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12:28 30.03.2014
Dankbar und mit Blick in die Zukunft: Sigrid Falbe wurde eine Lunge transplantiert. Alles ging gut. Quelle: Lutz Roeßler
Lübeck

Ein Mensch erkrankt. Er hat keine Hoffnung mehr. Er fügt sich ins Schicksal. Er wartet das Leben ab. Was, wenn es dann unerwartet eine zweite Chance gibt? Zurück auf Los. Als beinahe gesunder Mensch. Man sollte nie aufgeben.

Halt geben, zueinander stehen – eine Krankheit erprobt die Ehejahre.

Erst dachte Sigrid Falbe, es wäre Asthma oder eine chronische Bronchitis. Sie bekam keine Luft mehr, es war, als müsse sie ersticken. Jeder Schritt Beschwerde. Jeder Atemzug Kampf. Es wurde schwieriger mit der Zeit. Mit jedem Tag, mit jedem Jahr. Inzwischen trug sie ein Sauerstoffgerät, sie wurde für berufsunfähig erklärt, sie dachte, „das wird nichts mehr“. Vor 18 Jahren war das. Sie war 50 Jahre alt.

Sigrid Falbe ist nervös. Die Hände zittern leicht, aber sichtbar, sie ist es nicht gewohnt, mit einem Fremden über ihre Krankheit zu reden. Ihr Mann Karl-Erich sitzt ihr am Küchentisch im Reihenhaus in Lübeck St. Jürgen gegenüber, einem Schutzschild gleich. Seit 1971 sind die beiden verheiratet. In guten wie in schlechten Zeiten hatten sie sich bei ihrer Hochzeit versprochen. „Wir hatten schlechte, jetzt haben wir gute“, sagt er. Manchmal sind Dinge einfach.

Sie wartete und wartete

Irgendwann diagnostizierten die Ärzte bei Sigrid Falbe Lymphangioleiomyomatose (LAM). Das ist eine Krankheit, die zu Sauerstoffmangel führt. Die Chance, daran zu erkranken, ist verschwindend gering; ebenso könnte man einen Sechser im Lotto haben. Das große Los. Geschenkt. Von weltweit 1500 Betroffenen spricht man; vor allem Frauen im Alter von 30 bis 45 Jahren trifft es. Warum ausgerechnet dann? Man weiß es nicht. Warum Frauen? Man weiß es nicht. Was ist der Auslöser? Man weiß es nicht. Wie behandeln? Man weiß es nicht. Viele Fragen, wenige Antworten. Eine Ahnung, vielleicht, Therapie – unmöglich.

Man resigniert. Man fühlt sich missverstanden. Man akzeptiert. Kauft einen Rollstuhl. Nimmt jede Treppe, als wäre sie der Mount Everest. Trägt die Sauerstoffflasche mit sich, als wäre es vom Leben so vorgegeben. Kann nicht mehr liegen. Kann nicht mehr essen. Ist ein Wrack. Die Kraft verfliegt, an ihrer Stelle nistet sich die Krankheit ein; sie wächst und gedeiht. Wird zur Gewohnheit. Man wird eins.

Sigrid Falbe sagt: „Meine Schwester hat mich gefragt: Warum versucht du es nicht mit einer Lungentransplantation?“ Zunächst zögert sie, dann spricht sie mit ihrem Arzt, der unterstützt sie in ihrem Vorhaben, und zusammen mit ihrem Mann fährt sie zum ersten Mal zur Medizinischen Hochschule nach Hannover. Man setzt sie auf die Spender-Warte-Liste. Anderthalb bis zwei Jahre, so sagt man ihr, dauert es, eine neue Lunge zu bekommen. Sie wartet. Wartet. WARTET. 1999. 2000. 2001. 2002. 2003. 2004. 2005. Fünfeinhalb Jahre.

Andere wären wohl zerbrochen

In guten wie in schlechten Zeiten: Sigrid und Karl-Erich Falbe.

Innehalten. Einen Schluck Kaffee. 18 Jahre LAM. Fünfeinhalb Jahre Ungewissheit. Das sagt sich leicht. Aber kann man es ermessen? Sigrid Falbe war kurz davor, sich von der Spenderliste nehmen zu lassen. Sie sagte sich: „Es ist, wie es ist.“ Andere mit einer weniger starken Persönlichkeit wären wohl zerbrochen.

In der Nacht vom 29. auf den 30. März 2005 erhält sie eine neue Lunge. Als sie nach der sechsstündigen Operation erwacht, dankt sie zunächst Gott, dann den Ärzten. Von ihrer eigenen Lunge war praktisch nichts mehr übrig.

Wo endet die Geschichte? Mit dem Tag der Operation? Als feststand, dass ihr Körper das neue Organ akzeptiert?

