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Norddeutschland Forscher sucht den "Kleinen Unterschied"
Nachrichten Norddeutschland Forscher sucht den "Kleinen Unterschied"
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16:37 30.11.2015
Axel Meyer (55) im Aquarium des Berliner Zoos. Studien über die Evolution von Fischen begründeten seinen wissenschaftlichen Ruf. Quelle: AXEL NICKOLAUS
Lübeck/Berlin

Als Kind zähmte Axel Meyer eine Elster, er sammelte Mäuseknochen aus den Gewöllen, die Raubvögel hinterlassen hatten, und er kannte jede Vitrine im Lübecker Naturkundemuseum. Seine Eltern mussten immer damit rechnen, auf einen Molch zu treten, der aus einem seiner Terrarien ausgebrochen war. Zwei Wände waren bis zur Decke von 80 Aquarien belegt. In der Gefriertruhe lagerten Eiswürfel-Behälter mit eingefrorenen Wasserflöhen. Axels Berufswunsch stand schon fest, bevor er Schüler des Katharineums wurde: Biologe. „Ich war immer so ein Kind, das einen Frosch in der Hosentasche hatte“, sagt er.
Am Abend vor dem Gespräch, das er mit den LN in Berlin führt, hat Axel Meyer (55) im Wissenschafts-Verein „Urania“ sein Buch „Adams Apfel und Evas Erbe“ vor gut 200 zahlenden Besuchern vorgestellt. Seine Eltern sind dafür aus Lübeck angereist. Aus ihrem Jungen mit dem Frosch in der Hosentasche ist ein angesehener Biologieprofessor geworden. Sein Fachgebiet ist die Evolution der Buntbarsche. Doch in seinem neuen Buch geht es um den Menschen. „Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“, lautet der Untertitel.

Gene und Unterschiede zwischen Mann und Frau: das ist vermintes Terrain. Zumal, wenn Meyer öffentlich Thilo Sarrazin in Schutz nimmt, der vor fünf Jahren mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die deutsche Öffentlichkeit polarisierte. Sarrazin gehörte zu den Gästen seines Vortrags am Vorabend. Meyer bescheinigt ihm: „Was er über die Erblichkeit von Intelligenz schreibt, stimmt zu 95 oder sogar 99 Prozent.“ Dieses Thema spielt auch in seinem eigenen Buch eine zentrale Rolle. Meyer fasst den Forschungsstand dahingehend zusammen, dass Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich sei.
„Man weiß nicht genau, welche Gene die Intelligenz beeinflussen“, sagt Meyer, „aber es wäre theoretisch denkbar, dass man sie identifiziert und auch die Mutationen, die Intelligenz positiv oder negativ beeinflussen. Und als nächster Schritt ist es denkbar, dass man pränatal Embryos danach selektiert.“ In China und den USA gebe es entsprechende Forschung. „Ich will das in keiner Form gutheißen oder sagen, diese Art von Forschung sollten wir machen. Aber wir sollten nicht so tun, als ob die deutsche Moral die einzige Moral der Welt ist.“

Anders als Sarrazin hält sich Meyer mit politischen Folgerungen zurück. Er habe Sarrazins Buch gar nicht ganz gelesen, gibt er zu. „Ich argumentiere ja nicht einmal, dass man das Wissen über die Erblichkeit von Intelligenz irgendwie nutzen sollte.“ Er habe lange überlegt, ob er das Kapitel zu diesem Thema in sein Buch aufnehmen würde. „Weil ich dann vielleicht eher in eine rechte Ecke gestellt werde, wo ich gar nicht denke, dass ich hingehöre. Auf der anderen Seite stelle ich mich naiv und sage: Als Wissenschaftler muss ich jede Frage stellen dürfen.“

Lust an der Provokation ist Axel Meyer allerdings nicht fremd. Vor einigen Monaten veröffentlichte er in der „Frankfurter Allgemeinen“ eine Polemik gegen die seiner Meinung nach zu komfortablen Bedingungen für Studenten in Deutschland: „In jeder Hinsicht wird ihnen der Hintern gepudert und mit viel Fürsorge und Verständnis jede Faulheit und Inkompetenz vergeben.“ Er löste damit an seiner Universität in Konstanz einen Sturm aus. Am Ende entschuldigte er sich – für die Form, aber nicht den Inhalt des Artikels.

Eine gewisse Streitlust darf man ihm wohl auch bei seinem neuen Buch unterstellen. Psychologie und Biologie lassen für Meyer nur einen Schluss zu: „Männer und Frauen sind offensichtlich unterschiedlich“, sagt er. „Nicht nur im Körperlichen, sondern auch in anderen Eigenschaften: Empathie, Aggression, sprachlicher Ausdruck.“ Nun weiß Meyer auch, dass die nachweisbar biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sehr viel geringer sind als die Unterschiede in der Berufswahl. Da kommt in ihm eine konservative Haltung zum Vorschein, die ganz unabhängig ist von naturwissenschaftlicher Erkenntnis: „Wenn die Tendenz – warum auch immer, kulturell oder genetisch – so ist, dass Frauen diese Berufe eher wählen und Männer eher andere: C’est la vie. Warum muss alles gleich sein? Ist ein ,Girl’s Day‘ wirklich eine gute Verwendung von Steuermitteln, wenn es darum geht, dass nicht nur fünf Prozent der Ingenieure Frauen sind, sondern zehn?“ Geradezu allergisch reagiert er auf alles, was mit staatlich geförderter Gleichstellung von Mann und Frau zu tun hat. „Ich suche eine neue Sekretärin“, erzählt er. „Es haben sich nur Frauen beworben. Warum muss eine Frauenbeauftragte daneben sitzen? Ich kann sowieso nur eine Frau einstellen. Da fühle ich mich wie im Kindergarten.“

Jenseits aller Debatten um Genetik, Intelligenz, biologisches Geschlecht und Gleichstellung geht es Axel Meyer um etwas Grundsätzliches: um den Stellenwert der Naturwissenschaften in der deutschen Öffentlichkeit. „Ich habe kein Bedürfnis, in den Talkshows zu sitzen“, sagt er. „Aber es gibt viele Themen, bei denen ich denke, da sollten Naturwissenschaftler gefragt werden – Genmanipulation, Atomkraft, Homöopathie.“

Axel Meyer ist nicht scheu. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er in Zukunft öfter in Talkshows sitzen wird. Aber stehen, zeigt Fische, die er besonders schön findet und hält Stegreif-Vorträge – über den unglaublichen Artenreichtum der Buntbarsche in den ostafrikanischen Seen, über die Entdeckung des Quastenflossers, von dem man bis 1938 glaubte, er sei seit 80 Millionen Jahren ausgestorben. „Ich bin immer noch fasziniert von der Diversität, die durch die Evolution entstanden ist – die bizarren Formen, die fantastischen Farben, die unglaublichen Fähigkeiten.“

Ein bisschen ist er da wieder der Lübecker Junge mit einem Frosch in der Hosentasche, der in seinem Kinderzimmer Fische züchtet.

Hanno Kabel