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Norddeutschland E-Highway: Die Zweifel am Nutzen wachsen
Nachrichten Norddeutschland E-Highway: Die Zweifel am Nutzen wachsen
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07:53 19.04.2019
Seit Oktober 2018 wird an dem E-Highway an der A 1 gearbeitet, Mitte des Jahres sollen die ersten Strom-Laster ihn nutzen können. Quelle: dpa
Lübeck

Das Oberleitungssystem zwischen dem Autobahnkreuz Lübeck und der Anschlussstelle Reinfeld soll eigentlich Mitte des Jahres in Betrieb genommen werden. Die Reinfelder Spedition Bode, die hier mit fünf Lastern drei Jahre lang unter realen Bedingungen die Technik testen soll, kann aber erst im Herbst starten – weil der schwedische Hersteller Scania das erste Fahrzeuge erst dann ausliefern kann.

Bund investiert 19 Millionen Euro

Dass die Strecke nicht nur die ersten drei Monate, sondern auch nach Abschluss der Testphase komplett stillliegt, befürchtet nun der Bund der Steuerzahler Schleswig-Holstein. Geschäftsführer Rainer Kersten sieht die Investition des Bundes von rund 19 Millionen Euro an der A 1 daher „äußerst kritisch“. „Hier werden immense Steuermittel in ein Projekt gesteckt, von dem wir uns nicht vorstellen können, dass das der Mobilitätsweg der Zukunft ist“, so Kersten.

Hier geht’s zum Kommentar: Der E-Highway ist hässlich – und erstmal nutzlos

Hintergrund

In Deutschland wird der Verkehrssektor mit etwa 160 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß für rund 18 Prozent aller Treibhausgasemissionen verantwortlich gemacht. Um den Klimawandel aufzuhalten, ist eine Idee der Bundesregierung, Lastwagen möglichst emissionsfrei über die Autobahnen fahren zu lassen, indem Lkw durch Oberleitungen mit Strom versorgt werden. „Das Ziel des Feldversuches ist, dieses System technisch, ökologisch, ökonomisch und unter Verkehrsgesichtspunkten zu bewerten, um der Politik Entscheidungsgrundlagen für einen möglichen Ausbau zu liefern“, heißt es in der Projektbeschreibung des E-Highways.

Steuerzahlerbund für mehr Schienenverkehr

„Mir fehlt es an der nötigen Fantasie, wie der Bund es hinbekommen möchte, dass jemals ein Großteil der Autobahnen in Deutschland mit Oberleitungen ausgerüstet werden sollen“, so Kersten weiter. Vor allem wie auch die ausländischen Speditionen dazu gebracht werden sollen, ihre Lasterflotte um- oder aufzurüsten, sei für ihn noch unerklärbar. Der Steuerzahlerbund plädiert dafür, lieber ins Bahnnetz zu investieren und Strecken zu elektrifizieren, um den Güterverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

Daimler setzt auf Elektro-Lkw

Daimler, nach eigenen Angaben weltweit größter Hersteller von Lkw über sechs Tonnen, sieht das ähnlich. „Wir sind nicht gegen den Oberleitung-Lkw, sondern für realistische und zeitnahe Lösungen“, sagt ein Konzernsprecher.

„Wir sind davon überzeugt, dass wir mit unserem Elektro-Lkw ein flexibles und jetzt schon verfügbares Konzept haben – ohne teure, aufwendige und langwierige Planungsmaßnahmen. Der elektrische Actros fährt jetzt schon als Prototyp und ab 2021 in Serie“, so der Sprecher weiter. Die Daimler-Trucks benötigen allerdings größere Akkus – während die Oberleitung-Lkw kleiner sein können, weil diese sich bei der Fahrt unter der Oberleitung wieder aufladen.

Kommentar zum Thema:
Der E-Highway ist hässlich – und erstmal nutzlos

Logistik-Verband blickt kritisch auf E-Highway

Der Unternehmenverband Logistik Schleswig-Holstein kritisiert die unklare Lage. „Wir haben inzwischen Probleme, mit unseren Fahrzeugen in städtische Bereiche zu kommen. Zwar gibt es mehrere verschiedene alternative Antriebssysteme zum Diesel – aber noch keine klaren Rahmenbedingungen, was zum Beispiel wie lange gefördert wird“, sagt Geschäftsführer Thomas Rackow. Für die Spediteure, die zwischen 120 000 und 150 000 Euro pro neues Fahrzeug investieren müssen, sei das vor einer Anschaffung aber elementar wichtig. Deswegen findet der Verband es auch gut, dass Forschung und Entwicklung vorangetrieben werden. Daran, dass die Oberleitungen sich am Ende durchsetzten werde, glaubt Rackow aber nicht. „Die vielen Anlagen müssen erst genehmigt und dann gebaut werden. Später kommt die Wartung dazu. Das sind alles entscheidende Nachteile“, meint Rackow.

Politik unterstützt E-Highway

Landesregierung und auch die Opposition stehen hinter dem Projekt. „Klimawandel heißt auch, mutig in innovative Technologien zu investieren“, sagt der verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag Kai Vogel. Die E-Autobahn sei ein mutiges Projekt. Ob es jemals zu einem deutschlandweiten Projekt wird, könne heute noch niemand einschätzen, räumt Vogel ein. „Sich aber bereits im Vorweg aus dem Staub zu machen, halten wir für den falschen Weg und für einen Konzern wie Daimler für ein falsches Zeichen.“

Disskussion um Sicherheit

Zuletzt hatte es Diskussionen um die Sicherheit am E-Highway gegeben. Ein Experte von der Polizei hatte kritisiert, dass etliche Gefahrenparameter beim Bau nicht berücksichtigt worden seien. Zum Beispiel soll der Rettungshubschrauber nicht mehr an der A 1 landen können. Das Land hatte erwidert, dass unter anderem Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst im Rahmen des Genehmigungsverfahrens an der Planung beteiligt worden waren und Sicherheit an erster Stelle bei dem Projekt stehe.

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Jan Wulf

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