Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Lehrer müssen Erste Hilfe leisten
Nachrichten Norddeutschland Lehrer müssen Erste Hilfe leisten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:03 04.04.2019
Erste Hilfe kann Leben retten. Vor allem Sportlehrer müssen darauf vorbereitet sein, ihren Schülerinnen und Schülern im Notfall angemessen helfen zu können, sagt der Bundesgerichtshof. Quelle: Benjamin Nolte/dpa-tmn
Anzeige
Karlsruhe/Kiel

Ein 18-Jähriger bricht im Sportunterricht bewusstlos zusammen. Als der Notarzt kommt, ist sein Hirn schwer geschädigt. Ob ein Lehrer und eine Lehrerin das damals in Hessen mit einer Beatmung hätten verhindern können, beschäftigt gerade die Gerichte. Der BGH hat aber schon mal festgestellt: Sportlehrer müssen Schülern Erste Hilfe leisten und sie im Notfall auch wiederbeleben können.

In Schleswig-Holstein ist man nach dem Spruch des Bundesgerichtshofes ebenfalls alarmiert. Reicht die Erste-Hilfe-Ausbildung der Lehrkräfte im Norden aus, um solche tragischen Fälle hier zu verhindern? „Ich hoffe, dass unsere Lehrkräfte entsprechend ausgebildet sind – über den Stand des Erste-Hilfe-Scheins hinaus, den man zur Führerscheinprüfung ablegt“, sagt etwa der Vorsitzende des Landeselternbeirats der Gemeinschaftsschulen, Thorsten Muschinski. Einen genauen Überblick darüber habe man allerdings bislang nicht.

Anzeige

Neun Stunden Erste-Hilfe-Kurs müssen reichen

Tatsächlich aber müssen die meisten Lehrkräfte im Norden nur über die Ausbildung zum Ersthelfer verfügen, heißt es aus dem Haus von CDU-Bildungsministerin Karin Prien. Umfang: Neun Stunden. Immerhin: Alle drei Jahre müssen die Lehrkräfte und „sonstige an Schulen tätige Personen, die in einem Dienst- oder Arbeitsverhältnis zum Land oder Schulträger stehen“, ihre Kenntnisse in einer sechsstündigen Fortbildung auffrischen.

Die Kurse dazu finden in der unterrichtsfreien Zeit in der Schule statt. Es zahlt die Unfallkasse. Sportlehrer müssen zudem besonders in Erster Hilfe geschult sein. Das geschehe bereits in Modulen im Studium, erläutert ein Ministeriumssprecher. Unterrichten sie Schwimmen, müssen sie zum Beispiel auch über das Rettungsschwimmabzeichen verfügen. Das wiederum muss alle zwei Jahre aufgefrischt werden. Chemielehrer müssen zudem Wissen über die speziellen Gefahren bestimmter Stoffe nachweisen.

Die GEW hält die Regelung für ausreichend

Dass diese Vorschriften und Fristen auch eingehalten werden, muss die jeweilige Schulleitung überwachen. Sie muss dazu einen Sicherheitsbeauftragten ernennen. Die Lehrergewerkschaft GEW hält diese Regelung für ausreichend. Als besonders gewinnbringend hätten sich dabei allerdings jene Kurse entpuppt, die sich speziell mit Erster Hilfe am Kind befassen, sagt Geschäftsführer Bernd Schauer. Generell appelliere man an alle Lehrkräfte, sich immer vor Augen zu führen, dass es im Notfall keine falsche Hilfe gebe: „Etwas zu tun, ist immer besser als nur zuzusehen.“

Erste Hilfe lernen

Etwa eine Million Menschen muss in Deutschland pro Jahr die Ersthelferausbildung absolvieren, weil sie einen Führerschein oder einen Trainerschein machen oder Medizin oder Lehramt studieren will. Angeboten werden die Kurse vor allem von den großen Hilfsorganisationen, etwa dem Deutschen Roten Kreuz, dem Malteser Hilfsdienst, dem Arbeiter-Samariter-Bund, der DLRG oder der Johanniter-Unfallhilfe. Die Kurse können auch als Auffrischungskurs besucht werden.

Nur zugesehen zu haben, werfen die Eltern des 18-Jährigen in Hessen der Sportlehrerin vor. Sie habe lediglich die Rettungsleitstelle alarmiert. Der Junge wurde in die stabile Seitenlage gebracht, die Atmung aber offenbar nicht überprüft. Mitschüler berichteten, dass er da bereits blau angelaufen sei. Der Notarzt notierte: „Beim Eintreffen des Notarztes bereits eine achtminütige Bewusstlosigkeit ohne jegliche Laienreanimation“. Der BGH fordert jetzt eine gründliche Prüfung des Vorfalls ein. Fakt ist: Der Junge musste 45 Minuten lang wiederbelebt werden und ist seitdem ein Pflegefall.

Erste Hilfe zu leisten, ist für Sportlehrer eine Amtspflicht

Die Eltern fordern vom Land Schmerzensgeld und eine Rente. Ihre Aussichten darauf stehen gut, selbst wenn der Lehrerin am Ende nur einfache Fahrlässigkeit zu unterstellen wäre, verlautet es vom BGH. Denn es sei in jedem Fall Amtspflicht eines Sportlehrers, erforderliche und zumutbare Erste-Hilfe-Maßnahmen „rechtzeitig und in ordnungsgemäßer Weise“ einzuleiten, so die Richter.

„Wir begrüßen diese Klarstellung“, sagt der SPD-Bildungspolitiker im Kieler Landtag, Martin Habersaat. Gerade in gefahrgeneigten Schulfächern wie Sport oder Chemie müsse es eine Selbstverständlichkeit sein, dass mindestens eine Person Erste Hilfe leisten kann, statt nur auf den Rettungswagen zu warten.

Wolfram Hammer