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Norddeutschland Experten: Blitzer sind oft wirkungslos
Nachrichten Norddeutschland Experten: Blitzer sind oft wirkungslos
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23:09 27.10.2014
In einigen Bundesländern werden bereits jetzt Radarkontrollen per Schild angekündigt — hier ein Bild vom Autobahnkreuz Darmstadt. Quelle: Hirtz/dpa
Kiel

Weniger Unfälle im Straßenverkehr, weniger Tote und Verletzte: Ob man dieses Ziel besser erreicht, wenn Polizei und Kommunen weiter drauflos blitzen, oder ob ein neues Radar-Konzept gegen Temposünder her muss, darüber debattiert der Landtag gerade.

Piraten und FDP haben die Debatte losgetreten. Ihre Forderung: Verdeckte Radarkontrollen sollen abgeschafft werden. Stellen Kommunen an einer Gefahrenstelle feste oder mobile Blitzer auf, müssten sie mit einem Schild angekündigt werden, damit die Autofahrer auch wirklich langsam fahren und nicht nur nachträglich zur Kasse gebeten werden, sagt Pirat Patrick Breyer.

Das Verbot von Radarwarnern im Auto soll aufgehoben werden. Blitzer ohne Ankündigung sollen weiter aufgestellt werden, aber nur von der Polizei, die Temposünder dann sofort anhält, des Erziehungseffektes wegen. Die Bußgelder soll das Land kassieren, für Verkehrssicherheits-Projekte. Christopher Vogt (FDP): „Wir setzen auf eine parteiübergreifende Einigung.“

Morgen hört der Verkehrsausschuss Experten an. Ihre schriftlichen Stellungnahmen liegen den LN bereits vor. Der Verkehrssicherheitsrat lehnt die Forderung ab. Tempoüberwachung müsse „möglichst flächendeckend und für den einzelnen Verkehrsteilnehmer nicht kalkulierbar“ sein. Polizeigewerkschafter fänden mehr Anhaltekontrollen gut, es fehle aber Personal. Die Landespolizei will nur vereinzelt Hinweisschilder erlauben. Nicht angepasste Geschwindigkeit sei schließlich die häufigste Ursache schwerer Unfälle außerorts.

Verkehrspsychologen bestreiten genau das. Die Angabe der Unfallursache „überhöhte oder unangemessene Geschwindigkeit“ treffe „naturgemäß so gut wie immer zu, denn ohne Geschwindigkeit kann es kaum Unfälle geben“, so Professor Wilfried Echterhoff. Nach Erkenntnissen der Unfallforschung geschehe die größte Zahl der Unfälle unterhalb der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Oft sei eher ein zu geringer Abstand die Ursache. Unfallschwerpunkte lägen meist nicht an Kitas oder Schulen, sondern an Knotenpunkten, an denen sowieso langsamer gefahren werde. Auf Landstraßen hingegen hingen tödliche Unfälle häufig mit zu hohem Tempo zusammen.

Sein Rat: Ortsfeste Messstellen sollten „offen und deutlich zu erkennen sein“. Der Verkehrsteilnehmer müsse das Gefühl haben, dass dadurch „sein eigenes Bestreben, verkehrssicher zu fahren, unterstützt wird“.

„Wer Geld braucht, kann den Verkehr mit Blitzgeräten kontrollieren. Wer aber glaubt, damit etwas für die Verkehrssicherheit außerhalb von deren Reichweite zu tun, wird kaum seriöse empirische Belege dafür finden“, sagt Karl-Friedrich Voss vom Bundesverband niedergelassener Verkehrspsychologen.

Eine empirische Studie habe sogar gerade ergeben, dass Fahrer, die sich an Tempolimits halten, „ein höheres Unfallrisiko aufweisen als diejenigen, die sich bei der Wahl der Geschwindigkeit nicht nur von Verkehrsschildern leiten lassen“. Diese könnten ihr Tempo auch ohne Schilder leichter an die Straßen- und Verkehrsverhältnisse anpassen.

Voss fordert, junge Fahrer viel stärker auf diese Fähigkeit zu trainieren. Straßen sollten schmaler und an Ortseingängen Verkehrsinseln gebaut werden. Auch der ADAC will „selbsterklärende Straßen“, auf denen sich Verkehrsteilnehmer intuitiv richtig verhalten. Dafür müsse die Politik Geld in die Hand nehmen. Darüber hinaus bleibe Verkehrsüberwachung notwendig, dürfe aber kein „Finanzierungsinstrument öffentlicher Kassen“ sein.

Die Kommunalen Landesverbände sehen das anders. Bußgeld-Einnahmen seien nicht zweckgebunden und Hinweisschilder „kontraproduktiv“. Die Kontrollen sollten Kraftfahrer ja dazu bringen, Tempo-Beschränkungen zu beachten, „überall und jederzeit“.

Gute Einnahme
1,64 Millionen Euro hat die Stadt Lübeck bis zu diesem September an Verwarnungs- und Bußgeldern von Verkehrsteilnehmern eingenommen. Verkehrsüberwachung entwickelt sich für die Kommune zum einträglichen Geschäft. Dazu kommen 191000 Euro Einnahmen an Verwaltungsgebühren. Bis Silvester sollen 120000 Verkehrssünder im fließenden Verkehr ertappt werden.

Wolfram Hammer