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Norddeutschland Verbot von Plastiktüten: Handelsverband spricht von „politischem Aktionismus“
Nachrichten Norddeutschland Verbot von Plastiktüten: Handelsverband spricht von „politischem Aktionismus“
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07:18 13.08.2019
Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) will Plastiktüten verbieten lassen. Quelle: Franziska Kraufmann/dpa
Lübeck

Beim Handelsverband Nord, der für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern zuständig ist, herrscht „großes Unverständnis“ vor, sagt Hauptgeschäftsführer Dierk Böckenholt. Er spricht von „umweltpolitischem Aktionismus“ und „reiner Symbolpolitik“.

2016 habe der Einzelhandel mit dem Bundesumweltministerium eine Vereinbarung zur Selbstverpflichtung getroffen, Plastiktüten nur noch kostenpflichtig oder gar nicht mehr auszugeben. „Seitdem haben wir bundesweit eine Reduzierung der Plastiktüten um zwei Drittel erreicht. Damit hat der Einzelhandel die vereinbarten Ziele bei Weitem übertroffen“, sagt Böckenholt. Der Verbraucher leiste zudem seinen Beitrag und setze beispielsweise verstärkt auf Mehrwegbeutel. Der Hauptgeschäftsführer verstehe daher nicht, warum nun ein Verbot in einem Bereich erfolgen solle, der bereits abgearbeitet sei.

Handelsverband fragt, was die Alternative zur Plastiktüte sein soll

Die meisten Plastiktüten würden zudem recycelt und wiederverwertet, sagt Böckenholt und fragt sich daher, was die Alternative sein soll: „Papiertragetaschen haben in der Herstellung keine wesentlich bessere Ökobilanz als die Plastiktüte. Der Jutebeutel müsste 100 Mal gebraucht werden, um bei der Ökobilanz der Plastiktüte standzuhalten.“ Schulzes Vorstoß sei daher auch „umweltpolitisch nicht nachvollziehbar“ und ziele nur darauf ab, „Wählerstimmen einzusammeln“, kritisiert Böckenholt.

Der Verbraucherzentrale reicht der Vorstoß nicht aus

Auch bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein ist man skeptisch: „Der Vorstoß reicht nicht aus, wenn weiterhin in Plastik abgepackte Waren angeboten werden“, sagt die Referatsleiterin Lebensmittel und Ernährung, Selvihan Koç. Untersuchungen des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen haben ergeben, dass bei den großen Lebensmittelhändlern Obst und Gemüse zu fast zwei Dritteln in Plastik verpackt in den Regalen landen. „Es ist zudem der falsche Anreiz, wenn verpackte Waren billiger sind als unverpackte“, sagt Koç. Die Verbindlichkeit sei entscheidend: Es brauche konkrete Ziele, um den Verpackungsmüll zu reduzieren. „Die Verbraucherzentrale plädiert deshalb für Vermeidung“, betont Koç abschließend.

Was passiert mit den dünnen Obsttüten?

Der Kieler Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) steht einem Verbot durchaus positiv gegenüber, „da Freiwilligkeit und Selbstverpflichtungen immer an Grenzen stoßen.“ Während Einweg-Tragetaschen tatsächlich deutlich zurückgedrängt worden seien, gelte dies für die dünnwandigen „Hemdchenbeutel“, wie sie für Obst und Gemüse verwendet werden, noch nicht. „Ich bin gespannt, mit welchem gesetzlichen Vorschlag die Bundesministerin das Thema Plastiktüten umfassend angehen will.“ Aus Albrechts Sicht sollte das Ziel sein, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher auf die vorhandenen Mehrwegalternativen umsteigen.

Minister Jan Philipp Albrecht (Grüne) glaubt, dass Selbstverpflichtungen oft an Grenzen stoßen. Quelle: dpa

Mikroplastik gelangt in den Nahrungskreislauf

Beim schleswig-holsteinischen Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kommt Schulzes Idee hingegen gut an: „Wir finden den Vorstoß super. Es gibt so viele Alternativen zu Plastiktüten“, sagt die Referentin für Meeresschutz, Stefanie Sudhaus. Plastiktüten stellen eine große Belastung für die Umwelt dar, sie werden zudem meist nur ein- bis zweimal benutzt, fügt Sudhaus an und spricht dabei von „Rohstoffverschwendung“.

Problematisch sei, dass Plastiktüten im Meer und an Land in Mikroplastik zerfallen: Diese kleinen Teile gelangen in den Nahrungskreislauf. „In der Tierwelt führt das zu Magenverstopfungen und -verletzungen. Die Tiere gehen elendig zugrunde.“ Durch den Verzehr der betroffenen Tiere nehme der Mensch ebenfalls Mikroplastik auf, sagt Sudhaus. „In Plastiktüten sind viele Giftstoffe wie Weichmacher enthalten, die den menschlichen Organismus schädigen.“

Für den NABU spricht eine Menge gegen Plastiktüten

Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) ist für ein entsprechendes Verbot: „Anders geht es nicht. Die Erfahrung zeigt, dass die Verbraucher nach wie vor Plastiktüten nutzen. Ein Rückgang ist zwar zu spüren, dieser reicht aber nicht aus“, sagt der schleswig-holsteinische Landessprecher Ingo Ludwichowski. Auch er verweist auf die zahlreichen Probleme für die Umwelt durch Plastikmüll: „Es spricht eine Menge gegen Plastiktüten.“ Ludwichowski ist zuversichtlich, dass Schulzes Gesetzentwurf eine Mehrheit im Bundestag finden wird: „Das Thema ist sehr präsent. Es gibt einen öffentlichen Druck.“

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