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Norddeutschland Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident Björn Engholm wird 80
Nachrichten Norddeutschland Schleswig-Holsteins Ex-Ministerpräsident Björn Engholm wird 80
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11:36 09.11.2019
Sonnabendvormittag auf dem Wochenmarkt Am Brink: Björn Engholm studiert den Einkaufszettel, Verkäuferin Angela Teß hält den Blumenkohl bereit. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

„Die sind aber lütt . . .“ – Björn Engholm dreht ein Bund Frühlingszwiebeln in der Hand, ein Anflug von Missmut huscht über sein Gesicht. Angela Teß nimmt dem prominenten Kunden das Bund aus der Hand und reicht ihm ein anderes. Engholms Lächeln kehrt zurück. „Noch einmal Petersilie, einmal Schnittlauch“, sagt er nach einem prüfenden Blick auf den Einkaufszettel.

„Einen Blumenkohl, bitte“, mit diesen Worten hat der frühere Ministerpräsident seinen Wochenendeinkauf auf dem Markt Am Brink begonnen. „Wo haben Sie Ihre Frau gelassen?“, fragt ihn Angela Teß am Gemüsestand. Statt seiner Frau hat Engholm einen Reporter samt Fotografen im Schlepp und lässt sich geduldig den Blumenkohl dreimal reichen, bis das Foto sitzt. Barbara Engholm hat den Zettel geschrieben, „gut lesbar“, wie der Einkäufer hervorhebt, der am 9. November in der Jakobikirche mit vielen Gästen, Freunden und Weggefährten seinen 80 Geburtstag feiert. Rote Kartoffeln, Frühlingszwiebeln, Kräuter und ein Schälchen Blaubeeren wandern zum Blumenkohl in die große Einkaufstasche.

Engholm teilt ein freundliches Nicken nach links und ein „Moin!“ nach rechts aus

Ministerpräsident von 1988 bis 1993

Björn Engholm, geboren und aufgewachsen in Lübeck, lernte die Schriftsetzerei, studierte Politikwissenschaft und saß von 1969 bis 1983 für die SPD im Bundestag. 1988 wurde er Ministerpräsident Schleswig-Holsteins und 1991 Bundesvorsitzender der SPD. 1993 trat er wegen einer früheren Falschaussage vor dem Barschel-Pfeiffer-Untersuchungsausschuss von seinen Ämtern zurück. Seit dem frühen Ende seiner politischen Karriere setzte sich Engholm in zahlreichen Ehrenämtern für Kultur und Wissenschaft in Lübeck und Schleswig-Holstein ein.

Der beinah 80-jährige Ex-Ministerpräsident ist eine stattliche Erscheinung, braungebrannt, im dunkelgrauen Mantel, Rollkragenpullover, schwarzen Jeans und Halbschuhen steuert er den nächsten Gang an und teilt dabei ein freundliches Nicken nach links und ein „Moin!“ nach rechts aus. Ziel: der Stand der Berkenthiner Dorfbackstube. Engholm stellt sich in die Schlange und brummt: „Als ob die hier etwas umsonst verteilen.“ Als er an der Reihe ist, lässt er sich ein halbes Roggensaftbrot geben. Auch hier zahlt Engholm bar und reicht die Münzen über den Tresen.

Er trinke bekanntermaßen Wein und rauche, wie halte er sich denn fit? „Die paar kleinen Laster“, sagt Engholm, schürzt wie so häufig die Lippen und schaut über den Rand seiner Lesebrille. Seine Frau und er essen weniger Fleisch als früher, erzählt er dann, es gebe „öfter Fisch, aber auch reine Gemüsetage“. Er besuche – „wenn’s geht, zweimal die Woche“ – einen Boxclub, um dort „an alten Eisengeräten zu trainieren, bei denen man sieht, was man hebt“. 30 bis 40 Minuten, alles, was Schultern, Rücken und Beine kräftigt. Man müsse sich aber ganz schön zwingen, räumt er ein.

