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Norddeutschland Erbitterter Streit um das Erbe: Bei den Bismarcks fliegen die Fetzen
Nachrichten Norddeutschland Erbitterter Streit um das Erbe: Bei den Bismarcks fliegen die Fetzen
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23:49 09.12.2013
Zum 80. Geburtstag des Fürsten wurde noch große Eintracht zur Schau getragen. Doch auch damals schon kam es zum Streit (v.l.): Gregor von Bismarck mit Tochter Wilhelmine, Elisabeth Fürstin von Bismarck, Ferdinand Fürst von Bismarck und Carl-Eduard von Bismarck mit Tochter Grace. Quelle: Fotos: Brauer, Breuel
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Friedrichsruh

Der Eiserne Kanzler dürfte sich im Grabe umdrehen. Nur einen Steinwurf vom Mausoleum entfernt, in dem Otto von Bismarck (1815—1898) seine letzte Ruhe gefunden hat, tobt eine schlimme Fehde: Im Fürstenhaus mit Stammsitz im lauenburgischen Friedrichsruh tragen die Nachkommen einen Familienkrieg aus. Jetzt auch öffentlich. „Ich kann nicht länger schweigen“, sagt der älteste Fürsten-Sohn Carl-Eduard von Bismarck (52), Ururenkel des Eisernen Kanzlers — und teilt in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“ aus. Von Missgunst und finanziellen Engpässen ist die Rede, von einem geistig überforderten Fürsten und einer trinkenden Mutter, von antisemitischen Ausfällen der Fürstin, von Prügeleien und Polizei-Einsätzen im Schloss.

Hintergrund ist der anhaltende Streit um die Erbfolge. Ferdinand Fürst von Bismarck (83) will nach Erstgeborenenrecht seinen Sohn Carl-Eduard, „Calle“ genannt, als Haupterben einsetzen. Seine Frau, Fürstin Elisabeth, der Öffentlichkeit als Chefin des Schmetterlingsgartens bekannt, favorisiert den jüngeren Sohn Gregor als Erben.

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Die Fürstin mag ihre Gründe dafür haben. „Lebemann“ Calle von Bismarck konnte bislang nicht besonders gut mit Geld umgehen („mit meiner zweiten Frau Celia habe ich zu viel ausgegeben“). Nach eigenen Angaben sind alte Rechnungen von 200 000 Euro offen, etwa für Reparaturen im Schloss. Auch das Finanzamt hat angeblich Forderungen. Der Gerichtsvollzieher sei „leider nicht selten“ auf Schloss Friedrichsruh, gesteht der Graf. Dass es kürzlich einen Vollstreckungsbescheid über 13 000 Euro gegen ihn gab, habe vermutlich jemand aus der Familie ausgeplaudert. Es sei leider bekannt, dass er selbst kein Einkommen habe, erklärt Calle von Bismarck. Der ewige Zoff um das Erbe auf Friedrichsruh sei so nervenaufreibend, dass er nicht in der Lage gewesen sei, einem geregelten Job nachzugehen.

Vor Jahren war der Fürstensohn als faulster Abgeordneter im Bundestag in die Schlagzeilen geraten. Er hatte sein CDU-Mandat schließlich niedergelegt. „Sicherlich war ich zu schwach“ zu jener Zeit, räumt der Graf ein.

Calle von Bismarck, der seinen Hauptwohnsitz nach London verlegt hat, teilt aus: Mutter und Bruder beschuldigt er, seine Post zu öffnen und ihm vorzuenthalten. Vermutlich trinke seine Mutter, behauptet er, meistens gegen 17 Uhr kämen beleidigende Anrufe oder SMS von ihr. „Wir nennen das Rotweinstunde.“ Über seine jüdische Ehefrau Nathalie (42) habe sich seine Mutter schlimm und antisemitisch geäußert. Viele Tränen seien geflossen. Überhaupt habe seine Mutter immer versucht, seine Ehen kaputt zu machen, behauptet der Graf.

Sein Vater, der Fürst, sei mit 83 „geistig nicht immer auf der Höhe“. Sein Bruder Gregor nutze diese Situation schamlos aus. Gregor habe seinen Vater „ohne Rechtsbeistand zum Notar schleppen lassen, um sich den Besitz allein zu sichern“. Fakt sei, dass Gregor von Bismarck nunmehr ab seinem 50. Geburtstag das Sagen im Schloss habe — „aber erst nach dem Tod meines Vaters“. 51 Prozent der fürstlichen Forstwirtschaft seien dem jüngeren Bruder bereits übertragen, klagt Carl-Eduard von Bismarck. Er hat Wohnrecht in einem Flügel von Friedrichsruh.

Schon im November 2010 berichteten die LN von „Schlägereien im Schloss“: Nach Polizeiangaben soll Calle von Bismarck versucht haben, seine Mutter gemeinsam mit einem Freund aus dem Haus zu prügeln.

Ein Pförtner im Schloss hatte am Abend des 7. Oktober über Notruf die Polizei verständigt. „Ich lag in Handschellen vor dem Schloss, und mein Bruder stand über mir“, erinnert sich Carl-Eduard von Bismarck. Schon damals ging es um die Erbfolge — und wer wen aus dem Schloss verdrängt. Das Verfahren wurde eingestellt, bestätigte ein Sprecher der Lübecker Staatsanwaltschaft gestern auf Anfrage.

Finanziell scheint das Fürstenhaus nicht mehr flüssig. „Die Bismarcks haben seit Jahren kein wirkliches Bargeld“, sagt der älteste Graf im Interview. Die Familie lebe vom Sachsenwald, ein Geschenk von Kaiser Wilhelm I. an den Eisernen Kanzler. Ein Teil davon ist längst verkauft.

Dem Bismarkschen Imperium werden außerdem lukrative Immobilien im In- und Ausland zugerechnet. Der Bismarck-Brunnen wurde schon vor 25 Jahren an den Schweizer Konzern Nestlé verkauft. Die Fürstenfamilie profitiert über Lizenzgebühren am Verkauf des Mineralwassers unter dem weltberühmten Namen.

Seine dritte Ehe
Calle von Bismarck (52) ist Ururenkel des Eisernen Kanzlers. Der Graf wohnt mit seiner Familie auf Schloss Friedrichsruh und in London. Die Leidenschaft des Grafen gehört dicken Zigarren, schnellen Autos und schönen Frauen — mit den Frauen hatte er nicht immer Glück. Seine dritte Ehefrau Nathalie (42) entstammt einer jüdischen Familie aus New York. Sie schenkte dem Fürstenhaus mit Alexei (7) den ersehnten Stammhalter. Dessen kleine Schwester heißt Grace (5). Zwei kinderlose Ehen Carl-Eduards waren zuvor gescheitert: Von der inzwischen gestorbenen Schweizer Unternehmerstochter Célia Demaurex ließ er sich genauso scheiden wie von der Amerikanerin Laura Harring, einer Schauspielerin („Baywatch") und ehemaligen Miss USA.

Curd Tönnemann