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Norddeutschland Freilaufende Hunde sind ein großes Problem
Nachrichten Norddeutschland Freilaufende Hunde sind ein großes Problem
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18:03 31.03.2018
Janine Bruser, Geschäftsführerin des Landesverbands der Schaf- und Ziegenzüchter e.V.
Janine Bruser, Geschäftsführerin des Landesverbands derSchaf- und Ziegenzüchter e.V. Quelle: HFR
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Lübeck

Die Schäfer fühlen sich in ihrem Berufsstand bedroht, es werden Forderungen nach staatlicher Unterstützung laut. Was sind die Hintergründe?

Schäfer sind am Einkommenslimit angekommen. Die Produktion ist so weit optimiert, dass man nicht mehr weiterkommt. Aber die Kosten steigen: Diesel, Strom und Ähnliches. Zum Glück haben wir noch einen guten Lammpreis – doch es gibt keine weiteren Schrauben, an denen man drehen kann.

Also fordern Sie jetzt auch die sogenannte „Weidetierprämie“ für Schafe und Ziegen?

Genau – so etwas gab es ja schon einmal mit der Mutterschafprämie. Als die weggebrochen ist und es ab dann Förderungen nur noch für die Flächen gab, hat es einen deutlichen Schnitt bei den Schafhaltungen gegeben. Es ist also deutlich weniger geworden. In 22 anderen Ländern werden Schaf- und Ziegenhalter bereits direkt unterstützt, in Deutschland nicht – trotz der sinkenden Schafzahlen. Das muss sich ändern.

Deutschlandweit hat sich der Bestand laut Statistik zwischen 2010 und 2016 um 13 Prozent auf 1,2 Millionen Schafe reduziert. Wie viele Schäfer und Schafe gibt es denn noch im Norden?

In rund 1100 Betrieben werden etwa 200 000 Schafe gehalten. In den letzten Jahren hat sich der Bestand drastisch reduziert. So hatten wir im Jahr 2005 noch knapp 369 000 Schafe. Damals waren es auch noch 2400 Halter. Heute sind es noch 150 Berufsschäfer, die sich und ihre Familien mit diesem Beruf ernähren.

In einem weiteren Zusammenhang werden die Schäfer immer wieder genannt: Was ist mit der Rückkehr des Wolfes?

Der Wolf ist hier nicht heimisch. Ein Spezialfall im Norden ist der Kreis Herzogtum Lauenburg, der als Wolfserwartungsgebiet gilt. Das heißt, die Schäfer dort müssen ihre Weiden mit Netzen einzäunen, um im Fall der Fälle entschädigt zu werden. Das gilt zum Glück nicht für ganz Schleswig-Holstein. Denn wenn hier alle Flächen, insbesondere im Winter, mit Netzen eingezäunt werden müssten, dann wäre die Schafhaltung schnell am Ende. Bisher reichen Zäune mit einer stromführenden Litze. Diese Zäune lassen sich schnell auf- und wieder abbauen. Mit Netzen oder festen Zäunen wäre das zu aufwendig – da müsste Personal eingestellt werden, das ist einfach nicht darstellbar.

Wie werden Schäfer denn entschädigt, wenn ein Wolf doch zuschlägt?

Da kann es sich ja nur um durchziehende Tiere handeln. Es gilt die ortsübliche Einzäunung als Vorschrift. Im Schadensfall gibt es dann ein angemessenes Abkommen mit dem Land. Die Entschädigung gibt es für gerissene Tiere, aber auch für Schäden an der Herde, wenn es durch Verängstigung zu Verlammung und ähnlichen Folgeschäden durch einen Angriff kommt.

Sollten sich hier Wölfe ansiedeln – wie müsste man sich dann wirksam schützen?

Schutzmaßnahmen durch hohe feste Zäune oder durch Herdenschutzhunde können wir hier gar nicht bieten. Schleswig-Holstein ist zu dicht besiedelt. Die Nähe zu den Menschen ist in der Weidetierhaltung hier immer gegeben – nehmen wir nur das Beispiel Deiche. Der Einsatz von solchen Hunden ist dort schon laut Pachtvertrag verboten. Also: Hunde fallen raus, Netze aufstellen fällt raus – es müsste in die Forschung investiert werden. Wie machen das andere Länder? Vielleicht ist der Einsatz von wirksamen Geräuschen ein möglicher Weg?

Es wird Frühling, Schafherden sind ein tolles Bild in der Landschaft. Aber fühlen sich Herden durch Spaziergänger gestört?

Nein – eigentlich nicht. Ein großes Problem sind allerdings freilaufende Hunde, die schnell große Entfernungen zurücklegen können und außerhalb des Einflussbereichs der Halter Tiere erschrecken und jagen. Es ist einfach unser Appell an alle Hundehalter: Lassen Sie Ihre Hunde bitte beim Spaziergang in der Nähe von Schafen an der Leine!Interview: Nick Vogler