Engholm bestellt Butter ohne Salz, seiner Frau zuliebe

Am Käsestand im Mittelgang des Marktes lässt sich Engholm Kräuterquark in ein Schälchen füllen, bestellt zwei Harzer Taler sowie ein halbes Pfund Butter. „Ohne Salz“, sagt er, seiner Frau zuliebe, obwohl er selbst lieber die gesalzene Butter mag. Dazu ordert er noch einen Büffelmozzarella, den Barbara und er sehr gern mögen. Wie die Italiener sich auf Mozzarella verstehen, so machten die Griechen den besten Joghurt, sagt Engholm mit Expertenmiene. Den Einwand, der griechische Joghurt sei nicht gerade fettarm, wischt er beiseite: „Dafür schmeckt er aber.“

Ein Sonnabend auf dem Markt: Wir haben Ex-Ministerpräsident Björn Engholm (80) beim Einkaufen begleitet. Er ist Stammgast am Gemüsestand und trinkt am Stehtisch gern einen Cappuccino.

Fisch steht diesmal nicht auf der Einkaufsliste. „Einen Salat kann ich noch gebrauchen“, murmelt Engholm und schaut nachdenklich in Richtung der Fischstände am Markteingang. Der Wochenmarkt Am Brink sei „schon ein Markt, der ein bisschen was bietet“, sagt Engholm trocken und will das als Lob verstanden wissen, das er aber auch gleich ein wenig einschränkt: Sie könnten den Markt „noch ein bisschen schicker machen“. Häufig begegne er auch seinem politischen Weggefährten Gerd Walter zu einem Vormittagsplausch am Kaffeestand, der lässt sich an diesem Tag aber nicht blicken, dafür ein anderer Freund, der spontan das Bestellen und Servieren übernimmt. Auf dem Stehtisch vor dem duftenden Stand landet ein Cappucino. Und ein Töpfchen Pollo Tonnato, Hähnchenfleisch in Tunfischsauce, das er anstelle eines Fischsalates mitnimmt.

Seine Spezialität: So bereitet Engholm Lammkeule zu

Er koche auch mal selbst, erzählt Engholm, Lammkeule sei seine Spezialität, die mache er aber nur zweimal im Jahr. „Das hast du aber schon länger nicht gemacht“, wendet seine Tochter Britt ein, die mit ihrem Mann auch gerade an dem Kaffeestand Position bezieht und den Vater begrüßt. Vielleicht Weihnachten, stellt der in Aussicht und gibt seine Rezeptur preis: Die Keule spicke er mit Lorbeer und Knoblauch und lege sie zwei Tage lang in Riesling und Olivenöl ein, „drei- bis viermal wenden, Zitrone nimmt ein bisschen die Strenge“. Dann geht’s fünf Stunden bei 80 Grad in den Ofen. Dazu gibt es Ratatouille. „Und dazu machst du Rosmarin-Kartoffeln“, ergänzt Britt Engholm lächelnd, und es klingt nicht so sehr wie ein Wunsch, sondern eher wie eine freundliche Bestellung.

Zu Beginn seiner politischen Karriere galt Björn Engholm als einer von Willy Brandts Enkeln, inzwischen hat er selber längst welche, zwei in Wien und einen in Lübeck. Von dem lerne er, zum Beispiel wie das Gerät zum Musik streamen in der Küche zu bedienen sei. „Ich bin halt analog“, sagt Engholm mit entschuldigendem Lächeln. Der 16-Jährige gehe bei #FridaysforFuture für den Klimaschutz auf die Straße und dränge darauf, dass Barbara und Björn Engholm keine Plastiktüten mehr verwenden. Und darauf, dass der traditionelle Herbsturlaub auf die griechische Insel Karpathos, die Engholm inzwischen zum Ehrenbürger gekürt hat, von Athen aus mit einer Fähre angesteuert wird, nicht mit einem Inlandsflug.

Ein Buch schreiben? „Um Gottes Willen!“

Hat er Zukunftspläne? Björn Engholm schüttelt den Kopf. „Man soll seinem Schöpfer ja dankbar sein, wenn man ein gewisses Lebensalter erreicht hat.“ Ein Buch schreiben? „Um Gottes Willen!“ Sein ehrenamtliches Engagement hat er ein bisschen zurückgefahren. Lesungen, die halte er schon noch gern. Der zweite Cappuccino ist ausgetrunken, Engholm muss noch zum Blumenstand. Was heute auf den Tisch komme? Der Blumenkohl, so plant es seine Frau Barbara, gedünstet und mit in Butter gerösteten Semmelbröseln bestreut. Auf Wunsch des Enkels.

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Von Lars Fetköter

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