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Geflügelpest erreicht Schleswig-Holstein: Wie gefährlich ist die Lage?

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14:27 27.10.2021
Ein Nationalparkranger trägt Schutzkleidung beim Sammeln von toten Vögel an der Küste zwischen Schlüttsiel und Dagebüll – das Foto entstand im Herbst 2020.
Ein Nationalparkranger trägt Schutzkleidung beim Sammeln von toten Vögel an der Küste zwischen Schlüttsiel und Dagebüll – das Foto entstand im Herbst 2020. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Lübeck

Am vergangenen Wochenende war in Dithmarschen der erste Fall der Geflügelpest in einer Hausgeflügelhaltung in diesem Herbst festgestellt worden. Das Veterinäramt des Kreises war am Freitag darüber informiert worden. In dem Betrieb mit 700 Mastgänsen wurde das Geflügelpestvirus H5N1 nachgewiesen – sie mussten alle getötet werden. Das gleiche Virus wurde auch bei 18 tot aufgefundenen Wildvögeln im Kreis Nordfriesland entdeckt – alle nah an der Küste. Es handelt sich um Pfeifenten, große Brachvögel, Nonnen- und Graugänse und eine Lachmöwe.

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Minister: Lage ist besorgniserregend

Umwelt- und Agrarminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) ist alarmiert. „Die Situation ist besorgniserregend. Es ist leider davon auszugehen, dass die Geflügelpest auch in diesem Winterhalbjahr Schleswig-Holstein in erheblichem Maß beeinträchtigen wird“, sagte er. In den Geflügelhaltungen müssten deshalb unbedingt die vorgeschriebenen Biosicherheitsmaßnahmen eingehalten werden, um weitere Ausbrüche so weit wie möglich zu minimieren. Das Land werde „ein intensives Monitoring betreiben“, damit Fälle so früh wie möglich erfasst werden.

Wer kann, sollte seine Tiere in den Stall bringen

„Der Tierbestand, der jetzt gekeult wurde, war auch im vergangenen Jahr auffällig“, sagt Hans-Peter Goldnick vom Geflügelwirtschaftsverband Schleswig-Holstein/Hamburg. Wer seine Tiere in den Stall oder wenigstens unter ein Dach bringen könne, solle das tun. Ansonsten seien die Geflügelhalter das ganze Jahr über achtsam, weil immer mal wieder tote Wildvögel entdeckt würden, von denen der Erreger dann übertragen werde. „Wir fordern unsere Mitglieder auf, noch vorsichtiger zu sein“, sagt Goldnick.

Verband will landesweites Aufstallungsgebot vermeiden

Ein landesweites Aufstallungsgebot möchten die Geflügelhalter aber vermeiden, sondern lieber flexibel auf das Virus reagieren, sagt Goldnick. Er habe dazu bereits einen Brief an Landwirtschaftsminister Albrecht geschrieben. „Wir glauben noch daran, dass wir das in Schach halten können.“ Die meisten Fälle gebe es immer an der Westküste, wo auch die meisten Zugvögel rasten. In Schleswig-Holstein gibt es etwa 40 bis 50 Betriebe mit mehr als 3000 Legehennen, dazu noch einmal 50 weitere größere Hühnerhalter sowie Mastgeflügelbetriebe. Insgesamt seien das mehrere Hundert Betriebe, die Geflügel halten.

Viele werden dieses Jahr früher schlachten

Dass die Kunden zu Sankt Martin und später zu Weihnachten ein knapperes Angebot an Gänsen und Enten erwartet, glaubt Goldnick nicht. Es könne aber sein, dass Landwirte ihr Geflügel angesichts der Gefahr früher schlachten und dadurch mehr gefrorenes Geflügel auf den Markt kommt. Früher geschlachtete Tiere seien dann etwas leichter, weil gerade die letzten Wochen für die Gewichtszunahme sorgen. Es könne dann im Weihnachtsgeschäft eine „Preisspaltung“ geben: teureres Frischgeflügel und preiswerteres gefrorenes Geflügel.

„Seuchenzüge könnten zur Regel werden“

Heftige Geflügelpest-Seuchenzüge wie in der vergangenen Saison könnten nach Einschätzung von Experten zur Regel werden. „Dieses Szenario kann tatsächlich nicht ausgeschlossen werden“, erklärt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald. „Untersuchungen des aktuellen Erregers haben ergeben, dass er sehr ähnlich zu dem aus dem letzten Winter ist.“ Deutschland und Europa erlebten nach Einschätzung des FLI zwischen Ende Oktober 2020 und April 2021 die bisher ausgeprägteste Geflügelpestverbreitung.

Experten denken auch an Impfungen

Es verdichteten sich die Hinweise, dass das Virus, anders als in vorhergehenden Jahren, auch den Sommer in Europa überstanden habe. „Damit sind neuerliche Ausbrüche in Geflügelbeständen unter Umständen nicht mehr auf einen Zuzug infizierter Zugvögel angewiesen.“ Laut FLI könnten Impfungen als eine flankierende Maßnahme sinnvoll werden, wenn sich die Ausbruchsintensität weiter erhöhe oder Viren dominierten, die leichter auf den Menschen übertragbar sind.

Hohe Schäden in Mecklenburg-Vorpommern

Allein in Mecklenburg-Vorpommern waren dem zurückliegenden Seuchenzug nach Angaben des Schweriner Landwirtschaftsministeriums knapp 350 000 Tiere zum Opfer gefallen. Es sei ein wirtschaftlicher Schaden von etwa 5,7 Millionen Euro entstanden. „Wir hoffen, dass es dieses Jahr keine Wiederholung gibt in der Breite“, sagte Silvia Ey, Geschäftsführerin des Geflügelwirtschaftsverbands Mecklenburg-Vorpommern. „Aber wir können hier nicht in die Glaskugel schauen.“

Schutzzonen um Betrieb errichtet

Alle Geflügelhalter seien aufgerufen, die Vorgaben der Veterinärämter einzuhalten und ihre betrieblichen Biosicherheitsmaßnahmen kritisch zu prüfen, wo nötig zu optimieren und konsequent umzusetzen, sagt der Kieler Minister Albrecht. Der Kontakt von Hausgeflügel und Wildvögeln müsse verhindert werden. Um den Ausbruchsbetrieb in Dithmarschen wurde eine Sperrzone eingerichtet, eine Schutzzone von drei und eine Überwachungszone von mindestens zehn Kilometern um den Betrieb. Dort gelten bestimmte rechtliche Vorgaben für Geflügelhaltungen. Diese umfassen unter anderem ein Verbringungsverbot für lebendes Geflügel.

Bürger sollen tote Wildvögel sofort melden

Albrecht forderte auch Bürgerinnen und Bürger dazu auf, verendete Wasser- und Greifvögel unverzüglich an die Behörden zu melden. Diese Tiere sollten nicht berührt, eingefangen oder vom Fundort verbracht werden, um eine Verschleppung der Erkrankung zu vermeiden. Sollten Geflügelhaltungen bislang nicht beim zuständigen Veterinäramt und/oder Tierseuchenfonds registriert worden sein, sollte dies schnellstens nachgeholt werden. Auch in den Nachbarländern Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern wurden aktuell die ersten Fälle der Geflügelpest gemeldet.

Von Christian Risch

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