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Norddeutschland Der Weiße Ring zieht Konsequenzen
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23:10 22.03.2018
Der Skandal beim Weißen Ring Lübeck ist heute auch Thema im Kieler Landtag. Auf Antrag der SPD-Fraktion tritt der Innen- und Rechtsausschuss zusammen. Quelle: dpa
Lübeck/Mainz

In Lübeck soll der Ex-Außenstellenleiter des Weißen Rings, Detlef H. (73), hilfesuchende Frauen bedrängt haben, und das womöglich seit Jahren schon. Zwei Frauen hatten ihn Anfang vergangener Woche wegen sexueller Belästigung und Nötigung angezeigt. H. bestreitet alle Vorwürfe. Mittlerweile liegen noch weitere Strafanzeigen von Frauen gegen ihn vor.

„Weibliche Opfer von Sexualdelikten werden beim Weißen Ring im Erstgespräch nun standardisiert von einer Opferhelferin betreut“, kündigte die Bundesvorsitzende des Opferhilfevereins, Roswitha Müller-Piepenkötter, nach einer Krisensitzung des Vorstands in Mainz an. Sei dies in Ausnahmefällen nicht möglich, greife „automatisch ein Sechs-Augen-Prinzip, sodass dann mindestens zwei Opferhelfer beim Erstgespräch mit der Betroffenen zugegen sind“. Man wolle die Abläufe in der praktischen Opferhilfe vor Ort damit verschärfen, ziehe schnell Konsequenzen „aus dem Fall Lübeck“.

Außerdem soll die Satzung des Weißen Rings geändert werden. Künftig soll dann auch der Geschäftsführende Bundesvorstand Mitarbeiter vor Ort suspendieren und von ihren Aufgaben entbinden können. Im „Fall Lübeck“ hatte Roswitha Müller-Piepenkötter dem Landesvorsitzenden Uwe Döring vorgeworfen, zu „zögerlich und völlig unangemessen“ reagiert zu haben. Döring will Ende 2016 von Vorwürfen sexueller Belästigung gegen H. erfahren haben. Konsequenz: H. sollte keine Frauen mehr allein beraten. Kontrolliert wurde das nicht, gab Döring später zu. Erst nachdem auch eine Polizeimitarbeiterin Mitte 2017 Vorwürfe gegen H. erhob, wurde der Außenstellenleiter zum Rückzug gedrängt – was allerdings noch mal fast ein halbes Jahr in Anspruch nahm. Erst Ende 2017 legte H. sein Amt nieder.

Der Krisenberater Kilian Kleinschmidt empfiehlt dem Weißen Ring derweil, eine klare Handreichung für Beratungen zu verfassen. „Dort sollte stehen: Was darf die Person, die mir gegenübersitzt, und was darf sie nicht?“, sagt Kleinschmidt, der unter anderem für die Vereinten Nationen in Krisenregionen arbeitete. Viele Opfer von extremer Gewalt hätten gar keine Maßstäbe mehr. Wer sein Leben lang brutalisiert worden sei, wisse nicht mehr, ob es normal sei, wenn sich jemand vor ihm entblöße. In den Handreichungen sollte etwa stehen, ob ein Berater das Opfer in die Arme nehmen darf, wenn es weint. Klar sei: „Wo es Abhängigkeiten und Autoritäten gibt, kann es immer zu sexueller Gewalt kommen. Man muss sogar davon ausgehen, dass es dazu kommen wird.“

Der Weiße Ring will jetzt auch sein Beschwerdemanagement neu aufstellen, wie Roswitha Müller- Piepenkötter ankündigte. Es soll künftig einen unabhängigen Ansprechpartner geben. „Schreckliche Ereignisse wie die in Lübeck, bei denen Hilfesuchende erneut zu Opfern geworden sind, dürfen sich nicht wiederholen“, sagt die Bundeschefin.

Den Opfern der Lübecker Vorfälle bot sie „weiterhin schnelle und direkte Unterstützung“ an. Als erste Ansprechpartnerin wurde die Leiterin der Weißer-Ring-Außenstelle Oldenburg in Niedersachsen, Petra Klein, benannt. Telefon: 0151/55164597.

Heute berät der Landtag über die Vorgänge in Lübeck

Der Skandal beim Weißen Ring Lübeck ist heute auch Thema im Kieler Landtag. Auf Antrag der SPD-Fraktion tritt der Innen- und Rechtsausschuss zusammen. Die Abgeordneten wollen sich von CDU-Innenminister Hans-Joachim Grote über die Vorgänge beim Opferhilfeverein in der Hansestadt informieren lassen.

Der Weiße Ring unterstützt Kriminalitätsopfer und ihre Familien und engagiert sich für die Verhütung von Straftaten. Der Verein wurde 1976 unter anderem vom Fernsehjournalisten Eduard Zimmermann gegründet. Er hat rund 3000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer und rund 50000 Mitglieder.

 Wolfram Hammer