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Norddeutschland „Foodsaver“ retten Nahrung vor der Tonne
Nachrichten Norddeutschland „Foodsaver“ retten Nahrung vor der Tonne
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21:34 15.12.2018
280 Personen haben sich in Lübeck mittlerweile auf der Plattform „Foodsharing“ registriert. Jeden Abend holen einige von ihnen Lebensmittel vom Weihnachtsmarkt ab. Diesmal sind das Odilia Borth (24), Anil Manzoor (30), Ronja Schappert (26) und Sophie Bachmann (30).
280 Personen haben sich in Lübeck mittlerweile auf der Plattform „Foodsharing“ registriert. Jeden Abend holen einige von ihnen Lebensmittel vom Weihnachtsmarkt ab. Diesmal sind das Odilia Borth (24), Anil Manzoor (30), Ronja Schappert (26) und Sophie Bachmann (30). Quelle: 54° / Felix König
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Lübeck

 Kurz vor der Schließzeit sind nur noch vereinzelte Besucher auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt unterwegs. Die vier „Foodsaver“ beginnen ihre abendliche Tour durch die Innenstadt. Ihre Mission: Lebensmittel vor der Mülltonne bewahren.

Jeden Abend sind Mitglieder der Foodsharing-Bewegung auf dem Lübecker Weihnachtsmarkt unterwegs. Ihre Mission: Überproduzierte Lebensmittel vor der Mülltonne retten und weiterverteilen.

„Wir haben noch was für euch“, sagt Maria Behnke, als die Gruppe mit Tupperdosen und Jutebeuteln am Brotstand auf dem Mittelaltermarkt auftaucht. Die Verkäuferin reicht ihnen zehn Brote über den Tresen. Bezahlen müssen ihre letzten Kunden nichts. „Das ist eine gute Sache, sonst würde ich sie nach Ladenschluss einfach wegschmeißen“, berichtet sie.

Ein paar Meter weiter bei „Benito’s Mutzen“ werfen die Verkäuferinnen noch schnell den Restteig ins heiße Fett, bevor sie Odilia Borth (24) und Anil Manzoor (30) das Gebäck über den Tresen reichen. Dazu gibt es noch ein Paket Puderzucker. „Wir machen den Teig jeden Tag frisch“, berichtet Inhaber Enrico Esposito, „da wäre es doch schade, den Rest wegzuwerfen.“

Am Ende des Tages landen viele Speisen im Mülleimer

Zwei Kilo sind am Dienstagabend noch übrig. Der Standbesitzer stellt nur eine Bedingung: „Bringt ihr Reinhard noch eine Tüte vorbei?“ Wie vereinbart, reicht Sophie Bachmann (30), Vorsitzende der Foodsharing-Bewegung in Lübeck, einem Obdachlosen bei den Rathaus-Arkaden wenige Minuten später ein Packet Mutzen und nimmt Kurs auf den Fischbrötchen-Stand. Die Zeit ist knapp, zwei Stationen liegen noch vor ihr. Insgesamt sechs Weihnachtsmarktstände haben sich auf Nachfrage der „Foodsaver“ bereit erklärt, übrig gebliebene Lebensmittel am Abend freizugeben.

Die Abholtermine sind für die Lebensmittelretter eng getaktet, das geben ihnen die Händler so vor. Am Ende teilen sie die Waren untereinander auf. An diesem Abend sind das drei Tupperdosen voll Mutzen, fünf Pizzastücke, zehn Brote, drei ungarische Langos (Hefeteigfladen) und mehrere Weißbrötchen. „Jedem ,Foodsaver’ steht es frei, was er dann mit den Lebensmitteln macht“, erklärt Sophie Bachmann das Konzept. Hauptsache, es landet nichts im Müll.

Lebensmittelretter verteilen das Essen bei Bekannten und Bedürftigen

Studentin Ronja Schappert (25) besucht nach den Abholterminen beispielsweise Wohngemeinschaften von Freunden und gibt bei ihnen Essen ab. Auszubildende Odilia Borth (24) und Anil Manzoor (30) halten auf dem Nachhauseweg bei einem Obdachlosenheim an. „Wir klingeln auch bei den Nachbarn und fragen, ob sie Interesse am Brot haben“, berichtet Odilia Borth. Manchmal drückt sie auch fremden Personen eine Tüte Brötchen in die Hand.

Dreimal die Woche holt die 24-Jährige Lebensmittel bei Händlern ab – nicht nur auf dem Weihnachtsmarkt, auch bei Supermärkten und Wochenmärkten. Auf der Internetplattform „Foodsharing“ vernetzt sie sich mit Händlern und organisiert mit anderen Mitgliedern Abholtermine. Essen wegwerfen, das sei ein unerträglicher Gedanke. Gerade vor dem Hintergrund, dass jeden Tag Menschen verhungern, sagt die Auszubildende.

Das Internetportal gibt es bundesweit

Bundesweit engagieren sich inzwischen 47 000 Menschen als „Foodsaver“, rund 5000 Händler machen mit. In Lübeck existiert die Initiative seit 2014. Inzwischen sind 280 Menschen in der Hansestadt registriert, derzeit gibt es 22 aktive Kooperationen mit Händlern. „Wir würden uns freuen, wenn noch mehr dazukommen“, sagt Sophie Bachmann. Jeder könne sich registrieren und nach einer Einweisung mitmachen.

Mitmachen bei Foodsharing

Foodsharing in Lübeck freue sich über weitere Lebensmittelhändler, sagt die Vorsitzende Sophie Bachmann. Wer regelmäßig Lebensmittel übrig hat und abgeben möchte, könne eine E-Mail schreiben an: luebeck.foodsharing@web.de. Dann meldet sich ein „Foodsaver“ und spricht auf Wunsch des Händlers ab, wie oft und wann eine Abholung gewünscht ist.

Wer als Abholer neu bei Foodsharing mitmachen will, registriert sich zuerst auf der Internetseite www.foodsharing.de. Neulinge müssen ein Quiz zum Thema Lebensmittelverschwendung und Hygienevorschriften absolvieren. Ist das geschafft, setzen sich erfahrene Foodsaver für eine erste Probeabholung beim Betrieb mit dem neuen Mitglied in Verbindung.

Im Jahr landen in Deutschland rund 18 Millionen Tonnen und damit rund ein Drittel der erzeugten Lebensmittel im Müll. Das Problem hat auch die Politik erkannt. Gegen das Überproduzieren will die Bundesernährungsministerin Julia Klöckner mit einer neuen Strategie vorgehen.

Politik spricht Empfehlungen für weniger Abfälle aus

Ziel sei es, bis 2030 die Lebensmittelverschwendung in Deutschland auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Abfälle zu verringern. Betriebe seien zu einem sorgsameren Umgang mit Rohstoffen angehalten, zudem sollten sie durch verbesserte Abläufe Abfälle verringern.

Der Foodsharing-Bewegung und auch der Deutschen Umwelthilfe ist das zu wenig konkret. Sie fordern in einer gemeinsamen Pressemitteilung verbindliche Absprachen mit den Unternehmen sowie einen Wegwerfstopp genießbarer Lebensmittel für Supermärkte.

Bisher fehle auch eine Dokumentationspflicht von Lebensmittelverlusten entlang der Wertschöpfungskette in Landwirtschaft, Industrie und Handel. „Ohne Transparenz über die von den Unternehmen vernichteten Lebensmittel bleiben Reduktionsziele wirkungslos“, kritisiert Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe.

Saskia Bücker