Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Norddeutschland Große David-Hockney-Schau in Hamburg
Nachrichten Norddeutschland Große David-Hockney-Schau in Hamburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:08 30.01.2020
„In the studio“, heißt das Werk, in das David Hockney ein Selbstbildnis integriert hat. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
Anzeige
Hamburg

Mit einer Retrospektive des Briten David Hockney hat das Bucerius Kunst Forum in Hamburg wieder einmal einen Coup gelandet. Hockney ist einer der populärsten Maler der Gegenwart, einige seiner Bilder sind im kollektiven Bildgedächtnis eingeschrieben – Schwimmbadszenen im hellen Licht des Südens, Porträts von naturalistischer Schärfe. Im weltweit größten Museum für zeitgenössische Kunst, der Tate Modern in London, ist das lebensgroße Gemälde „Mr and Mrs Clark and Percy“ nach Aussage der Tate-Kuratorin Helen Little das beliebtestes Bild. Nun ist das zwei mal drei Meter große Acrylwerk erstmals außerhalb Londons zu sehen.

David Hockney: Mr and Mrs Clark an Percy, 1970/71. Quelle: David Hockney/Tate

Anzeige

Helen Little und die Bucerius-Leiterin Kathrin Baumstark haben die Ausstellung zusammengestellt, sie konnten sich dafür in der umfangreichen Hockney-Sammlung der Tate Gallery bedienen. Rund 100 Werke aus Hockneys 60-jährigem Schaffen sind vom 1. Februar an zu sehen.

David Hockney

Der Künstler wurde 1937 im nordenglischen Bradford geboren. Im Alter von 14 Jahren malt er erste Porträts und Stillleben in Öl. Akademisches Malen lernt er auf der Bardford School of Arts und später am Royal College of Art in London.

1964 zieht er nach Los Angeles, wo die Idee zu seinen Schwimmbad-Bildern entsteht. Seit 2009 zeichnet er auf dem iPhone und dem iPad. Seit den 1980er Jahren muss der Künstler Hörgeräte tragen, er ist inzwischen fast ganz ertaubt.

Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist bis zum 10. Mai zu sehen. Täglich 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, Hamburg, Alter Wall 12.

Ikonische Großporträts

Im Zentrum stehen die ikonischen Großporträts, neben den „Clarks“ mit ihrer Katze Percy auch „My Parents“ von 1977. Hockneys Eltern nehmen darauf sehr unterschiedliche Posen ein – die Mutter ist frontal dargestellt, der Vater seitlich und gebeugt, einen Bildband studierend. Sie als passiv Duldende, er als wissbegieriger Teilzeitforscher. Diesen naturalistischen Gemälden haftet bei aller Detailverliebtheit etwas Aseptisches an: Was beim anderen großen Realisten des 20. Jahrhunderts, Edward Hopper, ein Geheimnis bleibt, das Warten auf jemanden Unbekannten, wird bei Hockney ausgeleuchtet. Auch bei den Swimmingpool-Bildern ist das so und bei den Episoden aus dem schwulen Leben des Malers: Da lassen muskulöse Kerle keine Frage offen, das Licht ist gleißend, die Architektur schnörkellos, das Wasser klar.

David Hockney: My Parents, 1977. Quelle: David Hockney/Tate

Experimente mit der Perspektive

Doch die Ausstellung hat auch Überraschungen zu bieten. Zum Beispiel die Bilder aus dem Frühwerk Hockneys. „Doll Boy“, also Puppen-Junge, nennt er ein Bild von 1960 (nicht aus der Tate, sondern aus der Hamburger Kunsthalle), das eine unheimliche Figur im weißen Hemd zeigt, die Zähne gefletscht, den Kopf abgeknickt: ein eher abstraktes als realistisches Bild von Cliff Richard, Interpret des Popsongs „Living Doll“. Bis in die 1970er Jahre hat Hockney solche an seinen Kollegen Francis Bacon erinnernde, kantige menschliche Abbilder gemalt, auch bei seinem ersten Besuch in Deutschland, wovon das Doppelporträt eines Bayern (bräsig-plump) und eines Berliners (verschwommen) Zeugnis ablegt.

Experimente mit der Perspektive sind zu sehen – Hockney hat laut Kuratorin Baumstark die Betrachter-Perspektive erfunden, also Ansichten aus mehreren Standpunkten in einem Bild. Das Ergebnis sind kubistische Interieurs und Mitte der 1980er Jahre Porträts, die sich an den kubistischen Figuren Picassos orientieren.

„Der Betrachter wird zum Teil des Kunstwerks“

Hinausgeleitet aus der Ausstellung wird man von einem Riesenabbild des Grand Canyon. Hockney hat es aus in den 1990er Jahren aus 60 einzelnen Leinwänden, die zusammen siebeneinhalb Meter lang und zwei Meter hoch sind, geschaffen. Er habe es an Ort und Stelle, also im US-amerikanischen Grand-Canyon-Nationalpark, gemalt, sagt er dazu. „Ich habe einfach einen Platz gefunden, wo ich meinen Stuhl hinstellen konnte. Meistens war ich allein.“ Das riesige rote Panorama zieht den Betrachter hinein in die Schlucht. Oder, wie Kuratorin Baumstark es formuliert: „Der Betrachter wird zum Teil des Kunstwerks.“

Ihr Versprechen, dass Hockneys Bilder „die Sonne Kaliforniens in den regnerischen norddeutschen Winter“ bringt, erfüllt die Ausstellung allerdings nicht. Hockneys Werk ist nur zu einem kleinen Teil sonnig – und so harmlos, wie seine Kunst häufig präsentiert wird, ist seine Welt offensichtlich sowieso nicht.

Das könnte Sie auch interessieren:

Kunsthalle St. Annen zeigt Bilder der „Helsinki School“

Lübecks Aufbruch in die Moderne und Carl Mühlenpfordt

Von Michael Berger

Krise im Kieler Jamaika-Bündnis - Schleierstreit stürzt Jamaika-Bündnis in die Krise
30.01.2020