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20:10 04.08.2015
Heinz Reinefarth, der „Henker von Warschau“, 1945 als Kommandant der Festung Küstrin. Quelle: Ullstein Bild
Kiel

Mit Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen wurde in Polen jetzt an den Beginn des Warschauer Aufstands gegen die deutsche Besatzung vor 71 Jahren erinnert. Am vergangenen Sonnabend um 17 Uhr — der Stunde der ersten Kämpfe des Aufstands — schrillten in ganz Warschau die Sirenen.

Für dessen Niederschlagung hatte Heinrich Himmler am 3. August 1944 Heinz Reinefarth, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, die Verantwortung übertragen. Sieben Jahre später wird er Bürgermeister von Westerland (Sylt), 1958 für den Gesamtdeutschen Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten Abgeordneter des schleswig-holsteinischen Landtages. Dort sitzt auch Parteikollege Hans-Adolf Asbach, als Kreishauptmann in Polen verantwortlich für die Erschießung von Juden und zuständig dafür, die „Endlösung der Judenfrage“ vorzubereiten. Von 1950 bis 1957 ist er Sozialminister des Landes. Und er ist nicht allein. „Man kann mit Recht allmählich von einer Renazifizierung sprechen. Merkwürdig, wie selbstverständlich die alten Nazis auftreten“, schreibt Innenminister Paul Pagel (CDU) 1951 in sein Tagebuch — im Kabinett Bartram (1950/51) ist er der einzige Minister ohne NS-Vergangenheit.

Recherche von 400 Biografien Ob Pagel mit seiner Äußerung Recht hat, erforschen derzeit Mitarbeiter des Instituts für schleswig- holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte. Sie untersuchen die „personelle und strukturelle Kontinuität nach 1945 in der schleswig-holsteinischen Legislative und Exekutive“. Recherchiert werden rund 400 Biografien von Mitgliedern des Landtages, Ministern und Staatssekretären, die von 1946 bis Mitte der 80er Jahre aktiv waren. Neben formalen Kriterien wie Mitgliedschaften in NS-Organisationen sollen auch die realen Rollen im NS-Staat ermittelt werden. „Unsere Ergebnisse werden spannend sein“, sagt Dr. Uwe Danker, Leiter des Instituts. Vorliegen sollen sie Anfang nächsten Jahres. Dann könne auch beantwortet werden, ob Schleswig-Holstein tatsächlich ein Sonderfall war, also etwa mehr NS-Täter beherbergte als andere Länder, so Danker. Angesichts der Zahl an Skandalen, des zeitgenössischen Presseechos und politischen Umgangs spreche vieles für die These.

Zurück geht das Forschungsprojekt auf einen Beschluss des Landtages. Einstimmig hatten CDU, SPD, Grüne, FDP, Piraten und SSW 2013 dafür gestimmt, die Vergangenheit aufzuarbeiten — und wurden in der Debatte deutlich: In Schleswig-Holstein habe sich offenbar „eine politische Katastrophe“ abgespielt, „die bis heute nicht aufgearbeitet worden ist und die uns wie ein Splitter in der Haut steckt“, sagte Burkhard Peters (Grüne). „Das war wie ein brauner Schatten, der sich über das Land legte. Schleswig-Holstein spielte eine unrühmliche Rolle als Schlupfwinkel für Nazis und für deren Rehabilitierung“, sagte Lars Harms (SSW). Und Jürgen Weber (SPD) meinte: „An Beispielen für Vergessen, Verdrängen, Verharmlosen gibt es in den Jahren von 1945 bis zumindest in die 70er Jahre keinen Mangel.“

Verfahren blieben erfolglos

Tatsächlich beschloss die schleswig-holsteinische Regierungskoalition im März 1951 ein in der Bundesrepublik einmaliges „Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung“. Wer bislang als minderbelastet oder Mitläufer galt, wurde pauschal entlastet. Viele erhielten so das Recht auf Wiedereinstellung, Gehalts- und Pensionskürzungen wurden zurückgenommen — und Schleswig-Holstein de jure entnazifiziert. Denn von den rund 400000 überprüften Personen war keine als hauptschuldig oder belastet eingestuft worden. „Schleswig- Holstein stellt fest, dass es in Deutschland nie einen Nationalsozialismus gegeben hat“, bemerkte Wilhelm Käber (SPD) von der Opposition. Oskar-Hubert Dennhardt (CDU), Sonderbeauftragter für die Entnazifizierung, befand hingegen „das traurigste Kapitel der Nachkriegsgeschichte endgültig beendet“. Wenige Jahre später zeigte sich Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (CDU) zufrieden, dass im Land weit mehr Beamte aus der NS-Zeit wieder beschäftigt wurden als die per Bundesgesetz vorgeschriebenen 20 Prozent: „Wir haben 50 Prozent hereingenommen, also weit mehr als unser Soll.“

Heinz Reinefarth tritt 1963 als Bürgermeister zurück. Nach Recherchen eines Historikers ermittelt die Staatsanwaltschaft, zur Anklage kommt es aber nicht — auch wenn die Einheiten des „Henkers von Warschau“ beim Aufstand für zahlreiche Verbrechen gegen Zivilisten verantwortlich gemacht werden: Als menschliche Schutzschilde müssen sie vor deutschen Kampffahrzeugen gehen, Überlebende berichten, dass Schulkinder mit Gewehrkolben erschlagen wurden, um Munition zu sparen. Allein im Stadtteil Wola werden binnen Tagen 50000 Menschen getötet, bis Oktober kommen mindestens 150

000 Warschauer ums Leben. Als Reinefarth 1979 stirbt, würdigt ihn die Stadt in einem Nachruf: „Sein erfolgreiches Wirken für die Stadt Westerland wird unvergessen bleiben.“ Ein Verfahren gegen Hans-Adolf Asbach wird kurz vor dessen Tod — er stirbt am 31. März 1976 in Eutin — eingestellt.

Forschung zur NS-Zeit
1992 wurde das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte gegründet. Vorausgegangen waren Debatten über die Aufarbeitung des Nationalsozialismus‘ in Schleswig-Holstein. Im Vergleich zur sonstigen Landesgeschichte und mit Nachbarländern war der Forschungsstand extrem schlecht. Grundsätzlich erforscht das IZRG (www.izrg.de) als wissenschaftliche Einrichtung der Universität Flensburg mit Sitz in Schleswig die regionale Geschichte seit der Industrialisierung.

Britta Kessing

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