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Norddeutschland Telefon-Anbieter werben mit Kinder-Tracking
Nachrichten Norddeutschland Telefon-Anbieter werben mit Kinder-Tracking
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11:49 11.06.2019
Wenn Kinder allein unterwegs sind, machen sich einige Eltern große Sorgen. Quelle: Ralf Hirschberger/ZB/dpa
Lübeck/Kiel

Kann man Kinder heute noch zum Spielen auf die Straße schicken? „Kinder-Uhren“ mit GPS-Sender sollen Bedenken zerstreuen. Handy-Anbieter werben damit, die Telekom fährt derzeit eine große Werbekampagne. Experten indes raten zur Vorsicht.

„Die smarte Uhr für Kinder ermöglicht den Austausch von Sprachnachrichten und Emojis mit den Eltern zum Festpreis“, wirbt beispielsweise Vodafone im Internet für seine V-Kids-Watch. „Mit einer App auf dem Eltern-Smartphone kann die Uhr zudem geortet werden.“ Verlasse das Kind die erlaubte Zone, würden die Eltern automatisch benachrichtigt. „Mit dem SOS-Knopf an der Uhr können die Kids ihre Eltern auch um Hilfe rufen und ihren Standort mitteilen“, heißt es in der Anzeige. „Die V-Kids Watch gibt heranwachsenden Kindern den nötigen Freiraum und Eltern das beruhigende Gefühl zu wissen, wo sich die Kleinen gerade befinden und wie es ihnen geht.“

„Nicht ohne Wissen der Kinder“

Nur ein Angebot von vielen. Auch die Telekom bietet eine Kids Watch für ihre Handy-Kunden, bei Amazon und anderen Internet-Anbietern ist das Sortiment an GPS-Überwachungssystemen für das Kinder-Tracking zu unterschiedlichen Preisen – und Gebühren für die SIM-Card – breit gefächert. Doch Experten sind skeptisch, ob die ständige Überwachung der Kids wirklich eine so gute Idee ist.

„Ich kenne GPS-Überwachung für Hunde“, sagt etwa Oliver Soyka, Chefarzt der Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Vorwerker Diakonie in Lübeck. „Bei Kindern und Jugendlichen halte ich so etwas für problematisch.“ Ständige Kontrolle könne dem Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern schaden. „Wie sollen Kinder Selbstvertrauen und Eigenverantwortung entwickeln, wenn die Eltern keine Absprachen mit ihnen treffen, sondern Technik einsetzen?“

GPS-Ortung

GPS ist die Abkürzung für Global Positioning System. Mit Hilfe von Satelliten, die Signale zur Erde senden, können GPS-Geräte ihre Position meist bis auf einen Meter genau bestimmen. Die Technik funktioniert beispielsweise in Navigationsgeräten. Die ermittelte Position kann dann zu einem Computer oder einem Handy gesendet werden, das diese mittels einer App anzeigen kann, zum Beispiel auf einer elektronischen Landkarte.

Es sei wichtig für die Kinder, wenn ihnen Grenzen gesetzt würden, wenn sie um Freiräume kämpfen müssten. Einem gesunden Entwicklungs- und Ablösungsprozess der Heranwachsenden sei eine GPS-Ortung nicht förderlich. Nicht alles, was technisch möglich sei, sei empfehlenswert. „Die Welt ist nicht gefährlicher geworden, nur unsere Wahrnehmung hat sich geändert“, glaubt Soyka. Die Botschaft der Erwachsenen an die Kinder durch die Verwendung solcher Sender sei: „Die Welt ist gefährlich, du bist nicht sicher.“ So werde unbewusst Existenzangst geschürt. „Das halte ich für schädlich.“ GPS gar ohne Wissen der Kinder einzusetzen, sei noch schlimmer.

Kinder-Recht auf Privatsphäre

„Man sollte mit dem Kind sehr offen darüber sprechen“, rät auch Vodafone-Sprecher Thorsten Höpken. Er verstehe die Vorbehalte, verwende aber für seine Kinder ebenfalls Tracking-Uhren. „Sie haben nicht das Gefühl, überwacht zu werden. Und für uns Eltern ist es einfach beruhigend.“ In diese Richtung geht auch der Werbeslogan der Telekom-Aktion: „Machen Sie das Leben Ihres Kindes sicherer.“

Doch selbst die Polizei ist kritisch. „Die GPS-Funktion zeigt immer nur einen Standort auf einer Karte“, gibt Torge Stelck, Sprecher der Landespolizei in Kiel zu Bedenken. Schon bei einer Großwohnanlage helfe dies bei der Suche nach einem konkreten Aufenthaltsort nur sehr eingeschränkt weiter. Außerdem könnten GPS-Signale gestört oder durch bauliche Gegebenheiten unterdrückt werden. „Aus polizeilicher Sicht kann und darf diese Technik niemals die verhaltensorientierte Prävention ersetzen, die durch Gespräche, Trainings, Rollenspiele und andere Maßnahmen erzielt wird.“

Diesen Standpunkt teilt man auch im Kieler Familienministerium. „Ich halte in der Regel von einer Dauerüberwachung mit GPS-Trackern für Kinder gar nichts“, verdeutlicht Jugendminister Heiner Garg (FDP). „Kinder brauchen auch eigenen Freiraum, um gesund aufzuwachsen.“

„Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre“, meint Susanne Günther, Landesgeschäftsführerin des Kinderschutzbundes. Habe ein Kind das Gefühl, ständig kontrolliert zu werden, werde es möglicherweise versuchen, die Kontrollen zu umgehen. „Das führt dann zu Stress in der Familie – damit ist niemandem gedient.“

Marcus Stöcklin

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