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Norddeutschland Gewalt an Grundschule in Süsel: Warum kam die Hilfe so spät?
Nachrichten Norddeutschland Gewalt an Grundschule in Süsel: Warum kam die Hilfe so spät?
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19:14 15.11.2019
Die Grundschule Süsel hat große Probleme mit gewalttätigen Schülern. Quelle: Ulrike Benthien
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Süsel

An der von Schüler-Gewalt heimgesuchten Grundschule Süsel hat sich die Lage wieder etwas beruhigt – vorläufig. Nachdem zwei Drittklässler, die ihre Mitschüler seit Monaten terrorisiert hatten, für fünf Tage der Schule verwiesen wurden, schickten die anderen Eltern ihre Kinder am Freitag wieder zur Schule. Sie fordern aber weiterhin langfristigen Konsequenzen.

Die Sicherheit soll jetzt gewährleistet sein

Zehn Mädchen und Jungen waren am Donnerstag von einem Vater im Süseler Rathaus unterrichtet worden. Sie kehrten jetzt in ihre Grundschule zurück. „Die kommissarische Schulleitung hat uns versprochen, dass ihre Sicherheit gewährleistet ist“, sagt Vater Robert Graf. Die beteiligten Eltern hätten mit der Aktion einen Hilferuf aussenden wollen.

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In der dritten Klasse hatte es insbesondere in den vergangenen Wochen heftige Gewaltausbrüche zweier neunjähriger Jungen gegeben. Sie hatten ihre Mitschüler bedroht, erpresst, geschlagen und gewürgt. Schon Anfang des Jahres hatte die Schulleitung im zuständigen Ausschuss der Gemeinde um Hilfe und um mehr Stunden für Schulsozialarbeit gebeten.

Im Bildungsministerium war man ahnungslos

Bis zum Bildungsministerium in Kiel ist die Meldung aber offenbar nicht vorgedrungen. In einem Telefonat am Donnerstag habe die für Schulen zuständige Staatssekretärin ihm versichert, noch nie etwas von den Vorgängen gehört zu haben, berichtet Süsels Bürgermeister Adrianus Boonekamp.

Völlig unklar ist bislang auch, ob und wann das Jugendamt des Kreises Ostholstein von den Problemen in den Familien der beiden Kinder und den zunehmenden Gewaltvorfällen unterrichtet war. Schulleiterin Swantje Popp-Dreyer, die wie ihre Stellvertreterin derzeit krank gemeldet ist, erklärte bislang nur, dass das Jugendamt über die Gewalt-Eskalation in den vergangenen Wochen informiert worden sei. Der Kreis selber verweigert alle Auskünfte dazu – aus sozial-datenschutzrechtlichen Gründen, wie eine Sprecherin erklärt. Nur so viel: Im Rahmen bestehender Kooperationsvereinbarungen habe die Schule „bei ähnlichen oder sonstigen Schwierigkeiten oder Problemen“ die Möglichkeit, sich an das Jugendamt des Kreises zu wenden „und gemeinsam mit ihm nach einer Lösung zu suchen“.

Warum hat das Hilfesystem in Süsel nicht gegriffen

Landespolitiker drängen bereits auf Aufklärung. „Es gibt für solche Fälle ein gutes Hilfesystem im Land. Wir müssen herausfinden, warum es im Fall Süsel nicht gegriffen hat“, sagt die FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn. Das sieht der CDU-Schulpolitiker Tobias von der Heide genauso. Es gebe zwar keinen Anlass für Gesetzesverschärfungen, „die Schulen haben ja einen ganzen Katalog von Maßnahmen, zum Beispiel den Schulverweis, mit denen sie auf solche Vorfälle reagieren können“. Man werde aber nachhaken, warum sie in Süsel erst so spät ergriffen wurden. „Und wir werden die Vorfälle in der Dienstversammlung der Schulräte noch einmal ausdrücklich zum Thema machen“, sagt von der Heide. Denn es müsse überall im Land schnell und abgestimmt auf solche Vorfälle reagiert werden.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Kai Vogel hat bei der Schulleitung in Süsel bereits um einen Besuchstermin gebeten, um sich vor Ort ein Bild machen zu können. Auch bei der Lehrergewerkschaft GEW verweist man aufs Jugendamt. Die Schulen seien auf dessen Unterstützung angewiesen, sagt Geschäftsführer Bernd Schauer. Das gelte umso mehr, als es zunehmend jüngere, krass verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler im Land gebe.

