Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Frühling bei den Schafen
Nachrichten Norddeutschland Frühling bei den Schafen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:51 31.03.2018
Endlich mit den Schafen draußen an der Luft: André Schwendel (50) genießt den ersten Ausflug in die Frühlingssonne. „Schafe müssen draußen sein und sich zwei Mal am Tag schön satt fressen, das ist am besten für die Tiere“.
Endlich mit den Schafen draußen an der Luft: André Schwendel (50) genießt den ersten Ausflug in die Frühlingssonne. „Schafe müssen draußen sein und sich zwei Mal am Tag schön satt fressen, das ist am besten für die Tiere“. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Anzeige
Lübeck

Zögernd setzt das erste Schaf den Vorderfuß auf den ungewohnt harten Beton der Schwelle. Im Halbdunkel des Stalls drängen die andern nach. Sie schieben sich gegenseitig nach vorne und atmen die kalte Frühlingsluft. Der Schäfer ruft, pfeift und lockt. Seine Hunde, zwei Harzer Füchse, zerren ungeduldig an der Leine. Ein nächstes Schaf hält die Nase ins Licht, dann noch eins – und plötzlich scheint die Herde zu verstehen, alle traben heraus: Der erste Austrieb im Frühjahr beginnt, willkommen in der Sonne!

Neuer Schäfer beim Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer 

André Schwendel (50) ist der neue Schäfer beim Lübecker Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer. Er lässt keinen Zweifel daran, wer Chef im Ring ist. Die Hunde haben zu gehorchen, bedingungslos, jedenfalls wenn sie im Einsatz sind. Den Schafen gibt er die Richtung vor. Jetzt beim Austrieb – aber auch wenn er sich im Stall in den Dienst der Herde stellt. Bei der Arbeit früh am Morgen ist er praktisch angezogen. Grüne Jacke, derbe Hose, brauner Filzhut. Die Hände haben eine harte, raue Hornhaut, sie sind es gewöhnt, fest anzupacken, ob Sommer oder Winter. Dass der Job hart ist und nicht sonderlich gut bezahlt, spielt bei ihm keine Rolle. „Einmal Schäfer, immer Schäfer“, sagt Schwendel und reibt sich den grauen Stoppelbart. Er weiß auch um die großen Sorgen seines Berufsstandes.

Schwendel ist ein massiger Mann, fast zwei Meter groß, spricht mit tiefer Stimme in einem satten thüringischen Sound. Er war schon immer Schäfer, obwohl er auch mal ausgeschert ist, um ein Jahr Lkw zu fahren. Der Verkehr, der Lärm, das war dann aber doch nichts für ihn. Damals habe er gedacht: „Ich gehe wieder hüten, das habe ich gelernt.“ Die Schafe hatten ihren Schäfer wieder.

Jetzt beim Austrieb trägt André Schwendel stolz die Schäferkluft. Golden schimmern Herzen auf dem breiten Ledergurt der umgehängten Schäfertasche. Die Perlmuttknöpfe blinken an der Schäferweste. Sorgsam sind sie mit einem Krähenfußmuster auf den schwarzen Stoff genäht. 52 Knöpfe sind es insgesamt, sie stehen für die 52 Wochen im Jahr, die der Schäfer bei den Schafen ist. Die zwölf kleinen Knöpfe am Kragen sind Symbol für die ungeliebte Stallzeit im Winter. Die ist nun endlich vorbei.

Nun darf Hündin „Anni“ von der Leine, sie bringt die ganze Gruppe auf Trab. Wenn ein Schaf abweicht, bricht schnell die ganze Herde aus, das soll nicht sein. „Anni“ stellt sich auf Schwendels Befehl an die Weggabelung, an ihr kommt kein Vieh vorbei. Und wenn die Herde zu langsam trottet, sich zu weit auseinanderzieht, flitzt „Anni“ von hinten an den Pulk heran und macht den Trödlern Dampf. Schäfer, Hunde und Schafe kennen sich bisher kaum. Schwendel ist erst seit Anfang März im Amt als Nachfolger der Schäferin, die bis dahin Chefin auf der Weide war. Aber Hüten ist ein Handwerk. Wer es gelernt hat, für den ist es keine Zauberei. Nur: Man hat es dabei mit Lebewesen zu tun. Aber Schwendel beherrscht alle Tricks.

Das Hüten ist die Paradedisziplin der Schäferarbeit. Es ist aber auch vor allem der sichtbare Teil des Jobs, dem oft zu Unrecht verträumte Romantik unterstellt wird. Schwendel geht jetzt schneller. Die Herde hat Fahrt aufgenommen und zieht den Weg hinunter. Kein Schaf darf den Schäfer überholen, dafür sorgen der junge Rüde „Rambo“ an Schwendels Seite und sein geschnitzter Schäferstock, den er wie eine Schranke seitlich hält.

Mit Abweichlern nach rechts und links kommt „Anni“ klar. Der braune Blitz ist überall präsent und droht denen, die es wagen, aus der Reihe zu tanzen. Bellen und Beißen sind verboten, ein belehrendes Zuschnappen an unverletzlichen Stellen ist dagegen in Ordnung. Respekt muss man sich verschaffen.

