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Norddeutschland Drägers „Feuerwehrmann“ in aller Welt
Nachrichten Norddeutschland Drägers „Feuerwehrmann“ in aller Welt
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06:00 30.12.2018
Roland Wulf (66) geht nach 50 Jahren bei der Firma Dräger in Ruhestand. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Für Roland Wulf schließt sich in diesen Tagen ein Kreis. An den kleinen Birnbaum auf dem Dräger-Gelände kann er sich noch genau erinnern. Vor 50 Jahren, als er seine Lehre als Feinmechaniker antrat, stand dort schon ein Baum, die Gebäude wurden drumherum gebaut. Jetzt wächst an der gleichen Stelle ein neuer. Am Jahresende ist für Roland Wulf Schluss – nach einem aufregenden Berufsleben, das ihn in alle Teile der Welt führte. Er war Drägers „Feuerwehrmann“, wenn es irgendwo ein Problem gab. Nun kehrt er nach Lübeck zurück.

Wulfs Lehrwerkstatt befand sich 1968 gleich neben der „Villa Elfriede“, dort, wo heute der moderne Empfangsbereich von Dräger ist. Der Anfang sei nicht einfach gewesen. „Wir mussten damals Hammer feilen, das war die schlimmste Zeit“, sagt Wulf rückblickend. Der Ausbilder habe ihn und seine Kollegen öfter ziemlich runtergeputzt, zugleich aber auch viel Geduld gehabt und ihnen viel beigebracht.

Nach der Lehre arbeitete Roland Wulf als Feinmechaniker in der „Sonderwerkstatt“ – dort wurden Medizintechnik-Geräte gebaut, bevor sie in Serie gingen. „Vor kurzem erst habe ich in Istanbul ein Gerät gesehen, das ich damals gebaut habe“, sagt der 66-Jährige. Die vergangenen vier Jahre hat der gebürtige Lübecker sein Büro in der Metropole am Bosporus gehabt, als Geschäftsführer von Dräger Medical in der Türkei.

Dass es für ihn rund um die Welt gehen würde, war nicht von Anfang an klar. Es hatte so harmlos geklungen. Er solle in den Außendienst, „für Schleswig-Holstein und ein bisschen Osteuropa“, hieß es damals. „Ich habe damit versucht, meine Familie zu beruhigen“, sagt er. Er und seine Frau hatten einen jungen Sohn. Doch es kam anders, manchmal war er in drei Monaten gerade einmal zwei Tage zuhause in Lübeck. Seine aufregendste Reise führte in damals Ende der 70er Jahre nach Jugoslawien. Staatschef Tito lag im Krankenhaus in Belgrad, und Wulf wurde gerufen, weil das Beatmungsgerät, unter dem der Staatschef lag, einen Defekt hatte. „Ich hatte Kontakt mit Titos Leibarzt und konnte das Gerät dann in zehn Minuten reparieren. Aber der Druck war schon groß“, erinnert er sich. Kurz vor der Wende war er auch viel in der DDR, in Polen, Rumänien und Bulgarien, wo er viel Armut sah.

Ein traumatisches Erlebnis hatte Wulf in Kolumbiens Hauptstadt Bogota. Eine der berüchtigten Kinderbanden überfiel ihn, eines der Kinder hielt ihm ein Messer an die Kehle, sie raubten ihn aus, ließen ihm nur seinen Reisepass und etwas Kleingeld für den Bus. Die Polizei sagte nur, er könne froh sein, den Überfall überlebt zu haben. Danach plagten Wulf Ängste und ein ungutes Gefühl, allein unterwegs zu sein. Er brauchte viele Jahre, um über das Geschehen sprechen zu können. Bis heute meidet er Südamerika.

Er war daher froh, erst einmal wieder in Lübeck zu sein, um technisches Training zu machen. Kunden und Partner aus vielen Ländern schulte er an den Dräger-Maschinen. Doch es dauerte nicht lange, und Wulf saß wieder im Flugzeug. „Wir sind mit 100 Kilo Unterlagen im Gepäck zu den Vertriebspartnern gefahren und haben sie vor Ort geschult“, erzählt er. Schon früh baute er ein Büro in Hongkong auf, auch in Shanghai und in Bangkok war er. Wulf war auf Anästhesie-Geräte spezialisiert. Das habe ihm geholfen, vom Außendienst in die Produktentwicklung zu kommen. Mit den Kunden habe man „maßgeschneiderte Wunschlösungen“ entwickelt.„Mit einem Holzmodell sind wir um die Welt gereist.“

Er habe alle sieben Jahre gewechselt, sagt er rückblickend. 1998 ging es für ihn in den Vertrieb der Medizintechnik, und dort in den Export. Sein damaliger Chef habe ihm Skandinavien oder den Mittleren Osten angeboten – er habe sich für letzteres entschieden. Zuerst bereiste er die Länder von Lübeck aus – den Libanon, Jordanien, Syrien, Ägypten, Libyen, Äthiopien, Eritrea, Sudan. 2010 zog er nach Kairo, das zu seiner zweiten Heimat wurde. „Ich habe mich sofort mit der Stadt angefreundet.“ Wichtig sei für ihn immer, mit Menschen zu tun zu haben. „In Richtung Osten“ kam er immer besser zurecht als im Westen. In Kairo habe er auch die Revolutionszeit miterlebt. „Man musste etwas vorsichtiger sein, unsicher habe ich mich dort aber nie gefühlt.“

Die Reisen in den Irak zu Saddams Zeiten seien aufregend gewesen. „Wenn wir von Jordanien in den Irak fuhren, mussten wir immer unsere Handys an der Grenze abgeben und wurden dann mit einem umgebauten SUV nach Bagdad gebracht.“ Dort waren sie dann für die zeit ihres Aufenthaltes abgeschnitten vom Rest der Welt.

Ein halbes Jahrhundert einem Unternehmen treu zu bleiben, das können nur die wenigsten von sich behaupten. Wie hat er das geschafft? Vielleicht habe ich die richtige Flexibilität gezeigt, wo es gefragt war“, sagt Wulf rückblickend. „Diese Firma ist so groß, hier kann man alles machen.“ Das Unternehmen habe sich sehr positiv entwickelt, von einer kleinen Firma zum weltweit agierenden Konzern.„Sie waren immer da, wo es geknallt hat“, habe ein Vorgesetzter einmal zu ihm gesagt – ein dickes Lob.

Jetzt hat er sein Büro in Istanbul geräumt, die Wohnung gekündigt. „Es fällt mir schwer, in den Ruhestand zu gehen“, sagt der Dräger-Mitarbeiter, der fast immer unterwegs war. Jetzt gibt es eine kleine Reisepause. Er freut sich auf Zeit mit seiner zweiten Frau, mit seinen drei Kindern. Er möchte etwas für seinen Rücken tun – und seine über 50 000 Fotos aus aller Welt sortieren. Und später? Da könnte er sich ein Engagement für Entwicklungsprojekte vorstellen, um vor Ort sicherzustellen, dass auch alle Spenden ankommen und richtig eingesetzt werden. Ganz ohne Reisen wird es im Leben von Roland Wulf auch künftig nicht gehen.

Christian Risch

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