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Norddeutschland Gegen das Vergessen: Lachen mit den Klinikclowns
Nachrichten Norddeutschland Gegen das Vergessen: Lachen mit den Klinikclowns
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12:32 11.06.2015
Klinikclown «Kiki» (Kerstin Daum) und Bewohnerin Annemarie Leonhardt lachen im Pflegeheim "Augustenstift" in Schwerin gemeinsam über ihre roten Nasen. Seit zwei Jahren sorgen die Clowns einmal pro Monat für gute Stimmung bei Demenzkranken und Pflegebedürftigen. Quelle: Jens Büttner/dpa
Schwerin

„Kiki“ zieht die Mundwinkel runter. „Nicht lachen, das ist nicht lustig“, sagt Komikerin Kerstin Daum am Bett von Günter Piehl im Schweriner Alten- und Pflegeheim „Augustenstift“. Dann erzählt sie von Meisen, die ihre Eier im Stich ließen. „Der Mai war ihnen wohl zu kalt“, vermutet sie. Mit Seifenblasen bringen „Kiki“ und „Fine“ alias Ines Vowinkel den alten Herrn dann aber wieder zum Schmunzeln. Einmal im Monat sorgen die Clowns für gute Stimmung bei Demenzkranken und Pflegebedürftigen. In bunten, etwas altertümlichen Kostümen wirbeln sie durch die Stationsflure.

Seit zwei Jahren sorgen die Clowns einmal pro Monat für gute Stimmung bei Demenzkranken und Pflegebedürftigen.

„Wir bringen Farbe ins Seniorenhaus“, beschreibt Kerstin Daum ihre Mission, die vor zwei Jahren begann. „Hier dreht sich vieles um Erinnern, nie darum, jemanden zu verschaukeln.“ Volkslieder, altbekannte Geschichten und Reime, Fragen nach dem Lieblingsessen lassen auch den 97-jährigen Juristen Alexander Nowitzki im geschützten Demenzbereich auf andere Gedanken kommen. Beinahe schüttelt er sich vor Lachen, mit Tränen in den Augen prustet er den Spaßmachern zu, sie sollten einen Schnaps ausschenken. Nächstes Mal, versprechen die Clowns, heute gibts zum Abschied erst mal eine feste Umarmung.

„Berührung, auch mal ein Streicheln, das ist, was den Leuten hier oft fehlt“, meint Ines Vowinkel. Manch einer fühle sich zwar auch veräppelt und verstecke sich vor den Clowns, bei den meisten aber komme die komische Kurzweil im Pflegealltag gut an. Respekt stehe immer oben an. „Es geht um sehr emotionale Kontakte.“ Und immer wieder um Vergangenes: „Fines“ riesige Rüschen-Unterhosen etwa rufen bei den Senioren schöne Erinnerungen hervor. Eine duftende Rose, frisch aus dem Garten, zaubert Irmgard Fietkau ein Lächeln ins Gesicht. Wanderlieder begeistern den früheren Jura-Professor Nowitzki in seinem Rollstuhl. Situationskomik par excellence.

„Diese Fröhlichkeit, die bleibt noch lange im Raum, auch wenn die Clowns wieder fort sind“, sagt Ergotherapeutin Berit Baumotte. Viele Bewohner seien nach solch einer spaßigen Visite richtig aufgedreht. „Sie werden auf herrliche Art aus dem Alltag gerissen, kehren in Gedanken zu ihren Wurzeln zurück und sind dabei so wach und gelöst, wie Therapeuten das nur selten schaffen.“ Die eine oder andere Methodik der Clowns nutze sie selbst bei ihren Behandlungen - Seifenblasen pusten etwa fördere die Mundmotorik, verrät sie.

Ihre witzigen Auftritte studieren die Clowns niemals ein. Die Besuche würden immer der Laune und Launen der Senioren angepasst. „Jeder ist anders drauf, und jeder braucht was anderes“, weiß „Kiki“. So eine Visite kann ganz albern und lustig werden, manchmal auch rührend oder sogar traurig, ein Wechselbad der Emotionen, das am Ende aber entspannend wirke. „Improvisieren“ ist das Geschäft der freien Künstlertruppe, die in professioneller Clownerie ausgebildet ist. Handwerk allein genüge nicht, wissen die Komikerinnen. Humor im Altersheim brauche vor allem jede Menge Einfühlungsvermögen.

Finanzielle Unterstützung kommt von der Stiftung „Humor hilft heilen“ (HHH). Die von dem Arzt und Kabarettisten Eckart von Hirschhausen gegründete Stiftung fördert derzeit bundesweit 50 Clowns-Vereine. Mehr als 200 professionelle Komiker sind in deutschen Kliniken und Pflegeeinrichtungen aktiv, wie Sprecherin Sandra Paule-Schadow erklärt. „Humor ist kein Medikament, kann aber Linderung und Erleichterung bringen.“ Wer lacht, verspüre nicht so starke Schmerzen, sagt sie. „Seelenhygiene ist so wichtig wie Desinfektion.“

Von Grit Büttner, dpa