So kommentieren die Leser die Gewalt-Vorfälle an der Süseler Schule

Bei den LN-Lesern sorgen die Vorfälle an der Grundschule Süsel ebenfalls für hitzige Diskussionen. Auf Facebook etwa haben viele von ihnen ihre Meinung gepostet:

„Die Lehrer müssen den Kindern Wissen vermitteln. Die Grundregeln des Zusammenlebens müssen die Eltern den Kindern beibringen.“

„Das ist leider an der Süseler Schule nichts Neues. War auch schon sehr heftig, als mein Sohn vor sechs Jahren dort war.“

„Hier sind in erster Linie mal die Eltern gefragt. Das stimmt doch was in der Erziehung nicht – Lehrer sind nicht für das Handeln der Schüler verantwortlich.“

„Es gibt eine Schulpflicht und eine Aufsichtspflicht. So kann kein Kind lernen... und das mit dem Lernen ist Aufgabe der staatlichen Schule. Es kann nicht sein, das studierte Pädagogen keinen Weg finden, Schüler der 3. Klasse zu beaufsichtigen.“

„In der 3. Klasse??? Was machen diese Kids erst in der 5. oder so? Also, wenn das meine wären, denen würde ich was erzählen. Unglaublich.“

„Ich finde diese Aggressionen grauenhaft. Man hört immer häufiger von Schlägerei oder Mobbing an Schulen. Leider wird dieses Thema schon von der Schule totgeschwiegen.“

„Hey, endlich passiert mal was. Diese Zustände sind ja nun nicht neu, sodass man allzu erstaunt sein sollte.“

„Oha, wenn das schon in der Grundschule anfängt. Wie wird es in der weiterführenden Schule werden? Haben die keine gute Kinderstube gehabt? Respekt und Anstand...

„Es ist schon lange bekannt, aber es sind den Lehrern auch die Hände gebunden.“

„Es ist schade, dass es auf diese Weise ans Licht kommt. Als unser Sohn an der Schule war, wollte man von derartigen und anderen Problemen nichts gehört haben. An dieser Schule gibt es so was nicht, und das Kind bildet sich alles ein, wurde dort im Lehrergespräch gesagt. Tja, leider wurden zu oft die Augen zugedrückt und über sowas hinweggesehen.“

Das Bildungsministerium hält auch eine Verlängerung ihrer Suspendierung für möglich. Die beiden derzeit von der Schule verwiesenen Jungen sollen nach ihrer Rückkehr in die Schule in jedem Fall Einzelunterricht erhalten. Außerdem schickt das Kieler Bildungsministerium ab Montag einen Förderzentrums-Schulleiter zur Verstärkung nach Süsel, einen in solchen Situationen erfahrenen Sonderpädagogen, wie es heißt. „Unser Notruf und unsere Forderung nach Akutmaßnahmen sind gehört worden“, sagt Robert Graf, der auch Vorsitzender des Klassenelternbeirats ist.

Kinderschutzbund fordert: In der Süseler Krise alle an einen Tisch holen

Damit sei es aber noch keinesfalls getan, betont Henning Reimann, Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Ostholstein. Nach den „ordnungspolitischen Maßnahmen“ für die beiden Jungen müssten in der neuen Süseler Krise jetzt alle Beteiligten an einen Tisch geholt werden: Schule, Eltern und auch das Jugendamt, fordert Reimann. Der Kinderschutzbund ist Träger der Schulsozialarbeit. 25 Wochenstunden haben die beiden Schulsozialarbeiter gemeinsam, die Kosten übernimmt die Gemeinde Süsel. „Schulsozialarbeit ist aber keine Feuerwehr, sondern wir arbeiten präventiv“, sagt Reimann.

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Von Ulrike Benthien und Wolfram Hammer

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