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Norddeutschland Debatte im Norden: Sollen Erste-Hilfe-Kurse zur Pflicht werden?
Nachrichten Norddeutschland Debatte im Norden: Sollen Erste-Hilfe-Kurse zur Pflicht werden?
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19:55 29.09.2019
Erste Hilfe kann im Notfall das Leben des Opfers retten. Wer sich selbst nicht zutraut einzugreifen, kann den Notruf absetzen und andere Mitmenschen zum Helfen auffordern. Quelle: Arbeiter-Samariter-Bund/M.Soltau
Lübeck

Erste-Hilfe-Kurse sollen für jeden verpflichtend werden – das fordert jetzt die Björn Steiger Stiftung. Den Anstoß gab eine Umfrage, der zufolge sich nur jeder Zweite zutraut, im Notfall Erste Hilfe zu leisten. Der Grund dafür liege in der Unsicherheit.

Ulrich Schreiner, Geschäftsführer im Bereich Rettungsdienst der Björn Steiger Stiftung, betont: „Ein einziger Erste-Hilfe-Kurs im Leben, um den Führerschein zu erlangen, reicht bei weitem nicht aus, um im Ernstfall überlegt zu handeln.“

Die Björn Steiger Stiftung setzt sich seit 1969 für eine bessere Notfallversorgung ein. Sie ist unter anderem für die Einführung der bundesweiten Notrufnummern 110 und 112 sowie für den Einsatz der Luftrettung verantwortlich

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Ministerium: Kenntnisse sollen freiwillig aufgefrischt werden

Das Kieler Gesundheitsministerium begrüßt die Bestrebungen der Stiftung. Minister Heiner Garg (FDP) sagt: „Ersthelfer sind das erste Glied der Rettungskette in Notfallsituationen. Daher ist es wichtig, dass wir unsere Kenntnisse über Erste Hilfe regelmäßig auffrischen.“

Dies sollte aber auch freiwillig, jenseits von Verpflichtungen, geschehen. Dafür gäbe es zahlreiche Schulungsangebote. Garg betont, dass jeder Mensch auf Erste Hilfe angewiesen sein kann.

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ADAC und UKSH zweifeln an Umsetzbarkeit

Ulf Evert vom ADAC Schleswig-Holstein hält die Forderung der Björn Steiger Stiftung zwar für sinnvoll, zweifelt aber an der Umsetzbarkeit. „Davon wären rund 55 Millionen Erwachsene betroffen.“ Er fürchtet, dass eine „endlose Bürokratie“ nötig wäre, um zu entscheiden, wer tatsächlich Kurse belegen muss und wer nicht. Zudem sei ungewiss, ob der damit verbundene Neuzulauf bewältigt werden könnte.

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein sieht in einer Verpflichtung ebenfalls den falschen Ansatz. Sprecher Oliver Grieve betont: „Wir glauben, dass die Bevölkerung motiviert ist und helfen möchte.“ Das werde deutlich an der freiwilligen Nutzung vieler öffentlicher Angebote. „Zwang ist aber immer ein schlechter Ratgeber.“

Zudem sei unklar, wie die geforderten Pflichtkurse finanziert werden könnten. Laut Grieve müsste es dann vor allem niedrigschwellige Angebote geben, die sich mit dem Geldbeutel und dem Terminkalender vereinbaren lassen.

So diskutieren die LN-Leser auf Facebook über das Thema:

DRK: Kurs müsste mindestens einmal pro Jahr stattfinden

Stefan Krause, Geschäftsführer des Lübecker Kreisverbands des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ist hingegen zuversichtlich: „Ich bin sicher, die Einrichtungen könnten das leisten. Es gibt ja viele verschiedene Anbieter.“

Die Forderung nach Pflichtkursen für alle sei daher zwar grundsätzlich zu begrüßen. Die Teilnahme müsste aber regelmäßig stattfinden, damit die Hemmungen und Ängste tatsächlich schwinden. „Es sind einfache Maßnahmen, die wir Ersthelfern beibringen. Trotzdem können sie nur durch regelmäßiges Üben richtig gefestigt werden.“

Krause empfiehlt, mindestens einmal im Jahr einen Kurs zu besuchen. „Es geht um wichtiges Wissen, das jeder braucht – für sich selbst, die Familie und Freunde.“

ASB: „Aufklärung ist das Gebot der Stunde“

Der Arbeiter-Samariter-Bund Schleswig-Holstein (ASB) steht den Bestrebungen der Björn Steiger Stiftung zunächst positiv gegenüber. Sprecherin Annette Peters bestätigt, dass untätige Zuschauer am Unfallort nicht nur „Gaffer“ seien, „sondern Menschen, die Angst haben etwas falsch zu machen“.

