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Norddeutschland Die „Beltretter“ kaufen sich Demonstranten
Nachrichten Norddeutschland Die „Beltretter“ kaufen sich Demonstranten
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12:56 27.07.2019
„Beltretter“-Demo in der Kieler Innenstadt: Der Verein will vor einer möglichen Verschlammung der Strände durch den Bau des Fehmarnbelttunnels warnen. Die meisten Teilnehmer aber waren gekauft – bezahlte Schauspieler. Quelle: 54° / Felix Koenig
Kiel/Fehmarn

39 junge Leute in Badesachen und über und über mit Schlamm beschmiert demonstrieren in der Kieler Innenstadt. Der Verein „Beltretter“ wollte damit am Freitag vor möglichen Folgen des Fehmarnbelttunnel-Baus warnen. Jetzt kommt heraus: Die meisten Demonstranten waren gekauft. Politiker sprechen von einem handfesten Skandal.

Der Asmus-Bremer-Platz in der Kieler City. Freitag Mittag, Punkt 11.30 Uhr. Die Inszenierung beginnt. Die jungen Leute stellen in ihrer Bademontur Strandszenen nach, spielen Beachball und Frisbee. Englische Sprachfetzen hallen über den Platz.

Die Bilder von der Protestaktion in der Innenstadt

Pressefragen waren nicht erwünscht

Al Mustafa spielt ganz außen. Er hat sichtlich Spaß dabei. Warum er hier mitmache? „Ich bin für Umweltschutz. Und für die Ostsee“, sagt er. Wo er herkomme? Aus Syrien. Er sei Flüchtling. Daneben haben es sich zwei Mädchen auf einem Badetuch bequem gemacht. Aus Hamburg würden sie kommen. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Dass Tiere ihren Lebensraum für einen milliarden-teuren Tunnel verlieren sollen, fänden sie aber blöd. Annemarie, ein paar Meter weiter, sagt, der Naturschutz sei ihr wichtig. Aber eigentlich sollten sie bei Presseanfragen an „die Leute mit den Westen“ verweisen.

Lesen Sie auch den Kommentar: Ein Eigentor der Beltretter

Wie gut, dass gerade eine davon angelaufen kommt. Sie stellt sich als Mitarbeiterin der Pressesprecherin vor und müsse hier mal einhaken: Es sei der Presse nicht erlaubt, die Demonstranten zu befragen. Ob sie jetzt hier auf dem Platz über die Pressefreiheit zu entscheiden habe? Sie wird unsicher. Nein, okay, aber „wir haben die Leute angewiesen, nichts zu sagen“, sagt sie. „Die Leute“ würden sie ja auch nur unterstützen. Sie, die eigentlichen „Beltretter“, könnten besser Auskunft geben. Ihren Namen will aber auch sie da nicht mehr nennen. Derweil wird ein paar Meter weiter von den „Beltrettern“ in den Westen auch ein Passant davon geschickt, der es gewagt hatte, die Demonstranten direkt anzusprechen.

Eine Agentur bot Teilnehmern 60 Euro plus Fahrtkosten

Kein Wunder. Den LN liegt eine Mail der Casting- und Model-Agentur „Starboxx“ von Mitte Juli vor. Die Agentur hat sie an ihr bekannte Hobby-Schauspieler verschickt, die sich mit kleinen Rollen gerne mal ein Zubrot verdienen. Dringend gesucht würden Darsteller für eine politische Kundgebung des „Beltretter e.V.“ zum Thema „Rettet die Ostsee“, heißt es darin. In Kiel solle sie stattfinden. 60 Euro plus Fahrtkosten gebe es dafür. Im Gegenzug müssten die Schauspieler für anderthalb bis zwei Stunden in Badekleidung und geschminkt die „Szenerie füllen“.

