Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Ein Leben für die Bienen: Ernst David ist Norddeutschlands dienstältester Imker
Nachrichten Norddeutschland Ein Leben für die Bienen: Ernst David ist Norddeutschlands dienstältester Imker
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:01 24.02.2019
Nie würde er eine Biene von seinem Ohr vertreiben. Nach 75 Jahren Imkerei versteht sich Ernst David mit seinen Schützlingen, wie kein Zweiter. Wenn ein Volk stirbt, leidet er. Quelle: Wolfgang Glombik
Anzeige
Hornsdorf

 Der Zweite Weltkrieg tobte noch. In Seedorf war man mit Pferdewagen unterwegs. Jugendliche wurden zur vormilitärischen Ausbildung für den Volkssturm gezwungen. Auch der junge Ernst David. Immerhin blieb ihm die Front erspart. Der Vater schenkte dem Jugendlichen ein Bienenvolk. „Es stammte von Stellmacher Pries aus Stocksee, erinnert sich der rüstige 89-Jährige noch heute. 75 Jahre später begutachtet er seine Völker. Sie stehen noch auf dem gleichen Platz an seinem Resthof in Hornsdorf wie 1944. Der Ruheständler redet nicht ’rum, er tut etwas für die Erhaltung der Insektenwelt.

Kämpfer gegen das Insektensterben

Keine Chemie, kein Kunstdünger. In seinem Garten gibt es reichlich Naturecken, alten Baumbestand, schon jetzt im Februar ist jeder Fußbreit mit Frühblühern bedeckt, bis Pfingsten wird der Rasen nicht geschnitten, um die Blütenpracht zu erhalten. Inzwischen ist das Sterben in der Insektenwelt längst ein Thema, das bei vielen Bürgern angekommen ist. In Bayern fand ein Volksbegehren noch nie so viel Unterstützung wie die Initiative zum Schutz der Bienen in Bayern. Doch unter den ausgeräumten Landschaften und Pestiziden leiden vor allem die Wildbienen in Deutschland. Erschreckend: Mehr als die Hälfte steht auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, 37 Arten gelten als verschollen oder ausgestorben, sagen Experten.

Anzeige

Volksbegehren in Bayern ist ein großer Erfolg

Der große Erfolg des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ für mehr Artenvielfalt in Bayern sorgt in ganz Deutschland bei Umweltschützern für Aufsehen. Das aktuelle Volksbegehren zielt auf massive Änderungen im bayerischen Naturschutzgesetz. Biotope sollen besser vernetzt, Uferrandstreifen stärker geschützt und der ökologische Anbau gezielt ausgebaut werden. Es hatten sich 18,4 Prozent der Wahlberechtigten in Bayern beteiligt. Fast 1,75 Millionen Menschen forderten mit ihren Unterschriften einen stärkeren Natur- und Artenschutz in Bayern – oftmals mit direkten Konsequenzen für Landwirte. Damit ist der Weg für einen Volksentscheid im Herbst frei.

Auch Ernst David sieht die Veränderungen in der Natur über Jahrzehnte mit Sorge. Doch heute ist ein schöner Tag für seine Freunde! Es ist für einen Februartag sehr warm. Er lauscht fast andächtig auf das Summen der Bienen, die gerade ausschwärmen, um auf seinem schon jetzt mit Blüten von lila Krokussen und gelben Winterlingen übersäten Rasen auf Pollensuche zu gehen.

Heute ist das Imkern schwerer

Der mächtige Summ-Chor beruhigt ihn. David: „Wenn man das nicht mehr hört, ist man krank als Imker.“ Auf dem Ohr krabbelt minutenlang eine Biene. Er scheint es zu genießen. Sie verstehen sich. Und doch ist nicht alles schön: Von fünf Bienenvölkern seien ihm über diesen Winter zwei eingegangen. Warum? Er schüttelt den Kopf. Das passiere heutzutage. Früher sei das Imkern besser, ja leichter gewesen, das gab es zum Beispiel keine Varroamilbe. „Die werden wir auch nicht mehr los“, sagt er. Früher gingen auch keine Völker ein. Es war als Imker leichter. Der Imker legte sich im Liegestuhl zu seinen Bienen – nicht unbedingt in die Einflugschneise – hörte das Summen und schlummerte ein.

