgt bis zu 5,5 Millionen Euro. Dazu gehören Ultraschallgeräte, Bronchoskopie-Einheiten, Dialysegeräte, Röntgensysteme, Beatmungstechnik, Monitoring und Infusionstechnik. Zur Versorgung intensivpflichtiger Patienten mit schwerer Covid-19-Symptomatik hält das UKSH ein Stufenkonzept vor, das die schrittweise Belegung von Intensiveinheiten steuert. Alle Intensivplätze verfügen über die Möglichkeit zur Beatmung der Patienten mit Intensivbeatmungsgeräten.

Ärzte verschiedener Fachgebiete arbeiten sich in Intensivmedizin ein

Zusätzlich zum spezialisierten Personal auf den Intensivstationen werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Gesundheitsfachberufe aus anderen Abteilungen gezielt geschult und auf einen Einsatz im Bereich der Intensivmedizin vorbereitet. Gleichzeitig durchlaufen Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachgebiete ein Einarbeitungs-Curriculum. Auch die Laborkapazitäten wurden erhöht, insbesondere für die Diagnose Covid-19 und für das frühzeitige Feststellen von Organversagen, um möglichst frühzeitig mit der Therapie starten können.

80 Prozent der Corona-Erkrankungen verlaufen mild bis moderat

Die Krankheitsverläufe von Covid-19 sind vielfältig und variieren stark, von symptomlosen Verläufen, über Fieber, Schnupfen, Husten, Halsschmerzen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen. Allgemeingültige Aussagen zum „typischen“ Krankheitsverlauf gibt es deshalb nicht. Etwa 80 Prozent der Erkrankungen verlaufen mild bis moderat – also ohne Lungenentzündung. Etwa 14 Prozent verliefen schwer, aber nicht lebensbedrohlich. In etwa 6 Prozent der Fälle war der klinische Verlauf kritisch bis lebensbedrohlich. In Schleswig-Holstein ist festgelegt, wann jemand sicher zu Hause in Behandlung versorgt werden kann und Ärzte den Patienten zu Hause kontaktieren und auch sehen sollen – und wann die Kriterien für die Behandlung im Krankenhaus gegeben sind.

Besonderer Eingang für die Aufnahme von Covid-19-Patienten

Damit die Kontaktrisiken möglichst gering bleiben, hat das UKSH in der Interdisziplinären Notaufnahme einen gesonderten Eingang für die Aufnahme von Covid-19-Patienten und Verdachtsfällen eingerichtet. Ärzte und Pflegekräfte empfangen die Patienten mit einer „Persönlichen Schutzausrüstung“ (PSA). Hier wird eine spezielle Abfrage (Anamnese) gemacht, um das Risiko einer Infektion mit Covid-19 festzustellen. Aufgenommen werden Patienten mit leichterer Symptomatik auf einer speziell ausgestatteten Normalstation. Dort erfolgt eine engmaschige Überprüfung von Blutdruck, Sauerstoff im Blut und Puls. Gegebenenfalls erhalten Patienten zusätzlichen Sauerstoff über eine Nasenbrille oder eine Sauerstoffmaske.

Verschlechtert sich der Zustand, übernimmt die Intensivstation

Die Laborwerte werden täglich kontrolliert. Speziell ausgebildete Ärzte sowie Pflegekräfte legen in den täglichen Visiten die tatsächliche Krankheitsschwere sicher fest. Verschlechtert sich der Krankheitszustand und werden bestimmte diagnostische Werte überschritten, müssen diese Patienten frühzeitig von der Intensivstation übernommen werden. Hier stehen hochspezialisierte Experten und Medizintechnik bereit, um Patienten mit einer schweren Lungenentzündung zu versorgen.

Zum Einsatz kommen künstliche Beatmung und Dialyse

Eine solche Lungenentzündung kann zu einer Sepsis führen, einer Ganzkörperreaktion mit lebensbedrohlichem Zustand. Dabei können lebenswichtige Organe vorübergehend ihre Funktion verlieren (Mehrorganversagen), die in der Intensivmedizin dann durch Apparate ersetzt werden müssen, bis die Infektion überwunden ist. Auch in der Covid-19-Pandemie sind dies die Beatmung mit einer Maschine für Patienten mit einer schweren Lungenentzündung, die Dialyse für Patienten mit Nierenversagen sowie die kontinuierliche Gabe von Medikamenten über eine Infusionspumpe zur Unterstützung des Kreislaufs.

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Im äußersten Fall muss vorübergehend eine künstliche Lunge die lebenserhaltende Funktion übernehmen. Diese wird mit dem Blut des Patienten durchströmt, so dass dem Patienten mit Sauerstoff gesättigtes und von Kohlendioxid gereinigtes Blut zurückgegeben wird (extracorporale Membranoxygenation).

Für Corona-Patienten stehen kostenfrei Telefon, Fernsehen und Zeitungen bereit

Die Expertinnen und Experten halten es für sehr wichtig, dass Angehörige und wichtige Freunde Kontakt zu den Patienteninnen und Patienten halten, damit diese in schweren Stunden ihre Lieben in der Nähe wissen. Am Campus Lübeck geben deshalb zusätzliche Kräfte telefonisch Auskunft. Diese Telefonate mit Ärzten und Pflegekräften müssen koordiniert werden, damit sowohl die Angehörigen gut informiert sind als auch der klinische Betrieb effektiv läuft. Für Patienten stehen während der Pandemie kostenfrei Telefon, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften online bereit, damit eine Teilhabe am öffentlichen Leben bestmöglich gewährleistet ist.

UKSH bietet regelmäßige Ethik-Visiten an

Für Gespräche in schwierigen Situationen und bei ethischen Fragen bietet das UKSH regelmäßige Ethik-Visiten auf den betroffenen Stationen und Einzelfallberatungen an. Besuche sind auf behördliche Anordnung allerdings nur in Ausnahmefällen bei Schwerstkranken als Einzelfallentscheidung möglich. Diese Besucher müssen registriert und bezüglich des Risikos einer Infektion befragt werden sowie spezielle Einweisungen zur Hygiene erhalten.

Spezielle Informationen für Ärzte und medizinisches Personal vom „Expertenbeirat medizinische Versorgung bei Covid-19“ zur Kategorisierung und zum Umgang mit Sars-CoV2-positiv getesteten Patienten lesen Sie hier.

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Von Prof. Dr. med. Maria Deja