Okay, gesteht Beltretter-Pressesprecherin Karin Neumann schließlich ein, „ein Teil ist inszeniert“. Mit Komparsen. „Das sind Studenten, die wir angeworben haben.“ Woher und wie viele? 30, sagt sie. Aber, betont Karin Neumann: „Wir behaupten ja nicht, dass das die echten sind.“ Die echten Beltretter und vom Tunnelbau betroffenen Anwohner also. Die müssten nämlich alle arbeiten und hätten leider nicht immer Zeit für solche Aktionen.

Politiker halten das Vorgehen der „Beltretter“ für skandalös

„Dass die Beltretter so etwas nötig haben“ – FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz wirft dem Verein eine Täuschung der Öffentlichkeit vor. Quelle: Carsten Rehder/dpa

In der Politik sorgt der Verein mit der Aktion dennoch für Kopfschütteln. „Dass die ,Beltretter’ so etwas nötig haben, hätte ich nicht gedacht“, sagt FDP-Wirtschaftsminister Bernd Buchholz. Es handle sich klar um eine „Täuschung der Öffentlichkeit“ und eine „sehr zweifelhafte Art und Weise, vom Demonstrationsrecht Gebrauch zu machen“. Er glaube nicht, dass sich die Initiatoren damit in Sachen Glaubwürdigkeit einen Gefallen getan hätten.

„Skandalös, unseriös und undemokratisch“ sei das Vorgehen der „Beltretter“, urteilt der CDU-Politiker Hans-Jörn Arp. Quelle: imago

„Sich Demonstranten zu kaufen, ist skandalös, unseriös und undemokratisch“, sagt auch der CDU-Verkehrspolitiker Hans-Jörn Arp. Es zeige vor allem, dass die Beltretter solche Aktionen mit eigenen Leuten gar nicht mehr auf die Beine stellen könnten. Wenn herauskomme, „dass von einer angemeldeten Demo ein Großteil der Demonstranten ,eingekauft’ wurde, dann hinterlässt das einen faden Beigeschmack“, sagt auch der Vize-Fraktionschef der Landtags-SPD, Martin Habersaat. Hätte man es als erkennbares Kunstprojekt gekennzeichnet, wäre der Beigeschmack verflogen.

Der SPD-Fraktionsvizechef Martin Habersaat verspürt bei der „Beltretter“-Aktion einen „faden Beigeschmack“. Quelle: Markus Scholz/dpa

Nur die Grünen, die den Belttunnel ebenfalls ablehnen, finden nichts dabei. „Ich hab da kein Problem mit“, sagt deren Umweltpolitikerin Marlies Fritzen. Die „Beltretter“ müssten selber wissen, ob sie meinten, auf diese Weise wirkmächtige Bilder gegen den „Unsinn“ des Tunnelbaus erzeugen zu können.

Marlies Fritzen von den Grünen hat keine Bedenken gegen die „Beltretter“-Aktion. Der Tunelbau sei ohnehin „Unsinn“. Quelle: Thomas Biller

Die Beltretter lassen sich von der Politiker-Schelte aber ohnehin nicht vom Protestieren abhalten. „Und morgen fährt der Flixbus“, ruft eine Teilnehmerin, während die Truppe nach einer guten Stunde in Kiel abrückt. Er fährt nach Fehmarn, an den Südstrand. Dort soll am Sonnabend gleich weiter demonstriert werden.

Mehr zum Thema:

Alle Artikel über die Fehmarnbeltquerung finden Sie auf unserer Themenseite.

„Beltretter“ wollen den Tunnelbau noch verhindern

Der Verein „Beltretter e.V.“ ist ein Zusammenschluss unter anderem von Firmen, Privatleuten, Parteien, Kommunen und Bürgerinitiativen, insbesondere aus Ostholstein. Er hat sich zum Ziel gesetzt, den Bau des Fehmarnbelttunnels zu verhindern. Der Tunnel zerstöre die Natur und koste Milliarden, argumentieren die „Beltretter“. Der Tourismus werde leiden. Damit werde die Existenzgrundlage einer ganzen Region zerstört.

Wolfram Hammer

Die Aktion der Beltretter in Kiel war spektakulär. Sie hinterlässt aber einen ziemlich faden Beigeschmack. Ein Kommentar.

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