Debatte um Corona-"Denunzianten": Sollen wir andere anschwärzen?
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Norddeutschland Die Corona-Gewissensfrage: Sollen wir andere anschwärzen?
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Debatte um Corona-"Denunzianten": Sollen wir andere anschwärzen?

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10:23 16.11.2020
Mann späht durch Jalousie: Hilfspolizisten in Feinrippunterhemden?
Mann späht durch Jalousie: Hilfspolizisten in Feinrippunterhemden? Quelle: Franziska Gabbert/picture alliance
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Hannover

Frau H. war viel zu Hause. Sie bekam einiges von ihrem Nachbarn mit, einem Juristen. Frau H. notierte Details – Kaufverhalten, Alkoholkonsum, Arbeitsmoral, Westkontakte – und reichte alles an den Staatssicherheitsdienst der DDR weiter. Frau H. war eine Denunziantin.

Den Deutschen war so was ja durchaus vertraut. Bereits in den Dreißigerjahren unterhielt das Nazi-Wochenblatt „Der Stürmer“ eine Rubrik namens „Was das Volk nicht versteht“. Darin fand man Einträge wie diesen: „Der Maurerpolier Philipp Weiß aus Reichenbach begrüßte den erst kürzlich aus dem Konzentrationslager entlassenen Handelsjuden Ferdinand Israel Meyer auf einer öffentlichen Straße und erkundigte sich freundlich nach seinem Befinden.“ Der Informant des „Stürmer“ und die Zeitung selbst waren Denunzianten.

Wenn man heute, im Corona-Jahr 2020, einen Blick in die sozialen Netzwerke und die Leserbriefspalten wirft, könnte man den Eindruck bekommen, wir stünden wieder direkt vor der Einführung des Spitzelstaats. Das ist überzogen. Aber tatsächlich berichten Behörden von zunehmenden Hinweisen aus der Bevölkerung auf echte oder vermutete Nichteinhaltung von Corona-Auflagen. Auto mit fremdem Kennzeichen vor der Tür des Nachbarn? Bei der Polizei klingelt das Telefon.

30 Silberlinge

Kräftig befeuert wurde die Debatte durch einen Satz des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil von der SPD, der im NDR gesagt hatte, man solle Corona-Verstöße melden. Weil schien geahnt zu haben, dass das Ärger geben würde, er fügte gleich hinzu, dass so was keiner gern mache, dass man denke: „Mensch, bin ich jetzt eine Petze oder gar ein Denunziant?“ Aber, befand der Regierungschef: „Im Moment geht es um richtig viel.“

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, Verstöße gegen die neuen Corona-Beschränkungen zu melden. Beim Infektionsschutz müssten alle Bürger mitwirken. „Im Moment geht es um richtig viel“, so Weil. Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Es gab trotzdem einen Aufschrei. Niemand möchte ein Judas sein. Die Geschichte des Jüngers, der Jesus für 30 Silberlinge an die Römer verriet und sich später aus Scham das Leben nahm, ist noch bei vielen im Unterbewusstsein verankert. Den Spruch „Der größte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant“ wurde Hoffmann von Fallersleben zugeschrieben, tatsächlich ist der Urheber unbekannt, aber jeder hat gelernt: Wer andere anschwärzt, tut das aus niederen Motiven und zum eigenen Vorteil, und das ist verwerflich.

Hilfspolizisten in Feinrippunterhemden

Allerdings wird dafür, dass niemand eine Petze sein will, gar nicht so selten gepetzt. Dass Kinder es tun – geschenkt. Der Rentner, der im Feinrippunterhemd im Fenster lehnt und Parksünder anzeigt, obwohl ihn das einen feuchten Kehricht angeht, darf dagegen als Inkarnation des spießigen deutschen Untertanen gelten, der sich selbst zum Hilfspolizisten aufschwingt.

Der Psychoanalytiker Erich Fromm bescheinigte solchen Menschen einen „autoritären Charakter“. Zu Beginn des Jahrtausends kam eine sozialpsychologische Studie in den USA zu dem Ergebnis, dass das Denken und Verhalten von Autoritätshörigen bestimmt wird von Engstirnigkeit und Aggressivität bei gleichzeitiger Verzagtheit.

Wenn aber die Polizei kommt und den Parksünder aufschreibt, dann lindert das die düsteren Empfindungen des Spießers, jedenfalls für eine kleine Weile.