Die ersten Frühlingsboten sind schon unterwegs. Quelle: Glombik

David bevorzugt die Kanika-Rasse, eine besonders sanfte Biene. „Die lassen sogar mal eine Hummel ’rein, die kommt auch wieder lebend ’raus.“ Nur selten lässt sich Ernst David aus der Ruhe bringen. Durch „Räuberei“ seien ihm vor Jahren alle Völker eingegangen. Ein anderer Imker in der Gegend habe 36 Völker gehabt, die aber nicht ausreichend gefüttert. Die aggressiveren fremden Völker trieb der Hunger in seine Bienenstöcke, berichtet er. Davids Bienen waren sanfter, sie hatten keine Chance. Das mag Jahrzehnte her sein, doch Ernst David ist noch heute zornig.

Der Nachwuchs fehlt

Trotz aller Rückschläge: „Ich wollte Bienen haben und bin dabei geblieben.“ Gleichzeitig habe er immer wieder Nachwuchs-Imker den Umgang mit Bienen gezeigt. Es werde Zeit dafür – denn so die Erfahrung Davids – viele erfahrene Imker geben auf. Sie schaffen es nicht mehr, die 30 Kilogramm schweren Zargen mit Honig zu heben. Er selbst hole sich bei der Honigernte Hilfe. Mehr junge Imker müssen ausgebildet werden, fordert David.

Eine blühende Bienenweide bietet Ernst David schon jetzt im Februar seinen Schützlingen. Quelle: Glombik

Er selbst musste übrigens schon 1945 mit 25 Stichen Lehrgeld zahlen. Ein anderer Imker bot ihm damals einen Schwarm an, der oben im Baum hing. Doch das waren „gelbe Italiener“, eine höchst aggressive „stachlige“ Bienenrasse. Mit Hemd und kurzer Büx war Ernst die Leiter hochgeklettert. Die Sache ging schief. „Das hat anständig gepikst.“

Der Lauscher am Bienenstock

Plötzlich wird der 89-Jährige umtriebig, hockt sich vor das Ausflugsloch des Bienenstocks, schaut genau hin. Eines der totgeglaubten Völker scheint doch noch zu leben. David hält das Ohr an den Kasten, wie ein Arzt an dem Brustkorb eines Patienten. „Nun werde ich sie in Ruhe lassen“, sagt er erleichtert nach dem erfolgreichen Abhorchen.

Vereine bieten Paten für Nachwuchs-Imker

An der Imkerschule in Bad Segeberg werden Anfänger- und Fortbildungskurse für angehende und bereits aktive Freizeitimker angeboten. Die Schulungen der Imkerschule zu der Landesverband Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker findet man auf der Homepage des Landesverbands.

Bienenzuchtberater Jörg Pardey empfiehlt Interessierten, die sich für das Imker-Hobby begeistern, auch in den ortsansässigen Imkervereinen Mitglied werden. Hier empfiehlt Pardey einige Ortsverbände in den Kreisen Segeberg, Stormarn und Herzogtum Lauenburg. Dazu gehören die Vereine Bad Segeberg und Umgebung von 1872 (Ansprechpartner: Herbert Gernandt, Tel. 04551 / 8 46 07), Pronstorf und Umgebung von 1906 (Ansprechpartner: Andreas Bernitt, Tel. 045 59 / 13 40) Reinfeld, Zarpen und Umgebung (Ansprechpartner: Sören Westphal, http://www.imkerverein-reinfeld-zarpen.de), Ratzeburg (Ansprechpartner: Günther Ruch, Tel. 0451 / 691 528), Mölln und Umgebung (Ansprechpartner: Hannelore Kiltz-Feenders Tel. 04158 / 89 02 77).

    Über die Ortsvereine bekommt man einen Paten, der einen die ersten Jahre an die Hand nimmt. Pardey: „Auch die älteren Imker sind froh, wenn man ihnen beim Schleudern oder beim Schleppen hilft. Dafür geben die Imker gerne ihr Wissen weiter.“ Die Kurse für die Grundausbildung in der Imkerschule in Bad Segeberg seien auf sieben Tage beschränkt. Kurse werden vor allem im Winter angeboten. Im Jahr werden etwas 50 bis 60 Kurse angeboten. Nachfrage gäbe es reichlich. Pardey: „Das hat in den vergangenen Jahren extrem zugenommen.“

Das Feld im Garten für seine Schützlinge ist bestellt. Überall Frühblüher, Krokusse, gelbe Winterlinge und Schneeglöckchen. Da sind die Pollen, die sie dringend brauchen, der alte Imker zeigt auf die Blütenpracht. Ihm liege aber vor allem am Herzen, dass die Blütezeit im Spätsommer verlängert wird. Ist das Korn abgeerntet, sollten die Landwirte hinterher sofort Gründüngung säen, empfiehlt er. Die Blütezeit werde so verlängert. Die Pollensammler werden nicht gestoppt. Nur so rettet man unsere Bienen.

Wolfgang Glombik