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10:55 29.07.2019
Der junge Barlach in Ratzeburg – der Film von Ariane Bethusy-Huc empfängt den Besucher.
Ratzeburg

„Ich wünsche mir einen deutschen Pass“ – „Ein online Game Video“ – „Dass kein Krieg mehr in Afghanistan ist“ – „Bedingungsloses Grundeinkommen“ – „Frieden“. Jugendliche unterschiedlicher Herkunft aus Ratzeburg und Umgebung haben diese Wünsche aufgeschrieben. Zwei Wochen lang setzen sie sich in einem Workshop im Ratzeburger Museum mit dem Leben, Werk und den Werten Ernst Barlachs auseinander und bringen gerade ziemlich viel Unruhe und Energie in das eher beschauliche kleine Fachwerkhaus neben der Stadtkirche.

Sieben Jahre verbrachte Barlach in Ratzeburg

Der Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller Ernst Barlach wurde 1870 in Wedel geboren, zwei Jahre später zog die Familie ins mecklenburgische Schönberg, seine Kindheit von sieben bis 14 Jahren verbrachte er in Ratzeburg in dem Haus, das heute das Museum ist. Auf diese prägenden Jahre geht ein Film gleich am Eingang ein. Ariane Bethusy-Huc stellte eine Collage aus nachgestellten Szenen, TV- und Spielfilmszenen und gesprochenen Barlach-Texten her. Der Film ist Teil des neuen Konzeptes zum 150. Barlach-Geburtstag im kommenden Jahr.

Das Ausstellen nur von Zeichnungen und Skulpturen war gestern, heute kommt Multimedia ins Spiel, testen Künstler und Jugendliche Barlach auf seine Zukunftstauglichkeit.„Wir wollen zeigen, wie aktuell Barlach ist, wollen die Bedeutung seiner Kunst für die heutige Zeit unter Beweis stellen“, sagt Museumsleiterin Heike Stockhaus, die seit 30 Jahren Barlach-Ausstellungen im In- und Ausland konzipiert.

Man kennt Barlachs archaische Figuren sowie seine kritische Haltung zur Gesellschaft, die schließlich zum Berufsverbot durch die Nationalsozialisten führten. Mehr als 400 seiner Werke wurden als „entartete Kunst“ aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Wie kann man seine Haltung heute übersetzen? Würde er die Grünen im Wahlkampf unterstützen? Sich mit den Fridays-for-future-Schülern solidarisieren? Indem seine großen und wichtigsten Werke mit modernen Medien kombiniert werden, sollen sie zu Themen wie „Die ökologische Perspektive“ oder „Soziale Gerechtigkeit“ in neue Zusammenhänge gestellt werden, erklärt Heike Stockhaus. Dazu holt sie Studenten von Medien- und Kunstfachhochschulen aus Hamburg und Kiel ins Boot.

Barlach als Dramatiker: Medienkunst auf Krücken

„Was der Mensch zu einer besseren Welt beitragen kann, hat Barlach vor allem in seinen Dramen verhandelt. Das ist leider noch viel zu wenig bekannt“, sagt Stockhaus. Barlachs Stücke wurden an den größten Theatern in Berlin, Königsberg, Hamburg, München aufgeführt. Davon kann man sich nun in der oberen Etage des Museums ein Bild machen anhand von Filmplakaten und Bühnenfotos, etwa von Heinrich George als Hauptfigur in „Der blaue Boll“.

Auf mehreren Monitoren laufen Filme mit Hintergrundinformationen, Interviews und Ausschnitten aus Theateraufführungen, eine Arbeit des Hamburger Medienkünstlers Arne Lösekann. Er hat die Monitore auf Krücken installiert – eine Anspielung auf Barlachs monumentalen „Bettler auf Krücken“. Ursprünglich als Zentralfigur für den Fries „Gemeinschaft der Heiligen“ an der Lübecker Katharinenkirche 1930 entworfen, befindet sich ein weiterer Bronzeguss als Geschenk der Familie Barlach seit 1979 im Innenhof des Ratzeburger Domes. „Bettler sind wir alle“, war Barlachs Überzeugung. „Das Motiv des Bettlers war Ausdruck seiner Kritik an der modernen, maßgeblich auf Profit und materielles Wachstum festgelegten Fortschrittsgesellschaft. Mit den Krücken-Skulpturen will ich zeigen, dass Barlach nicht nur Skulptur ist, sondern ebenso Bewegtbild. Seine Themen sind zeitlos, auch wenn sie immer sehr zeitspezifisch interpretiert wurden“, sagt Arne Lösekann. „Sie sollen den Besucher für einen Moment aufhalten in seiner Bewegung durch die Ausstellung, zum Innehalten und Reflektieren anregen.“

Ab Oktober wird das Museum renoviert

Vieles hat sich verändert im Ratzeburger Museum, doch der Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, sagt Heike Stockhaus, die das Museum als „Labor“ begreift, in dem künftig immer neue Dinge ausprobiert werden. „Auch wer sich sicher ist, Ernst Barlach zur Genüge zu kennen, sollte sich überraschen lassen von den neuen Präsentationen.“ In der kommenden Woche werden die Jugendlichen zunächst Videos zum Thema „Glück“ drehen, die in die Ausstellung einfließen. Ab Oktober wird das Haus gründlich renoviert und die marode Elektrik erneuert, bevor im kommenden Jahr der Barlach-Geburtstag gefeiert wird. Man kann davon ausgehen – mit einigen Überraschungen.

Petra Haase

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