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Norddeutschland Hauptsache selbst gemacht
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13:01 12.02.2017
Inhaberin Ursula Hohoff schneidet bei „Nadel + Faden“ Stoff vom Ballen.
Lübeck

Bis unter die Decke des Ladens stecken die Regale voller bunter Knäuel: feinstes Alpaka, weiche Garne mit Anteilen vom Kaschmir und Seide, edle Merinowolle – mit dem selbstgestrickten Image von ehedem hat der aktuelle Handarbeitsboom nichts mehr zu tun. Wer heute die Stricknadeln klappern und die Nähmaschine rattern lässt, will sich absetzen von modischer Massenware und Fast Fashion, und das sind nicht wenige. Mehr als 18,6 Millionen Menschen stricken, häkeln oder nähen laut einer Trendanalyse des Zukunftsinstituts regelmäßig – 1,6 Millionen mehr als noch 2013.

Wer nähen und stricken kann, ist im Vorteil – „Selfmade“ ist wieder in Mode und das neue Statussymbol.

Anneliese Bernsdorf und Marie-Luise Wulf sind diesem Trend weit voraus. Seit 14 Jahren treffen sich die Lübeckerinnen zum Handarbeits-Stammtisch bei Claudia Hente-Bittersohl, die in dritter Generation das Geschäft ihres Großvaters „Walter Weit“ führt. Im Hinterzimmer des Wollladens stehen Kekse und Kaffee auf dem Tisch, dazwischen Garne, Nadeln, Strickanleitungen. Kein Muster ist zu schwierig – Anneliese Bernsdorf sucht die Herausforderung. „Sonst wird’s ja langweilig“, sagt sie und lacht. Die langen Stunden des grauen Winters sind fast noch zu kurz für die anspruchsvollen Arbeiten der Stammtisch-Strickerinnen. Der 19-jährige Enkel hat sich eine Strickjacke mit Zopfmuster im Internet ausgeguckt, für ihre Tochter hat Anneliese Bernsdorf einen modischen grauen Hoodie aus weicher Schurwolle gestrickt. „Das ist der Vorteil daran“, sagt sie. „Man hat immer Sachen, die andere nicht haben.“

Es ist auch der Stolz, etwas Eigenes und Einmaliges zu schaffen, der den Do-it-yourself-Trend beflügelt und die alten Handarbeitstechniken wieder erblühen lässt. Claudia Hente-Bittersohl reist regelmäßig nach Köln zur Internationalen Fachmesse für Handarbeit und Hobby nach Köln, um neue Garne einzukaufen und ihren Kundinnen Muster und Anleitungen der neuesten Strickmoden mitzubringen. In diesem Jahr präsentieren sich dort vom 31. März bis 2. April 400 Unternehmen aus mehr als 40 Ländern, sagt Michael Steiner, Sprecher der Messe Köln. „Seit 2009 hat sich die Zahl der Aussteller verdoppelt, und auch die Besucherzahl steigt von Jahr zu Jahr kontinuierlich.“ 2016 hatte die Messe 14800 Besucher aus 68 Ländern.

„Selfmade“ habe sich zu einem Statussymbol entwickelt, stellt die „Initiative Handarbeit“ fest. Das Selbermachen sei Ausdruck einer neuen Wertehaltung. „Handarbeiten setzt ein Gegengewicht zur Beschleunigung des Alltags – etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, das ist Entschleunigung pur“, erklärt die Sprecherin des Branchenverbandes, Anja Probst-Bajak. Das spreche auch junge Frauen an, die zum Strickzeug greifen oder sich an die Nähmaschine setzen, um sich oder ihre Kinder einzukleiden. Der Trend schlägt sich auch in den Auslastungszahlen der Nähkurse nieder. „Die sind bundesweit immer ausgebucht“, sagt Probst-Bajak.

Neun Schneidermeisterinnen unterrichten in der Familienbildungsstätte der Gemeinnützigen in Lübeck das Konfektionsnähen. „Wer das erst einmal für sich entdeckt hat, bleibt auch dabei“, sagt die Leiterin Ute Mardfeldt. „Und das sind zunehmend auch viele junge Frauen.“ 27 Kurse für jeweils zehn Teilnehmerinnen werden pro Woche von der Familienbildungsstätte angeboten – sie sind alle ausgelastet. Sieben Nähkurse und einen Nähclub listet das aktuelle Programm der Volkshochschule Lübeck. „Nähen boomt, das geht durch alle Altersgruppen. Unter meinen Kundinnen sind viele Mütter, die Kleidung, Schnullerketten, Schmusedecken oder Namenskissen für ihre Kinder nähen“, sagt Ursula Hohoff, die seit 34 Jahren das Handarbeitsgeschäft „Nadel + Faden“ in der Lübecker Hüxstraße führt. Vor fünf Jahren hat sie ihr Sortiment umgestellt und konzentriert sich jetzt ganz auf hochwertige Stoffe und Nähbedarf.

Auch Ina Radeke entdeckte das Nähen, als sie Mutter wurde und für ihre heute vier und acht Jahre alten Kinder ökologisch und fair hergestellte Kleidung suchte. „Es gab da diese tollen Pumphosen für die Kleinen, aber die waren so teuer, dass ich dachte: Das kann ich auch selbst machen.“ Sie meldete sich bei einem Nähkursus an, eignete sich die Grundtechniken an und hatte Feuer gefangen. „Ich nähe vor allem für meine Kinder, weil ich so bestimmen kann, was sie tragen und weiß, wie und woraus die Sachen gemacht sind.“ Inzwischen bietet sie selbst Kurse in ihrer „Kleinen Nähschule“ an – mit teils langen Wartelisten. „Die Nachfrage reißt nicht ab. Heute wollen die Mütter ihre Kinder nicht in Polyester und Billigklamotten stecken. Die selbstgenähten Sachen zeigen auch: Mein Kind ist anders, es trägt nichts von der Stange.“

Häkeln, stricken, nähen – der Markt für Handarbeiten boomt

Der Markt für Wolle, Stoffe und Kurzwaren boomt: 1,28 Milliarden Euro haben die Deutschen 2015 für Handarbeitsbedarf ausgegeben. Handstrickgarne und Stoffe machen Dreiviertel des Gesamtmarktes aus.

Nähen hat Stricken als Trend überholt. Bei den Stoffen stieg der Verkauf um sechs Prozent auf 475 Millionen Euro.

Die Verkaufszahlen

im Bereich Nähmaschinen stiegen 2015 um acht Prozent auf 163 Millionen Euro. Bei den Kurzwaren wurden dazu noch 185 Millionen Euro umgesetzt.

 Regine Ley

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