Erneuerbare Energien aus Schleswig-Holstein: Bau von Solarparks boomt
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Erneuerbare Energien aus Schleswig-Holstein: Bau von Solarparks boomt

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07:00 13.11.2020
Windkraft und Solarstrom: Diese Kombination – hier der Solarpark Klixbüll – hat Zukunft, sind Experten für Erneuerbare Energien überzeugt.
Windkraft und Solarstrom: Diese Kombination – hier der Solarpark Klixbüll – hat Zukunft, sind Experten für Erneuerbare Energien überzeugt. Quelle: Rehder/dpa
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Am Rand von Autobahnen und Bahntrassen werden sie explizit gefördert, aber auch anderswo sieht man sie immer häufiger: große Flächen voller Solarmodule. Die streifenförmigen Solarparks an Verkehrsadern ziehen sich oft kilometerlang hin – zum Beispiel an der Autobahn 7 kurz vor Flensburg. Eine garantierte Vergütung durch den Bund gibt es mittlerweile nur noch für Freiflächen-Anlagen auf solchen Randstreifen sowie auf ehemaligen Bundeswehrflächen. Die Breite der geförderten Randstreifen soll nach dem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz des Bundes (EEG) auf 220 Meter verdoppelt werden. Weil Solarmodule deutlich günstiger geworden sind, rechnen sich Solarparks inzwischen aber auch auf anderen Arealen und sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.

Bahn plant Solarpark mit einer Leistung von 42 Megawatt

Ein ehrgeiziges Vorhaben plant zum Beispiel die Deutsche Bahn an der A 7 bei Neumünster. Die 73 Hektar große Photovoltaik-Anlage soll eine Leistung von 42 Megawatt haben und jährlich rund 38 Gigawattstunden Solarstrom erzeugen. Dieser soll direkt in das 16,7-Hertz-Bahnstromnetz eingespeist werden.

Enerparc hat ehrgeizige Pläne

Insgesamt gibt es in Schleswig-Holstein derzeit etwa 140 Freiflächenanlagen mit einer Gesamtleistung von circa 500 Megawatt. Tendenz: stark steigend. Solaranlagen auf Freiflächen haben sich zu einer reizvollen Option für Landwirte, Privatinvestoren und große Projektentwickler gemausert. Ein Beispiel ist der Hamburger Konzern Enerparc, der in Schleswig-Holstein bereits zehn Solaranlagen gebaut hat und betreibt. Zwei weitere Solarparks stehen kurz vor dem Baubeginn, fünf Parks seien „konkret in Planung“. Einer dieser Parks soll in Geschendorf (Kreis Segeberg) entstehen. Dort möchte Enerparc auf einer 15 bis 16 Hektar großen Fläche an der Autobahn 20 insgesamt 46 000 Photovoltaikmodule mit einer Nennleistung von 16 Megawatt aufstellen. Diese werden pro Jahr rund 140 000 Megawattstunden Strom erzeugen, mit denen laut Enerparc 4500 Dreipersonen-Haushalte versorgt werden könnten.

Entscheidung trifft die jeweilige Gemeinde

Angedacht ist auch ein 80 Hektar großer Solarpark in Pronstorf (Kreis Segeberg), der pro Jahr 76 Millionen Kilowattstunden Strom produzieren könnte. Dort gibt es bisher aber noch kein grünes Licht der Gemeinde. Gleiches gilt beispielsweise für einen 50 Hektar großen Solarpark der Hamburger Firma Eurowind in Ahrensbök (Kreis Ostholstein) und einen zwölf Hektar großen Solarpark der nordfriesischen Firma „Wattmanufactur“ an der A 1 bei Heiligenhafen (Kreis Ostholstein).

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Materialkosten drastisch gefallen

Der Boom von Solarparks hat viele Gründe: Die Materialkosten sind innerhalb eines Jahrzehnts um 90 Prozent gefallen und Bau und Unterhaltung der Anlagentechnik sind vergleichsweise unkompliziert. Außerdem sind die Beeinträchtigungen für Menschen und Umwelt auch nach Einschätzung des Nabu deutlich geringer als bei Windkraftanlagen und die gesellschaftliche Akzeptanz entsprechend höher, erklärt Fabian Faller, Geschäftsführer des Landesverbandes Erneuerbare Energien. Auch die Planungs- und Genehmigungsprozesse sind einfacher als bei Windkraftanlagen. Eine übergeordnete raumplanerische Konzeption ist nicht notwendig, es genügt die Aufstellung eines kommunalen Bebauungsplans.