Etwa 130 Heidschnucken und Rauwollige Pommersche Landschafe hält der Landschaftspflegeverein zurzeit – im Mai wird die Herde auf 150 Tiere aufgestockt. Rund 1000 Schafe kommen als Pensionsgäste dazu. Mit deren Hilfe pflegt der Verein etwa 250 Hektar Naturschutzfläche in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Das Beweiden mit Schafen verhindert, dass die Flächen zuwachsen und verbuschen.

Die meisten Berufsschäfer kämpfen ums Überleben

Lob gibt es dafür auch von offizieller Seite – trotzdem wächst die Sorge der Schäfer bundesweit. „Schäfer mit ihren Schafherden erfüllen wichtige gesellschaftliche Aufgaben wie Küstenschutz, Landschaftspflege, Umwelt- und Naturschutz“, heißt es beispielsweise vom Umweltministerium in Kiel. Die Schafhaltung spiele eine maßgebliche Rolle etwa für die natürliche Pflege weniger fruchtbarer Gebiete, die Bewahrung der Artenvielfalt sowie im Kampf gegen Erosion und Überschwemmungen,

Das klingt nach großer Wertschätzung. Allerdings: „Die meisten der fast 1000 Berufsschäfer in Deutschland kämpfen ums nackte Überleben“, hält der Berufsverband der Schäfer solchen Bekundungen entgegen. Kürzlich demonstrierten einige sogar in Berlin. Das bestehende Fördersystem habe total versagt. In den letzten Jahren habe sich die Zahl der Schafe drastisch reduziert, im Norden seit dem Jahr 2005 fast um die Hälfte des Bestands (siehe Interview rechts). Einer Petition nach Einführung einer Prämie pro Tier statt Förderung über die Fläche haben sich bereits fast 120 000 Unterstützer angeschlossen.

Auch Schwendel ist für die sogenannte Weidetierprämie. „Die hatten wir früher doch auch – das hat einigermaßen geklappt“. „Mutterschafprämie“ hieß das früher, 2003 wurde sie von der EU abgeschafft. Doch 22 andere EU-Länder kehrten seitdem wieder zu anderen Fördermethoden zurück, nicht ohne Grund, wie Andreas Schenk von Bundesverband der Berufsschäfer vorrechnet: „Schon 2005 waren Schäfereien wirtschaftlich im Minus – seither sind alle Kosten explosiv gestiegen.“ Er zählt auf: Grundstückspachtpreise, Betriebskosten für beispielsweise Kraftstoff, Aufwendungen für betriebliche Anforderungen wie Ohrmarken der Tiere. Auf der Einnahmenseite sei dagegen kaum etwas zu machen. Der Konkurrenzdruck aus Übersee sei zu groß. „Wir sind eine aussterbende Rasse“, sagt Schwendel und meint damit Schäfer und Schafe gleichermaßen.

Schwendel: "Für die Zukunft bin ich äußerst skeptisch."

Ihn hat die Schäferei weit herumgebracht. In Thüringen hat er gelernt und gearbeitet, hütete nach dem Niedergang der Berufsschäferei der Ex-DDR Herden in Rheinland-Pfalz, in der Lüneburger Heide und sogar in den Bergen Österreichs. Aber ob sich sein Beruf hält? „Jeder wünscht sich das, Schafe werden ja gebraucht – trotzdem bin ich für die Zukunft äußerst skeptisch“, sagt er.

Schwendel hat junge Helfer im Stall. Samuel aus Thüringen (19) und Leonie (18) aus Bayern sind Bufdis – sie leisten dort den Bundesfreiwilligendienst. Tjara (19) aus Lübeck ist im Freiwilligen Ökologischen Jahr. Schon früh am Morgen stehen sie inmitten der Herde im Stall. Alle Futterkrippen werden geputzt, Wasser wird nachgefüllt, Salzlecksteine müssen ebenfalls immer bereitstehen, Mineralien sind wichtig. Und es gibt eine Morgenration Futter im Stall: Stärkende Kraftfutterpellets kommen in die Krippen, Heu wird zum Nachtisch aufgesteckt. Die Schafe drängeln und blöken – und im ganzen Gewimmel hat Schäfer Schwendel sofort ein Tier entdeckt, das nicht am großen Fressen teilnimmt. Ist es krank? Bekommt es ein Lamm? Der Schäfer wird es im Auge behalten. „Man muss immer aufmerksam sein, ob im Stall oder auf der Weide“, sagt er. Schließlich sei der Mensch für die Tiere verantwortlich.

Leoni wohnt auf dem Hof, sie kümmert sich auch abends vorzugsweise um das Flaschenlamm „Seppel“. Die Mutter hatte eine schwere Geburt und keine Milch, aber „Seppel“ kämpft sich durch. Alle drei Stunden nuckelt er an der Flasche und wird von Tag zu Tag kräftiger.

Tjara, die später Forstwissenschaft studieren will, läuft durch den ganzen Stall und schließt hinten die große Flügeltür, als es zu sehr zieht. Sie genießt die Arbeit mit den Tieren. „Man lernt hier so viel.“ Schäfer Schwendel lobt, wie aufmerksam die junge Frau bei der Sache ist. Natürlich müsse man viel erklären, viel vormachen, jeden Tag wieder. Bufdi Samuel (19) schaut immer ganz genau hin. Für ihn ist bereits klar: „Ich werde Schäfer.“

Von Nick Vogler