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Norddeutschland Goodbye Kentucky, hallo Lübeck!
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18:10 31.03.2018
Carrie und Bryan Howell arbeiten jetzt Seite an Seite an Software-Projekten in Lübeck.
Carrie und Bryan Howell arbeiten jetzt Seite an Seite an Software-Projekten in Lübeck. Quelle: Fotos: Lutz Roessler (3), M. Balce Ceneta/ap/dpa
Lübeck

Mit dem Gedanken, Amerika zu verlassen, haben sie sich schon länger beschäftigt. Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten gab es dann kein Halten mehr – die Howells planten ihre Auswanderung. Sie hatten bei der Wahl für Hillary Clinton gestimmt, das machte sie in ihrem Wohnort mit 4000 Einwohnern zu Außenseitern. „Es war schwierig, darüber zu reden. Freunde haben uns nicht immer verstanden“, erzählt Bryan (44). Als freiberufliche Webdesigner hatten er und seine Frau Carrie (41) bereits Kunden verloren und sahen ihre berufliche Existenz bedroht. Das Paar trennte sich von seinem Haus mit 280 Quadratmeter Wohnfläche und fünf Hektar Land, von Familie und Freunden in einem kleinen Ort im Westen des Bundesstaates Kentucky.

Ihre Heimat in den USA haben sie verlassen, um ein Leben in Deutschland zu wagen. In Lübeck gefiel es Carrie und Bryan Howell am besten. Arbeit fanden sie als Softwareentwickler bei QDA Solutions, ein neues Zuhause im Stadtteil Kücknitz. Jetzt heißt es Deutsch lernen.

Im Herbst kamen sie nach Deutschland, reisten den Jobangeboten entgegen – nach München, Köln, Düsseldorf, Berlin und Lübeck. Viele Städte haben sie in den ersten Wochen gesehen. „In Lübeck hat es uns am besten gefallen“, erzählt Bryan Howell. „Egal, wo wir waren, die Stadt war immer in unseren Köpfen.“ Da passte es gut, dass QDA Solutions am Heiligen-Geist-Kamp gleich beiden Arbeit in der Softwareentwicklung anbieten konnte. „Sie sind die einzigen festangestellten Kollegen aus den USA an unseren Standorten in Deutschland“, berichtet Anna Lena Gellendin aus dem Marketing. Natürlich habe man sich zunächst gewundert, sie dann aber offen empfangen.

Jetzt teilen sie sich ein Büro mit zwei anderen Kollegen. „Sie beziehen uns mit ein, das hilft uns sehr bei der Integration“, sagt Bryan. Die Verständigung funktioniert problemlos, in den Meetings wird ohnehin viel Englisch gesprochen. Im Arbeitszimmer ist aber auch Deutsch zu hören. „Die Kollegen sind sehr geduldig mit uns“, lobt Carrie. Zwei Mal pro Woche lassen sie sich von einem Muttersprachler per Skype unterrichten. „Plus Hausaufgaben“, betont Bryan. Es mache Spaß, eine neue Sprache zu lernen, ergänzt Carrie.

Die Howells wollen bleiben. „Wir haben hier weniger Stress, obwohl wir ein neues Leben haben und eine neue Sprache lernen“, sagt Bryan. Besonders gut gefällt ihm, dass Lübeck überschaubar ist. „In 20 Minuten kommt man überall hin.“ Beide mögen es, zu Fuß zu gehen und Rad zu fahren, ihnen schmeckt auch das gesündere Essen. Bryan hat in den USA Bienen gezüchtet. „Das würde ich hier auch gern machen.“ Dazu hat er allerdings noch keine Zeit gefunden.

Die Auftritte Trumps und das Klima in den USA bestätigen sie in ihrer Entscheidung: Angefangen mit dem angekündigten Mauerbau zu Mexiko, dann der Streit mit Nordkorea, die Androhung von Strafzöllen, sein Vorschlag, Lehrer mit Waffen auszustatten. „Die US-Amerikaner unterstützen ihn – egal, was er macht“, sagt Bryan verwundert. Carrie hält das dortige Zwei-Parteiensystem für problematisch. Auch den extremen Kapitalismus dort lehnt sie ab. „In Deutschland gibt es eine bessere Balance.“

Unklar ist, wie viele US-Amerikaner ihrem Land wegen Trump den Rücken gekehrt haben. „Die meisten kommen wegen besserer Arbeitsmöglichkeiten und wegen des Sozialsystems in Deutschland“, berichtet Tia Robinson von Expath. Die Sprachschule in Berlin bietet nicht nur Deutschunterricht, sondern hilft Ausländern, nach Deutschland umzusiedeln, eine Arbeitsstelle zu finden oder auch eine Krankenversicherung abzuschließen.

Software-Entwicklung seit 30 Jahren

QDA Solutions bietet seit 1987 Qualitätsmanagementsysteme an. Angeboten werden etwa spezielle Softwareprodukte zur Datenerfassung, zum Reklamations- und Lieferantenmanagement. Zu den Kunden gehören große Automobilkonzerne wie Porsche, Audi, BMW und Daimler, aber auch Dräger und der dänische Windanlagen- Hersteller Vestas.

Das Unternehmen, das vor 30 Jahren in Lübeck gegründet wurde, hat 64 Mitarbeiter, zwei Drittel davon in Lübeck. Es gibt auch eine Niederlassung in Süddeutschland, in China und in den USA werden ebenfalls Leute beschäftigt. „Wir sind klein genug, um schnell zu reagieren, und groß genug, um neben den Großen zu bestehen“, sagt Chef Sven Tetzlaff. QDA Solutions stehe im Wettbewerb unter anderem mit SAP und Siemens.

Aktuell werden für den Standort Lübeck Entwickler und Projektmanager gesucht. Das Unternehmen bildet auch aus.

Julia Paulat