Daher müsse das Thema Erste Hilfe unbedingt mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft erlangen. Peters befürchtet jedoch, dass eine Verpflichtung letztlich mehr Widerstand als Einsicht auslösen würde. Vielmehr sei Aufklärung „das Gebot der Stunde“, sagt die Sprecherin.

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Diese sollte schon im Kindes- und Jugendalter beginnen. „Wer schon als Kind begriffen hat, wie wichtig Erste Hilfe ist, wird als Erwachsener nicht hilflos zusehen.“ Auch die Johanniter-Unfall-Hilfe Lübeck setzt auf die Ausbildung junger Menschen.

Nach eigenen Angaben bildet die Einrichtung in den Kreisen Lübeck, Ostholstein und Stormarn jährlich etwa 200 Schüler zu Schulsanitätern aus. „Eine feste Verankerung von Erster Hilfe in den Lehrplänen würden wir als absolut sinnvoll erachten“, sagt Sprecher Malte Schierenberg

Die Verpflichtung aller zum Besuch eines Erste-Hilfe-Kurses fordern die Johanniter indes aber nicht. „Wir appellieren an die Eigenverantwortung jedes einzelnen.“

Hier gibt es Erste-Hilfe-Kurse

Den passenden Erste-Hilfe-Kurs finden Sie unter anderem hier:

Malteser Hilfsdienst: www.malteser-luebeck.de 

Sanitätsschule Nord: www.sanitaetsschulenord.de

Johanniter-Unfall-Hilfe: www.johanniter.de

Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Lübeck: www.drk-luebeck.de

Arbeiter-Samariter-Bund: luebeck.asb-sh.de

Die Kosten für die Teilnahme liegen zwischen 30 und 35 Euro pro Kurs.

Todesursache Herzstillstand: 100 000 Opfer pro Jahr

Laut Ulrich Schreiner von der Björn Steiger Stiftung sollen die geforderten Pflichtkurse zur Unterstützung der professionellen Notfallrettung beitragen. Bis der Notarzt eintrifft, könnten Erste-Hilfe-Maßnahmen wie eine Herzdruckmassage über Leben und Tod des Opfers entscheiden.

Schierenberg stimmt zu: „Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand beginnt das Gehirn nach nur drei bis fünf Minuten ohne Blutfluss unwiederbringlich zu sterben.“

Klicken Sie hier, um wichtige Tipps zu sehen, wie Sie bei einem Verkehrsunfall Erste Hilfe leisten können.

Dieser Todesursache fallen nach Angaben des Arbeiter-Samariter-Bundes jährlich etwa 100 000 Menschen zum Opfer. „Mit jeder Minute, die verstreicht, verringern sich die Lebenschancen um zehn Prozent“, berichtet Annette Peters.

Dennoch beträgt die Quote der Laien-Reanimationen in Deutschland aktuell nur 39 Prozent. Nach Angaben des Deutschen Rats für Wiederbelebung soll dieser Wert bis 2020 auf 50 Prozent erhöht werden. Damit könnten jährlich etwa 10 000 Menschen mehr gerettet werden.

 Gerade in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein müssten Rettungsdienste häufig lange Wege zurücklegen. Deshalb sei hier besonders die Initiative und Hilfsbereitschaft jedes Einzelnen gefragt, damit die Rettungskette funktioniert, sagt Peters.

Immer als Ersthelfer unterwegs

Das Projekt „Saving Life“ bietet seit 2017 kostenlos Erste-Hilfe-Kurse für Menschen an, die sich in der App „Meine Stadt rettet“ als Ersthelfer registrieren. Sobald in ihrer Nähe ein Notfall auftritt, werden sie von der nächsten Rettungsleitstelle auf dem Smartphone alarmiert. So können die Ersthelfer den Unfallort aufsuchen und die notwendigen Erste-Hilfe-Maßnahmen leisten, bis die Rettungskräfte eintreffen.

Auch Defibrillatoren werden in der App angezeigt. Neue Standorte können jederzeit von allen Nutzern gemeldet werden.

„Saving Life“ ist eine Kooperation zwischen dem Arbeiter-Samariter-Bund Schleswig-Holstein und der Dänischen Volkshilfe. Das Projekt wird mit 1,5 Millionen Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Auf deutscher Seite haben sich nach Angaben des Arbeiter-Samariter-Bunds bereits mehrere tausend Ersthelfer registriert.

Alle Infos zum Projekt gibt es unter: www.savinglife.eu

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Von Rabea Osol