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Norddeutschland Forstexperten: Schleswig-Holstein braucht mehr Wald
Nachrichten Norddeutschland Forstexperten: Schleswig-Holstein braucht mehr Wald
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09:30 02.09.2019
Ein ausgewachsener Wald ist die beste Waffe gegen den Klimawandel. Quelle: Susanne Peyronnet
Weitewelt/Neumünster

Eckehard Heisinger ist nicht nur von Berufs wegen überzeugt: „Wir müssen um jeden Baum kämpfen.“ Der Diplom-Forstingenieur, ehemaliger Förster von Ahrensbök und ehemaliges Mitglied des Bundesvorstandes des Bundes Deutscher Forstleute, sieht im Wald eines der besten Mittel gegen die Erderwärmung. Dafür bedarf es seiner Meinung nach mehr Wertschätzung für den Wald.

Schleswig-Holstein ist das waldärmste aller Bundesländer. Gerade mal elf Prozent der Landesfläche bestehen aus Wald. Seit Jahren bemühen sich Forstfachleute darum, dass mehr Flächen aufgeforstet werden. Zwölf Prozent sind das Ziel, das seit Jahren angepeilt wird. Warum es damit nicht klappt, erläutert Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten mit Sitz in Neumünster.

Konkurrenz zum Ackerbau

„Es herrscht eine enorme Flächenknappheit“, sagt Scherer. „Es liegt nicht am fehlenden Geld, sondern an der fehlenden Fläche.“ Der Wald stehe in Schleswig-Holstein in Konkurrenz zur Landwirtschaft. Um das Zwölf-Prozent-Ziel zu erreichen, müssten pro Jahr 1500 Hektar Wald neu gepflanzt werden. Doch wo? „Seitdem öffentlich darüber diskutiert wird, haben wir verstärkt Flächenangebote und Sponsoren“, sagt Scherer.

Tim Scherer ist Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten. Er will den Waldumbau vorantreiben. Quelle: Ralf Seiler/HFR

Um die dringend benötigten Flächen für den Wald zu bekommen, fordert der ehemalige Förster Heisinger, das Land solle sich ein Vorkaufsrecht für alle landwirtschaftlichen Flächen im Land einräumen lassen. Im Falle eines Verkaufes könne entschieden werden, ob aus der Fläche Wald werden oder ob sie weiter landwirtschaftlich genutzt werden solle – so wie 70 Prozent der Landesfläche. „Das ist ein ganz einfacher Weg“, sagt Heisinger.

Aufforstung statt Artenschutz

Die Forderung nach mehr Wald wird angesichts des Klimawandels immer lauter. Heisinger wünscht sich ein Umsteuern der bisherigen Umweltpolitik: „Wir brauchen nicht noch mehr Artenschutz, wir brauchen mehr Wald.“ Der Weltklimarat sei der Meinung, die Erderwärmung sei nur in den Griff zu kriegen, wenn weltweit fast eine Milliarde Hektar Wald aufgeforstet würden.

Viel Wald gibt es den Kreisen Herzogtum Lauenburg, Segeberg und Rendsburg-Eckernförde, waldarm ist vor allem die Nordseeküste. Quelle: Jochen Wenzel

Damit rennt er bei Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) offene Türen ein. „Wir wollen den Waldanteil im Land spürbar erhöhen und Flächen stärker für Klimaschutzmaßnahmen wie nachhaltige Aufforstung und auch Moorschutz zur Verfügung stellen“, sagt der Minister. Er freue sich, dass er nun auch von der CDU-Fraktion im Landtag klare Signale in diese Richtung bekomme.

Dürrehilfen für neuen Wald

Er werde im Kabinett dafür werben, einen Teil der zu erwartenden Minderausgaben bei den Dürrehilfen dafür einzusetzen, teilte Albrecht mit: „Wir brauchen zudem einen offenen Findungsprozess, auf welchen Flächen Neuwald gebildet werden könne. Das knappe und klimafreundliche Dauergrünland komme dafür nicht infrage.

Auf eine Kleine Anfrage des SSW-Landtagsabgeordneten Flemming Meyer teilte das Kieler Umweltministerium kürzlich mit, dass die Waldfläche Schleswig-Holsteins von 2008 bis 2018 um insgesamt 1374 Hektar zugenommen habe. Weiter heißt es auf die Frage von Meyer, das Land habe im gleichen Zeitraum für den Ankauf von Waldflächen keine Finanzmittel bereitgestellt. Allerdings seien in diesen Jahren 3,28 Millionen Euro für Bildung neuen Waldes ausgegeben worden.

