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Norddeutschland Gefesselte Studentin: Hätte der Täter früher gefunden werden können?
Nachrichten Norddeutschland Gefesselte Studentin: Hätte der Täter früher gefunden werden können?
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20:53 05.11.2019
Der Mann hatte bereits vorher eine Frau in seine Laube verschleppt und eingesperrt, bestätigt die Polizei. Quelle: Holger Kröger
Lübeck/Mönkhagen

Nachdem im Fall der bei Mönkhagen gefesselt aufgefundenen Studentin ein 43-jähriger Lübecker wegen des Verdachts auf Freiheitsberaubung, sexuelle Nötigung und versuchten Mord festgenommen wurde, steht die Frage im Raum, ob die Tat hätte verhindert werden können. Der 43-Jährige soll nur zwei Wochen zuvor, am 29. September, schon einmal eine Frau in der Lübecker Katharinenstraße angegriffen und gewaltsam in seine Kleingartenparzelle gezerrt haben. Das Opfer konnte fliehen, der Verdächtige wurde ermittelt, kam jedoch nicht in Haft.

Es gab keine Haftgründe

Nach Angaben der Lübecker Staatsanwaltschaft habe es keine Möglichkeit gegeben, den Mann in Haft zu nehmen. „Die Frau berichtete von Freiheitsberaubung. Das ist ein Vergehen, aber kein schwerwiegendes Verbrechen“, sagt der Lübecker Staatsanwalt Christian Braunwarth. Es habe keine rechtliche Grundlage gegeben, den Mann festzunehmen. „Es gab keine Haftgründe, man konnte ihn nicht festhalten.“

Die Frau habe angegeben, dass sie in die Parzelle gezerrt worden sei und eingeschlossen war. Sie soll auch zwischendurch nicht bei Bewusstsein gewesen sein, habe jedoch ausgeschlossen, dass es zu sexuellen Handlungen gekommen sei. „Der 43-Jährige hat gegenüber der Polizei angegeben, die Frau sei dort betrunken aufgelaufen und er habe ihr nur geholfen“, sagt Braunwarth. Und weiter: „Jetzt im Nachhinein ergibt sich natürlich ein anderes Bild. Deswegen ermitteln wir ja auch nach weiteren Taten, die der Mann begangen haben könnte.“

Trotz des Verlaufs bezeichnet Braunwarth die Entscheidung, den Mann nach der ersten Tat nicht dem Haftrichter vorzuführen oder die Öffentlichkeit über den Vorfall zu informieren, als „nicht falsch“. „Es ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Das Gesetz lässt nicht mehr zu“, sagt Braunwarth. Offenbar hätte dem Mann erst nachgewiesen werden müssen, dass er bereits im ersten Fall eine Vergewaltigung geplant hatte. „Eine Anzeige ist nur ein Anfangsverdacht. Sie brauchen aber einen dringenden Tatverdacht, das ist die Voraussetzung für einen Haftbefehl“, erklärt Strafrechtsexpertin und Rechtsanwältin Katja Münzel auf LN-Anfrage.

G Quelle: Foto: Holger Kröger

Täter schlug ganz in der Nähe wieder zu

So schlug der mutmaßliche Täter erneut zu. Die 20-Jährige Studentin wurde nach einer Erstsemesterparty in der Lübecker Kultuwerft Gollan entführt und wenig später am Morgen des 12. Oktober gefesselt und verletzt an einem Feldweg an der B 206 bei Mönkhagen gefunden. Obwohl der Täter auch die Studentin ganz in der Nähe des Ortes verschleppte, an dem er auch seinen ersten Tatversuch unternommen hatte, scheint von den Ermittlern kein Zusammenhang hergestellt worden zu sein. Offenbar war der erste Fall gar nicht bekannt. „Als über die Videoaufnahmen der gesuchte weiße Transporter und die Person gefunden wurde, ist klar geworden, dass da schon etwas angezeigt war“, bestätigt Braunwarth den Ablauf der Ermittlungen.

Klicken Sie hier, um weitere Bilder von dem Ort zu sehen, wo die gefesselte Studentin gefunden worden ist.

Opfer wurde vergewaltigt

Nach der Tat am 12. Oktober hieß es von Ermittlerseite zunächst, dass es keine Hinweise auf ein Sexualdelikt gegeben habe. Nach neuen Angaben von Staatsanwalt Braunwarth ist die 20-jährige Studentin jedoch vergewaltigt worden. Anfangs seien die Aussagen der Frau noch verwirrend gewesen, eine Sexualstraftat wurde nicht von ihr genannt. „Im späteren Verlauf ist es dann klar geworden: Sie wurde vergewaltigt“, sagt Braunwarth. Diese Information sei jedoch zunächst nicht öffentlich gemacht worden.

Zuerst keine Erinnerungen

Dass sich die Frau zunächst nicht an die Tat erinnern konnte, ist für die Lübecker Außenstellenleiterin der Opferhilfe Weißer Ring, Heike Schulz, kein Wunder. Denn Frauen, die Gewalterfahrungen erlebt hätten, könnten sich in manchen Fällen nicht mehr an den Tathergang erinnern, auch wenn keine K.O.-Tropfen eingesetzt worden seien. „Sie verdrängen die Erlebnisse. Irgendwann ploppen sie wieder auf“, sagt Heike Schulz. „ Manche leben auch ganz normal ihren Alltag weiter, und irgendwann kommen die Erlebnisse dann zurück. Das passiert nicht bei jedem Opfer, aber bei manchen.“

Laut Prof. Dr. Lutz Götzmann, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an den Segeberger Kliniken, handelt es sich dabei um das Phänomen der dissoziativen Amnesie. „Es handelt sich dabei um eine Gedächtnisstörung, bei der die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis, zum Beispiel eine Gewalttat, vom Bewusstsein abgetrennt wird“, sagt Götzmann. Dies sei ein Schutzmechanismus des Gehirns, der dann in Kraft trete, wenn ein Mensch mit dem Verarbeiten eines Traumas überfordert sei. „Die Erinnerungen kommen häufig erst dann wieder, wenn sich die Person wieder sicher fühlt“, erklärt der Psychotherapeut.

Keine weiteren Taten bekannt

Der Tatverdächtige, der momentan in U-Haft sitzt, wurde in der Vergangenheit zwei Mal wegen Diebstahls und Betrugs zu einer Geldstrafe verurteilt. Weitere Erkenntnisse darüber, dass der Mann noch mehr Frauen verschleppt hat, gibt es nach Angaben der Staatsanwaltschaft bisher nicht.

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Von Von Hannes Lintschnig und Sven Wehde

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