Privatsache?

Derzeit hängen Plakate des Bundesfamilienministeriums in den Städten, auf denen ein Mann zu sehen ist, der von seiner Wohnung aus beobachtet, wie im Haus gegenüber eine Frau geschlagen wird. Die Aussage: Gewalt gegen Frauen, auch in der Familie, ist keine Privatsache, bitte sofort die Polizei rufen. Das ist dann keine Denunziation? Nein, ist es nicht. Und wenn Edward Snowden Überwachungspraktiken der Geheimdienste ans Licht bringt, ist es das ebenfalls nicht. Wo aber verlaufen die Grenzen?

Gewalt gegen Frauen, auch in der Familie, ist keine Privatsache.Wer darauf aufmerksam macht, ist kein Denunziant. Quelle: picture alliance/dpa

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation. Wir wissen alle: Das Coronavirus kann tödlich sein. Dass es das nicht immer ist, macht die Situation nicht sicherer, sondern unwägbar. Die Gesellschaft ist gezwungen, sich gegen die Gefahr zu wappnen, dass Kliniken überquellen und die Kranken massenhaft auf den Fluren sterben. Aus diesem Grund lassen wir selbst es zu, dass der Staat unsere Freiheitsrechte einschränkt und uns in den Lockdown schickt und uns zu Abstand und Maske verpflichtet.

Zudem hat die Mehrheit von uns auch schlicht Angst, dass es unsere Angehörigen oder uns selbst erwischt. Wer Angst hat, achtet darauf, dass Normen eingehalten werden, damit wenigstens etwas Verlässlichkeit bleibt. Wer Angst hat, zeigt leichter auf andere, damit er selbst nicht so auffällt. Das ist ziemlich normal. Allerdings rechtfertigt es nicht alles.

Bürger petzen

Die Stadt Essen in NRW ist öffentlich dafür verprügelt worden, dass es auf ihrer Internetseite ein Formular zur Meldung von Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung gibt. Die Netzwerke kochten: Das sei Aufruf zum Denunziantentum. Dabei hat die Stadt Essen zu nichts aufgerufen. Sie ist so mit Anzeigen der Bürger wegen vermuteter Corona-Verstöße überschüttet worden, dass sie das eindämmen musste. Dafür wurde das Formular geschaffen.

Die Leute müssen nicht zum Verpetzen ihrer Mitbürger animiert werden. Sie tun es von ganz allein. Und man darf das problematisch finden. Jedenfalls dann, wenn es sich um begrenzte Verstöße handelt, um etwas, das nichts mit Vorsatz oder gar Strafbarkeit zu tun hat.

Was zeigt der moralische Kompass an?

Man muss seinen eigenen moralischen Kompass bemühen: In welchem Interesse handele ich? Will ich nur meine Angst klein halten oder geht es darum, der Gemeinschaft eine nennenswerte Virusverbreitung zu ersparen? Will ich eine Ideologie durchsetzen oder habe ich das menschliche Maß im Blick? Auch gesellschaftliche Bedingungen ändern sich: Gewalt in der Ehe etwa war vor 40 Jahren ein Tabuthema, wer so was anzeigte, wurde geächtet. Und was haben wir in den letzten Jahren über Verschleierung debattiert, über offene Gesichter und deutsche Leitkultur. Tja.

Also: Wenn jemand nicht unmittelbar beim Betreten der Fußgängerzone die Maske aufsetzt, sollte ich nicht die Polizei rufen. Bagatellen, Vermutungen, Missgunst rechtfertigen es nicht, jemanden an den Pranger zu stellen. Wenn aber in einem Raum eine heimliche Party ohne Abstand gefeiert wird und hinterher zig Leute mit einer möglichen Infektion ausschwärmen, dann ist das keine Privatsache mehr. Da geht es um „richtig viel“, wie Stephan Weil gesagt hat. Und es kann jeden persönlich treffen. In einem solchen Fall darf ich durchaus den Behörden Bescheid geben.

Interessanterweise übrigens wird das tatsächliche oder angebliche Denunziantentum ausgerechnet in der Szene der Corona-Leugner besonders heftig kritisiert. Dieselben Leute, die keinen Respekt vor den Sorgen ihrer Mitmenschen haben, fordern Respekt von eben dieser Gemeinschaft. Passt nicht ganz zusammen.

Von Bert Strebe/RND/Hannoversche Allgemeine Zeitung