Äthiopien macht es vor

Andere Länder gehen die Herausforderung an, mehr Wald zu bilden, um das Klima zu retten. Äthiopien hat gerade 350 Millionen Bäume gepflanzt – in einer nationalen Anstrengung an nur einem Tag. Ganz anders in Schleswig-Holstein, sagt Heisinger, der darauf hinweist, dass während der Zeit der CDU-Regierungen bis zu 1500 Hektar pro Jahr neu aufgeforstet worden seien, seit dem Regierungsantritt von Heide Simonis im Jahr 1993 und während der folgenden roten und rot-grünen Regierungen und bis heute nur 150 Hektar pro Jahr. Und das, obwohl vor 30 oder 40 Jahren kein Mensch über CO2, das Klima und Flugscham geredet habe.

Waldgipfel und Einheitsbuddeln

Die CDU-Landtagsfraktion hat für den 11. September zum Waldgipfel nach Kiel eingeladen. Diskutieren sollen Vertreter vom Land und von Kommunen, aber auch Waldbesitzer, Verbände und Stiftungen. Die CDU will so dazu beitragen, Wege zu finden, um endlich die angestrebten zwölf Prozent Waldfläche in Schleswig-Holstein zu erreichen.

Die Flächen dafür sollen nach Vorstellungen aus der CDU-Fraktion von der Stiftung Naturschutz kommen. Auch auf streng geschütztem Grünland könnten Wälder angelegt werden. Ackerflächen sollen dazu nicht herangezogen werden.

Einheitsbuddeln heißt eine Aktion, die Schleswig-Holstein als Ausrichter des Tags der deutschen Einheit in diesem Jahr ins Leben gerufen hat. Am 3. Oktober soll jeder Deutsche einen Baum pflanzen, um dem Klimawandel und dem Waldsterben zu begegnen.

Was Heisinger besonders wurmt: Wenn irgendwo Bäume für Neubauten abgeholzt werden, müssen Ausgleichsflächen im Verhältnis 1:3, höchstens 1:5 geschaffen werden. Dabei müssten, um den Wert einer 100-jährigen Eiche auszugleichen, 5000 kleine Eichen gepflanzt werden. Denn für gefällten Altwald würden als Ersatz höchsten 80 Zentimeter bis einen Meter hohe neue Bäume gepflanzt, die noch lange nicht die Wirkung der alten entfalteten. „Der Ausgleich müsste also 1:50 sein“, sagt Heisinger und legt weiter nach: „Ein Hektar Maisacker trägt nicht so viel zum Klima bei wie ein Hektar Mischwald. Warum kriegen die Waldbesitzer nicht auch einen Betrag X für diese Leistung?“ Vergleichbar der Flächenprämie für die Landwirtschaft.

Das Geld aus dem Wald fließt in den Wald

Eine Idee, die Scherer richtig findet. Zumal vom Wirtschaftsfaktor Wald kaum noch die Rede sein könne. „Wir reden hier von Ökosystemerhaltung, nicht von Wirtschaft. Von Gewinnerzielung spricht hier kein Mensch mehr.“ Alles, was die Landesforsten vor allem durch Holzverkauf erwirtschafteten, investierten sie wieder in den Wald. Nicht nur in die Neuanpflanzungen, sondern auch in den Waldumbau.

Es gilt, den Wald klimafest zu machen. Die Buche ist anfällig für die Veränderungen, leidet unter Wärme und Trockenheit. Bei neuen Waldpflanzungen setzen die Landesforsten deshalb auf die Eiche, aber auch die Kiefer und die Douglasie. Auch deshalb, weil die Eiche hierzulande seltener ist und sich gegen die Buche nur schwer durchsetzen kann. Weitere Baumarten sind Linde, Ulme, dabei vor allem die resistente Flatterulme, sowie als Begleitbaumarten die Elsbeere und die Kirsche. Auf die Flatterulme setzt auch Heisinger. Ein Baum, der so groß wird wie eine Buche und seiner Meinung nach resistenter gegen die Klimaveränderungen ist.

Eckehard Heisinger spricht sich für deutlich mehr Wald aus, um dem Klimawandel zu begegnen. Quelle: Susanne Peyronnet

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern hat Schleswig-Holstein noch ein paar gute Nachrichten zu vermelden. Es gibt keine größeren Probleme mit dem Borkenkäfer, vielleicht noch nicht. Ist der Wald nun Klimaretter oder Klimaopfer? Beides, sagt Scherer. Es gibt Krankheiten wie das Eschensterben, die Rußrindenkrankheit am Ahorn, Buchenschleimfluss und Borkenkäfer, alles Phänomene, die auch in Schleswig-Holstein auftreten, wenn auch längst nicht so schlimm wie anderswo.

Klimaanlage Wald

Gleichzeitig kann der Wald als Klimanlage dienen. „Im Allgemeinen kann man sagen, dass gesunde, zusammenhängende Wälder wie eine gigantische Klimaanlage funktionieren, weil sie im Durchschnitt je Kubikmeter Holz bis zu einer Tonne Kohlenstoff speichern“, führt Heisinger an. Zudem könnten Wälder die Verdunstung und Wasserkreisläufe in der Luft und im Boden steuern, bis zu einer Tonne Staub je Hektar mit den Blättern aus der Luft filtern und zur Windberuhigung beitragen.

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