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Norddeutschland Dem Fichtenwald droht eine Katastrophe
Nachrichten Norddeutschland Dem Fichtenwald droht eine Katastrophe
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10:41 15.04.2019
Matthias Sandrock, Revierförster der Försterei Glashütte, mit einem befallenen Stück Rinde, ein Werk der Borkenkäfer. Quelle: 54° / Felix Koenig
Glashütte

Matthias Sandrock hält ein vertrocknetes Stück Fichtenrinde in der Hand. Der Revierleiter des Forstes Glashütte zeigt, wo die Borkenkäfer und Larven ihre Gänge in die Rinde hineingefressen haben. Ist ein Baum erst einmal von den kleinen Tieren befallen, zerstören sie die Wasserzufuhr, der Baum vertrocknet und stirbt langsam, der dabei entstehende Lockstoff zieht wiederum weitere Käfer an. Wozu das führt, kann man hier im Glashütter Forst bei Wahlstedt eindrucksvoll sehen. Hinter Matthias Sandrock tut sich ein großes Loch im Wald auf, mehr als 200 Bäume mussten hier in den letzen zwölf Monaten gefällt werden.

Auf der Suche nach Borkenkäfern

Vier Forstwirte bewirtschaften das 2000 Hektar große Waldgebiet, das entspricht 2000 Fußballfeldern, immer auf der Suche nach neuen „Opfern“ der Borkenkäfer. Mit guten Ferngläsern spüren sie die typischen Bohrlöcher im oberen Baumbereich auf, wo die Käfer angreifen. Sind die kranken Bäume gefällt, müssen sie möglichst schnell abtransportiert werden, damit sie nicht weitere Käfer anziehen. Doch den Forstbetrieben fehlen viele Fahrer.

Folgen des Klimawandels

„Der Wald ist in existenzieller Gefahr“, stellt Tim Scherer, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesforsten, gleich zu Beginn der Waldbegehung fest. Erst die extreme Feuchtigkeit vor zwei Jahren, dann starke Stürme und danach im vergangenen Jahr die Hitzewelle mit extremer Trockenheit hätten den Wald massiv belastet. Er ist also vorgeschädigt, und in diesem Jahr sei mit einer weiteren deutlichen Verschärfung der Situation zu rechnen, weil die Borkenkäfer sich explosiv vermehrt hätten. „Der Wald ist im Burnout“, stellt Scherer fest.

Fangsystem wird angeschafft

Man sei ein ökologisch wirtschaftender Forstbetrieb und seit 15 Jahren ohne Pestizide ausgekommen. Die Strategie der „sauberen Waldwirtschaft“ sei bisher aufgegangen. Borkenkäfer konnten in der Vergangenheit immer rechtzeitig entdeckt und befallene Bäume schnell gefällt und abtransportiert werden. Doch in diesem Jahr reiche das nicht aus. In enger Abstimmung mit dem Umweltministerium sei man zum Ergebnis gekommen, zusätzlich ein Borkenkäfer-Fangsystem Trinet P in den Fichtenwäldern einzusetzen. Die zeltartigen Gebilde werden in der Nähe von Borkenkäferpopulationen aufgestellt und locken die Tiere mit einem Geruchsstoff an, Nach der Landung auf dem Netz sterben die Tiere ab. Da es keine Abdrift gebe und die Auswaschung extrem gering sei, sei der punktuelle Einsatz in FSC-zertifizierten Wäldern in Ausnahmesituationen möglich, erklärt Scherer. Allein im Glashütter Forst sollen 30 dieser Anlagen aufgestellt werden. Noch aber warten die Förster in Schleswig-Holstein auf die zeltartigen Borkenkäferfallen, weil in ganz Deutschland und Europa die Nachfrage riesig sei.

Schleswig-Holsteins Förster zeigen in Glashütte bei Wahlstedt die Schäden durch Borkenkäfer.

Explosionsartige Vermehrung bei Wärme

Dabei sei es eminent wichtig, jetzt im Frühjahr mit der Bekämpfung zu beginnen, sagt Waldbauexperte Jens-Birger Bosse. Die Population der Käfer sei aus dem ökologischen Gleichgewicht geraten. Ein Muttertier kann je nach Witterung zwischen 1500 und 100 000 Nachkommen haben. In trockenen Jahren wachsen bis zu vier neue Generationen von Käfern heran, sagt Bosse. Deshalb müsse man jetzt beginnen, in dieser Phase sei die Bekämpfung am wirksamsten. Normalerweise würden die meisten Käferpopulationen im Boden überwintern, diesmal seien aber 90 Prozent in den Stämmen. Wenn es zehn bis zwölf Tage über zwölf Grad warm sei, würden die Borkenkäfer aktiv. Der winzig keine „Buchdrucker“ ist die gefährlichste Borkenkäferart, aber auch der noch kleinere „Kupferstecher“ greife an. „Das Potenzial für eine Jahrhundertkatastrophe ist da“, warnt Bosse. Deshalb wünscht er sicherst einmal noch möglichst viele kältere Tage.

Fernziel ist ein Waldumbau

Der Anteil der Fichte liegt in Schleswig-Holstein zurzeit bei 24 Prozent des Waldes. Vor allem auf dem sandigen Boden des Geestrückens – vom Hamburger Rand bis nach Rendsburg – wachsen viele Fichten. In Ostholstein und im Kreis Herzogtum Lauenburg ist ihr Anteil nicht so stark, vom Baumsterben sind die Wälder dort daher weniger betroffen. Auch Lärchen, Eschen, Douglasien und Buchen seien durch die vergangene Jahre geschwächt, aber die Situation der Fichten sei am dramatischsten. Das mittelfristige Ziel ist, den Wald des Landes systematisch umzubauen, dass er zukünftigen Klimaextremen gut gewachsen ist. „Das Ziel ist ein strukturreicher, stabiler Mischwald, der aus Baumarten besteht, die auch an höhere Temperaturen und Trockenheit angepasst sind.“ so Scherer. Aber Waldumbau, so Scherer, das sei eben eine „Jahrhundertaufgabe“.

Christian Risch

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