Orientierungsrahmen statt starrer Vorgaben

„Photovoltaik-Anlagen können bei einer gut an die individuellen Gegebenheiten angepassten Planung einen wertvollen ökologischen Beitrag leisten“, betont Fabian Faller. So werden zum Beispiel die meisten Solarparks der Enerparc AG mit Schafen beweidet. Würden die Module in größerem Abstand gesetzt, könnten sich neue Pflanzen ansiedeln und beispielsweise eine Insektenvielfalt gezielt gefördert werden. Auch eine Einbeziehung der typisch norddeutschen Knicklandschaft sei möglich, so Faller. Entscheidend ist seiner Erfahrung nach Dialogbereitschaft aller Beteiligten. „Wir brauchen einen behutsamen Weg der Planung, der alle Interessen berücksichtigt und insbesondere kleine Gemeinden benötigen keine starren Vorgaben, sondern einen Orientierungsrahmen, um derartige Projekte zu verwirklichen.“

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Bauernverband sieht den Trend mit gemischten Gefühlen

Denn nicht überall stoßen geplante Solarparks auf Begeisterung. So wünscht sich beispielsweise der Bauernverband, dass Photovoltaik auf eher minderwertige Böden beschränkt wird, damit die Solarmodule nicht wie der Maisanbau für Biogasanlagen zunehmend die Nahrungsmittelproduktion verdrängen. Bei Photovoltaik wird allerdings für dieselbe Menge Energie wesentlich weniger Fläche benötigt als beim Anbau von Mais für Biogasanlagen und die Böden werden nicht ausgelaugt.

Rekord beim Solarstrom

In Deutschland ist von Jahresbeginn bis Ende Oktober schon mehr Strom mit Sonnenenergie erzeugt worden als im gesamten Vorjahr. Nach Berechnungen des Energiekonzerns Eon speisten Solaranlagen 2020 bislang rund 43 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Netz ein. Das sind nach einer Eon-Analyse etwa eine Milliarde Kilowattstunden mehr als im gesamten Jahr 2019.

Auch die gesamte Ökostromproduktion in Deutschland ist laut Eon auf Rekordkurs. Seit Januar hätten Windräder, Solar- und Biomasseanlagen, Wasserkraftwerke und andere erneuerbare Energiequellen rund 195 Milliarden Kilowattstunden Strom eingespeist. Im vergangenen Jahr seien es bis Ende Oktober 187 Milliarden Kilowattstunden gewesen, so dass sich ein Plus von gut vier Prozent ergebe. Mit dem bislang in diesem Jahr erzeugten Solarstrom ließe sich rein rechnerisch etwa ein Drittel des jährlichen Strombedarfs sämtlicher Privathaushalte in Deutschland decken.

Der Energieversorger sieht noch großes Potenzial beim Ausbau der Photovoltaik. Pro Jahr würden mehr als 80 000 Einfamilienhäuser in Deutschland fertiggestellt. „Würde man jedes davon mit einer durchschnittlichen PV-Anlage ausstatten, könnten wir deutschlandweit zusätzlich rund 600 Millionen Kilowattstunden Solarstrom erzeugen“, sagte die Chefin der Eon Energie Deutschland, Victoria Ossadnik. Gebäudesanierungen böten weitere erhebliche Ausbaumöglichkeiten.

Hans-Heinrich von Maydell, Geschäftsführer des Bauernverbandes Schleswig-Holstein, befürchtet, dass immer mehr wertvolle Ackerflächen im Norden für die Landwirtschaft verloren gehen. Der Bauernverband sehe diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Photovoltaik sei für Landwirte eine lukrative Einnahmequelle, bedeute aber einen Flächenverlust für die Landwirtschaft, der nicht außer Kontrolle geraten dürfe. Deshalb würde von Maydell eine Hektar-Begrenzung befürworten, „die sich jedoch nicht auf die Größe des einzelnen Solarparks beziehen sollte, sondern auf die Fläche, die in einer Gemeinde maximal für Photovoltaik-Freiflächen genutzt werden darf“.

Von Maydell plädiert auch dafür, Photovoltaik nicht nur auf Flächen anzusiedeln, die bereits für Windkraft genutzt werden, sondern auch auf Naturschutzflächen: „Naturschutz- und Klimaschutz liegen nah beieinander.“ Außerdem müsse die Verpflichtung zur Schaffung von Ausgleichsflächen im Fall von Solarparks neu diskutiert werden. „Anderenfalls verschärft sich das Problem weiter, weil zusätzliche Flächen für die Landwirtschaft verloren gehen“, betont von Maydell.

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Einige Anwohner haben Bedenken

Auch einige Bürger sehen den Boom von Solarparks kritisch: So gibt es zum Beispiel in Geschendorf die Sorge, dass die schräg angebrachten Paneele den Lärm der Autobahn am Lärmschutzwall vorbei ins Dorf tragen könnten. Dort soll nun ein Lärmschutzgutachten Klarheit bringen.

„Wir brauchen den Ausbau“

Fabian Faller vom Landesverband Erneuerbare Energien hat Verständnis für diese und anderen Bedenken, ist aber überzeugt, dass Lösungen gefunden werden können und betont, dass „eine große Photovoltaikanlage nicht prinzipiell problematischer ist als eine kleine“. Die Kernfrage sei vielmehr, wie man das jeweilige Projekt vor Ort gut realisieren könne. Sein Fazit ist eindeutig: „Wir brauchen den Ausbau, sonst werden wir die Klimaziele nicht erreichen können.“ Und auch Landes-Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) betont: „Photovoltaik ist eine wichtige Säule der Energiewende in Schleswig-Holstein.“

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Von Grit Petersen