Es gibt ein Davor – und ein Danach. Sigrid Falbe hat vieles überstanden, und sie übersteht weiter. Sie lernt atmen. Sie geht ins Fitnessstudio. Sie lernt Gitarrespielen. Sie fliegt nach New York. Sie lebt. Um überleben zu können, nimmt sie Tabletten. 23 Stück, jeden Tag. Die Tabletten haben Nebenwirkungen. Gegen die Nebenwirkungen nimmt sie Tabletten. Vom Cortison hat sie Osteoporose bekommen. Sie sagt: „Ich bin dankbar.“

„Ich habe das größte Geschenk bekommen“

In seinem preisgekröntem Buch „Leben“ erzählt der Schriftsteller David Wagner von seiner Lebertransplantation. Er schreibt von imaginären Begegnungen mit der Spenderin, er träumt von ihr; er glaubt, sie stamme aus Finnland oder Österreich, obwohl er es nicht wissen kann. Die Daten der Spender werden an die Empfänger nicht weitergegeben Das einzige, was Sigrid Falbe von ihrem Spender weiß, ist der Tag seines Todes – ihr Operationstag. Mehr muss sie nicht wissen. Sie macht sich keine Vorwürfe. Sie sagt: „Er ist nicht meinetwegen gestorben.“ Sie sagt auch: „Ich habe das größte Geschenk bekommen, was man bekommen kann.“ Sie trägt einen fliederfarbenen Pullover und eine fliederfarbene Jacke. Ihre Lieblingsfarbe. Sie lächelt.

Als im Jahr 2012 bekannt wurde, dass man unter anderem im Göttinger Universitätsklinikum Krankenunterlagen fälschte, um ausgewählte Patienten bei der Spenderorganvergabe zu bevorteilen, ging 2013 die Zahl der Organspenden in Deutschland um 16 Prozent zurück. Und es gibt ganz einfach Menschen, die sagen, ich möchte unversehrt bleiben.

Zehn Stufen sind es vom Wohnzimmer in den ersten Stock. Zehn Stufen, für die Sigrid Falbe vor der Operation eine kleine Ewigkeit brauchte. Schritt. Durchatmen. Pause. Schritt. Durchatmen. Pause.

So war das.

Neun Jahre ist das jetzt her; und noch immer erinnert sie sich an die Mühsal. An das Summen des Sauerstoffkompressors. Es begleitet sie wie ein treuer Freund. An den Tagen nach dem Eingriff saß sie im Krankenhaus in Hannover in ihrem Bett und sang. Kinderlieder. Weihnachtslieder. Kirchenlieder. Alles, was ihr in den Sinn kam. Sie konnte wieder singen; die Luft reichte.

Sigrid Falbe nimmt die Treppe. Der Fotograf möchte ein Foto von ihr in ihrem Zimmer machen. Sie geht. Es ist ein leichter Gang.

Marion Hahnfeldt

„Mir geht es unverschämt gut“

Frauke Rahn (70) lebt mit einer neuen Leber.

Am Ende ging es ganz schnell. Ihre Ärztin untersuchte ihr Blut, sie sagte: „Sie müssen ins Krankenhaus. Dringend.“ Frauke Rahn aus Lübeck ist das passiert, was eigentlich nicht passieren darf. Ihr Körper hatte ein Medikament nicht vertragen, ein gängiges blutgerinnungshemmendes Mittel; sie hatte es wegen einer Thrombose genommen, doch ihre Leber versagte – um überleben zu können, benötigte sie eine neue. Sie bekam sie. Am 22. Juli 2008 war das – wenige Wochen nach dem Besuch bei der Ärztin. Frauke Rahn hätte nicht länger warten können.

Sie hatte Glück. Denn in Deutschland sinkt die Zahl der Spender immer weiter – im Jahr 2013 auf 876 (Vorjahr: 1046) – dem niedrigsten Wert seit Verabschiedung des Transplantationsgesetzes 1997. Demgegenüber stehen 11 000 Patienten, die dringend auf ein Spenderorgan warten, sei es Niere, Leber, Lunge oder Herz.

Als Gründe für den zuletzt dramatischen Rückgang gelten die aufgedeckten Manipulationen bei der Organspende – aber auch persönliche. So sorgte etwa der Publizist Richard Herzinger für große Diskussionen, als er öffentlich das Recht einforderte, „unversehrt zu bleiben“. Er schrieb: „Ich würde meine Organe auch dann nicht ausweiden lassen, wenn ich sicher sein könnte, dass es bei ihrer Zulassung an bedürftige Personen stets mit rechten Dingen zugeht. Meine Innereien gehören mir.“

Bevor Frauke Rahn das verschriebene Medikament nahm, war sie eine gesunde Frau mit einer gesunden Leber. Sie hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen. Sie wäre beinahe gestorben. Heute sagt sie: „Mir geht es unverschämt gut.“