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Norddeutschland Flunder-Jagd mit der „Seeadler“
Nachrichten Norddeutschland Flunder-Jagd mit der „Seeadler“
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12:50 10.08.2015
In aller Frühe bricht Martin Sager (37) auf zu seinen Fanggründen vor der Insel Poel. Quelle: Fotos: Felix König
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Wismar

Es ist mitten in der Nacht. Um genau zu sein: Morgens zwei Uhr im Alten Hafen von Wismar. Noch liegt der Kutter „Seeadler“ fest vertäut an der Kaikante. Ein fahler, halber Mond steht am Firmament. Fischer Martin Sager (37) aber blickt nicht auf. Gerade hat er seine gelbe Gummihose und die orangefarbenen Stiefel angezogen. Und jetzt will er los. Er wirft den Diesel an.

„So, dann woll‘n wir mal.“

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Die „Seeadler“ macht Jagd auf Flundern. Etwas anderes, vermutet Sager, werde er heute Nacht kaum fangen. Hoffentlich aber genug. „Manchmal ist es nur eine halbe Kiste voll“, sagt er. „Manchmal sind es sechs Kisten.“ Eine Kiste, rechnet er vor, bringt ihm 30 Euro. Bei sechs Kisten also 180 Euro. „Reich wird man nicht.“ Der Sprit will schließlich auch bezahlt sein.

Sager ist da so reingewachsen in diesen Beruf, der ihn nachts rausführt auf das Meer, alleine. Bei Sonne, Wind und Wetter. Schon sein Vater war Fischer. Dessen alten Kutter, die über 60 Jahre alte „Marlen“, hat Martin Sager einem Förderverein überlassen. „Da war zu viel dran zu machen.“

Er schaffte einen neueren an, die „Seeadler“. Rund 15 Jahre ist das jetzt her. 60 PS, sechs Knoten schnell, ein geräumiges Arbeitsdeck aus Stahl. Nicht so schön wie die „Marlen“, aber praktisch.

Sein Arbeitsplatz. Früh am Morgen ist Martin Sager an Bord, bis mittags schuftet er, um alle Netze wieder klar zu kriegen. „Viel Zeitaufwand, kommt wenig bei rum.“ Bei starkem Wind muss das Boot im Hafen bleiben, da verdient man dann gar nichts. Und jetzt, ärgert sich der Berufsfischer, wolle die EU auch noch die Fangquoten für Dorsch massiv senken. „Das wird noch ein Einschnitt. Der Dorsch ist unser Brotfisch.“

Im Moment macht sich der Dorsch tatsächlich rar. Warum, weiß man nicht so genau. Wissenschaftler, etwa vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock, empfehlen daher eine Begrenzung der Fangmengen. Da fehle es nur noch, dass Teile der Wismarbucht als FFH-Vogelschutzgebiet ausgewiesen würden, so Sager. „Die wären dann für uns gesperrt.“

Kein Wunder, dass der Nachwuchs ausbleibe. 1990 gab es 140 Fischer in Wismar, heute noch drei. „Ich bin der Jüngste.“ Neuanfänger sind nicht in Sicht. Es sei denn, eines seiner beiden jetzt zehn und elf Jahre alten Kinder würde sich entschließen, Fischer zu werden. Weil man sein eigener Chef ist. Weil es ihnen im Blut liegt. Bloß: Wenn man nicht davon leben kann? Der Diesel tuckert laut, aus dem Radio im Führerhäuschen dröhnt ein englischer Schlager. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt zu den Fanggründen nördlich der Insel Poel. Insgesamt hat der Fischer 30 Netze ausgelegt, bis zu 50 Meter lang. Im ersten sind Krebse. „Dwarslöper“, nennt Sager sie.

Weiter geht es zur nächsten Boje. Dramatische, graue Wolkenformationen verhüllen den Mond, die Dünung zaubert weiße Schaumkronen auf die Wellen. Möwen fliegen über das Schiff, während Sager die Netze einholt und den Fang in die bunten Plastikkisten der Fischereigenossenschaft wirft. Jede Flunder, jeden Krebs pult der Fischer einzeln aus den Maschen. Auch im Wasser warten derweil Möwen, sie schaukeln auf den Wellen wie kleine graue Boote.

Sager gönnt ihnen nichts. Vor zwei Jahren fing er mit der Hand eine Möwe, die sich auf seine Dorschfilets stürzen wollte. Dann ließ er sie wieder fliegen. „Wenn es etwas zu holen gibt, sind die Möwen hier dicht an dicht. Die setzen sich sogar auf deine Schulter“, sagt er grinsend. Irgendwann, nach fünf Uhr morgens, geht die Sonne auf. Erst zartorange, leuchtend, dann gleißend, gelb und rund. Ein majestätisches Schauspiel.

Um 8.30 Uhr ist die „Seeadler“ zurück im Hafen. Zehn Kisten Fisch sind es geworden. Sager ist zufrieden heute. Einige Fische verkauft er selbst an Stammkunden, die meisten gehen jedoch an die Fischereigenossenschaft. „Die vermarkten den Fisch für mich.“

Sein Job ist das Fischen. Neuerdings schippert Sager darüber hinaus auch Angel-Touristen raus auf die Ostsee. Ein Zubrot, mehr nicht. „Du musst irgendwas machen.“ Acht Personen darf er mitnehmen.

Jede zahlt ein bisschen etwas. Ist das vielleicht die Zukunft? „Nee“, sagt Sager. Er hofft das nicht.

Die Entwicklung des Fischbestandes
Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hat im Mai die Fang- und Managementempfehlung für die kommerziell genutzten Fischbestände der Ostsee veröffentlicht. Aus Sicht der deutschen Fischerei entwickeln sich die Bestände kleiner Schwarmfische (also Heringe und Sprotten) derzeit eher positiv und die Bestände der Plattfische (v.a. Scholle und Flunder) sogar sehr positiv.
Der Zustand beider Dorschbestände ist dagegen aus Sicht der Experten wenig erfreulich. Zumindest vorübergehend seien deutliche Reduzierungen der Fangmengen erforderlich.


Erwogen wird laut Thünen-Institut für Ostseefischerei eine Fangquotenreduzierungen um bis zu 80 Prozent. Das gelte zumindest für den Dorsch in der westlichen Ostsee.

Marcus Stöcklin