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Norddeutschland Die Ein-Frau-Demo: Protest wegen Baumängeln
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Eine Frau demonstriert wegen Baumängeln

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20:50 17.09.2020
Andrea Kunst protestiert mit einem Schild vor dem Musterhaus ihrer Baufirma. Seit Jahren hat sie in ihrem Haus einen Wasserschaden.
Andrea Kunst protestiert mit einem Schild vor dem Musterhaus ihrer Baufirma. Seit Jahren hat sie in ihrem Haus einen Wasserschaden. Quelle: Wolfgang Maxwitat
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Wentorf/Glinde

„Unser Keller sieht aus wie ein Schweizer Käse“, sagt Andrea Kunst, die in der unteren Etage ihres Hauses in Wentorf (Kreis Herzogtum Lauenburg) ein Kosmetikstudio betreibt. Eine Fensterbank ist abgebaut, teilweise sind Fliesen abgefallen, quadratische Felder aus dem Boden herausgestemmt. Die Baufirma Timm & Brinkmann aus dem niedersächsischen Fredenbeck, die das Haus als Generalunternehmer geplant und erstellt hatte, fühlt sich allerdings nicht verantwortlich.

Nach den Berichten der Familie war es schon bei der Bauabnahme im Juni 2014 so feucht im Keller, dass die Wandfarbe nicht trocknete. Das Bauunternehmen vermutete zunächst einen „Lüftungsfehler“ und stellte ein Trocknungsgerät zur Verfügung, berichtet Andrea Kunst. Zwei Monate später seien die Fußleisten verschimmelt gewesen. „Wenn es stark regnete und der Grundwasserspiegel hoch war, zog das Wasser bis zu 30 Zentimeter die Kellerwände hoch“, erzählt Andrea Kunst. die das Haus gemeinsam mit ihrem Mann Andreas und dem 13-jährigen Sohn bewohnt.

Zunächst konnte niemand die Ursache finden

Über die Ursache des Baumangels herrschte lange Unklarheit. Sachverständige der bauausführenden Firma konnten nicht helfen. Auch eine spezielle Trocknungsfirma fand den Fehler nicht. Nach Angaben der Bauherrin vermutete das Bauunternehmen inzwischen, dass das Wasser durch das Kellerfenster eindrang. „Uns wurde gesagt, wir hätten die Außenanlagen falsch ausgeführt.“ Dabei sei an der Wand unter dem Fenster keine Feuchtigkeit erkennbar gewesen, empört sich Andrea Kunst.

Die Familie schaltete einen Gutachter ein, um die Kellerfenster-Theorie zu entkräften. Die Baufirma erkannte das Gutachten jedoch nicht an. „Da haben wir uns einen Anwalt genommen“, berichtet Andrea Kunst. Das war vor knapp drei Jahren. Der Fall ist noch immer beim Landgericht Lübeck anhängig.

Grundwasser drang wegen einer fehlenden Dichtung ein

Erst nachdem die Familie Wassermelder installiert hatte, konnte der Ursprung des Wasserschadens im November 2017 gefunden werden: eine nicht abgedichtete Stelle in der wasserundurchlässigen Bodenplatte des Hauses. „Inzwischen ist gutachterlich festgestellt worden, dass rund um den Frischwasseranschluss eine Dichtung fehlt“, sagt die Hausbesitzerin. „Da kann man direkt ins Erdreich gucken.“ Behoben ist der Schaden jedoch bis heute nicht.

Der Bauunternehmer verweist auf das Tiefbauunternehmen. „Und der Tiefbauer behauptet, wir hätten die Dichtung wieder ausgebaut“, berichtet Andrea Kunst. Nun soll erneut der Gutachter ran – und klären, ob dort jemals eine Dichtung verbaut war oder nicht. Dazu müsste das Umfeld des Wasseranschlusses ausgebaut werden. „Aber wir wollen nicht, dass die noch intakte Bodenplatte aufgekloppt wird“, betont Andrea Kunst. Sie drängt auf ein anderes Beweisverfahren. Passiert sei nun schon seit monatelang nichts. Die Tiefbau-Firma wollte sich mit Verweis auf das laufende Verfahren gegenüber den LN nicht äußern.

Stiller Protest einmal pro Woche geplant

Inzwischen hat die Familie nach eigenen Angaben 26 000 Euro für Gutachten und Anwälte ausgegeben. Zum Vergleich: Die fehlende Dichtung wäre für ein paar hundert Euro zu haben. „Alle wollen nur Geld verdienen, aber niemand will uns helfen“, beklagt Kunst. Und so hat sie entschieden, selbst tätig zu werden. Einmal pro Woche protestiert sie mit einem selbstgebauten Schild vor dem Musterhaus ihres Generalunternehmers in Glinde (Kreis Stormarn). „Da muss sich nun auch mal der Bauunternehmer seinen Kunden erklären, wie ich es täglich bei meinen Kunden machen muss.“

Der weist die Vorwürfe zurück. „Wir sehen uns nicht in der Verantwortung für den Fehler, der da gemacht wurde“, betont Rüdiger Timm aus der Geschäftsleitung der Baufirma Timm & Brinkmann. Als Generalunternehmer sei man nur für die Handwerker verantwortlich, die man selbst beauftragt habe. Die Tiefbauarbeiten inklusive der Hausanschlüsse hätten die Bauherren aber selbst vergeben, erklärt er. Allerdings an eine Firma, die sein Unternehmen empfohlen und vermittelt hat.

Den Unmut der Bauherren kann Timm nachvollziehen. „Die Sache ist verzwickt.“ Es sei ein Problem, dass es nicht weitergehe, weil sich Anwälte und Gericht die Bälle zuspielten. Mit der Situation seien alle unglücklich. „So etwas haben wir auch noch nicht erlebt.“ Die Firma existiert seit 40 Jahren. 30 bis 40 Häuser würden pro Jahr gebaut.

Anmerkung der Redaktion: Der Schaden ist wenige Wochen nach Erscheinen des Artikels durch die Vermittlung von Rüdiger Timm vom Verursacher behoben worden. Die Dichtung wurde eingebaut, der Keller ist trocken.

Zahl der Bauschäden gestiegen

Mit dem Immobilienboomist die Zahl der Bauschäden um 89 Prozent gestiegen. Die durchschnittlichen Bauschadenkosten haben sich von 49 000 Euro auf knapp 84 000 Euro erhöht. Das geht aus dem Schadenbericht des Bauherren-Schutzbundes (BSB) hervor. Auf der Mängelliste ganz oben: Dächer, Decken, Fußböden, Wände sowie die Haustechnik. Geklagt wird über eindringende Feuchtigkeit, nicht vorschriftsmäßige Ausführung, Maßfehler, Risse und falsche Abdichtung.

Julia Paulat